Analyse: Alles, was Sie noch zum „Fall Kreditech“ wissen müssen

Von Heinz-Roger Dohms, Finanz-Szene.de, und Caspar Schlenk, Gründerszene

Es war eine Schock-News für die deutsche Fintech-Community: Das einstige Vorzeige-Startup Kreditech steckt nach Recherchen von „Gründerszene“ und „Finanz-Szene.de“ in finanziellen Schwierigkeiten, etliche Altgesellschafter wurden in eine – öffentlich gar nicht erst kommunizierten – Kapitalrunde massiv verwässert. Was müssen Sie sonst noch wissen? Ein Überblick.

Was wurde da überhaupt gemacht?

Dass bestehenden Gesellschafter (oder zumindest: einige der bestehenden Gesellschafter) im Zuge einer Finanzierungsrunde nicht nur im handelsüblichen Maße, sondern sehr deutlich verwässert werden, kommt häufiger vor. Das ist normalerweise dann der Fall, wenn sich das Startup nicht wie gewünscht entwickelt – und einige Investoren sagen: Okay, bevor der Laden gegen die Wand fährt, schießen wir (nochmal) Geld rein, allerdings wollen wir für dieses Risiko in Form hoher Anteile entschädigt werden. Im Jargon wird eine entsprechende Kapitalmaßnahme als „Hair-cut“ bezeichnet. Kaufen die (neuen) Investoren den alten deren Restanteile (gegen eine symbolische Summe) ab, spricht man auch von einem „Wash-out“. Ungewöhnlich ist Beobachtern zufolge, wie stark im Falle Kreditech einige Altgesellschafter verwässert wurde, nämlich auf weniger als 1/70 dessen, was ihnen vorher an der Firma gehörte.

Welche Investoren haben mitgezogen?

Die Kapitalrunde hat zu einer Bereinigung der Gesellschafter-Struktur geführt. Der strategische Großinvestor Naspers (Mutter des Kreditech-Partners PayU) wurde zwar minimal verwässert, hält aber mit 34,9% weiterhin einen signifikanten Anteil. Zweitgrößter Eigner mit 34,6% ist der US-Finanzinvestor J.C. Flowers, der seine Anteile nahezu verdoppelt hat. Ebenfalls aufgestockt haben der niederländische Private-Equity-Fonds HPE PRO (jetzt 12,1%), der japanische Online-Gigant Rakuten (jetzt 6,7%) und in geringem Maße auch die Weltbank-Tochter „International Finance Corporation“ (4,2%).

Welche Investoren wurden verwässert?

Besonders hart erwischte es zum Beispiel den US-Investor Blumberg Capital, der vor der Kapitalmaßnahme noch 8,1% an Kreditech hielt – und jetzt nur noch 0,11%. Das luxemburgische Anlagevehikel „Wert KDT S.a.r.l.“ (wer dahinter steht ist unklar) hielt vor der Runde noch 13,6%, jetzt sind es nur noch 3,6%. Sprich: Dieser Investor zog mit, aber nur in begrenztem Umfang.

Was ist mit den beiden Gründern?

Alexander Graubner-Müller zeichnete zwar neue Anteile, wurde aber trotzdem von zuletzt 2,27% auf nur noch 0,72% verwässert. Ob „AGM“ wirklich noch mal eigenes Cash ins „sein“ Unternehmen gesteckt hat, darf man gleichwohl hinterfragen. Der 31-Jährige war offiziell Anfang September aus dem Kreditech-Management ausgeschieden – wenige Tage, bevor CEO David Chan die Gesellschafter zur jener außerordentlichen Versammlung einlud, die schließlich in der jetzigen Kapitalrunde mündete. Gut vorstellbar, dass die neuen Anteile im Zusammenhang mit einer wie auch immer gearteten Vereinbarung im Zuge seiner Demission stehen. Und der andere Kreditech-Gründer, das Enfant Terrible Sebastian Diemer? Hatte seine Anteile dem Vernehmen schon im Zuge der letzten großen Finanzierungsrunde 2017 verkauft. Mutmaßlicher Erlös: eine mittlere bis gehobene einstellige Millionensumme. Alles richtig gemacht? Wird nicht jeder so sehen.

Was sind die Hintergründe der aktuellen Lage?

Schon in der Vergangenheit hatte Kreditech ein Problem: Stellte man die Schalter auf Wachstum, musste man die Akzeptanzrate runterschrauben, also Nutzer mit einer noch schlechteren Kreditwürdigkeit annehmen. Das erhöht kurzfristig die Umsätze, mittelfristig droht aber ein verstärkter Kreditausfall. Schon 2015 gab es deswegen Schwierigkeiten. Der Chefwechsel in diesem Frühjahr deutet darauf hin, dass diese nie wirklich behoben wurden. Denn der neue CEO Chan will in Zukunft auf Kunden mit einer besseren Bonität setzen. „Nearprime“ wird das entsprechende Segment genannt. Dieses sei bei einem geringeren Risiko leichter zu skalieren, schreibt er in einem Statement gegenüber „Gründerszene“ und „Finanz-Szene.de“. Außerdem sei der Markt größer.

Wie geht es weiter?

Die Geldgeber haben Kreditech noch nicht verloren gegeben – sondern immerhin 14 Mio. Euro investiert. Sie glauben offenbar an die neue Strategie oder geben dies zumindest vor. David Chan zeigt sich weiterhin sehr zuversichtlich und kündigt in seinem Statement 1 Mrd. Euro Umsatz in sechs Jahren an und einen möglichen Börsengang im Jahr 2021. Für dieses Wachstumsszenario werden die 14 Mio. Euro allerdings nicht reichen. Es ist wahrscheinlich, dass der Fokus der kommenden Monate auf Profitabilität liegt – und nicht auf starkem Wachstum. Dass das Management in der Lage ist, diese Kurs umzusetzen, muss es jetzt beweisen.

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