Analyse: Haben Deutschlands Fintechs wirklich ein Funding-Problem?

Von Heinz-Roger Dohms

Zugegeben – bei „Finanz-Szene.de“ packen wir einzelne Fintech gern mal etwas fester an (siehe Outbank in den Wochen vor der Insolvenz, siehe Smava neulich, siehe Companisto gestern, siehe das Sonderfall-Fintech Paydirekt). Aber: Die seit einigen Wochen von immer mehr befreundeten Medien verbreitete These, mit dem Fintech-Standort Deutschland stimme ganz grundsätzlich was nicht, bleibt für uns schwer nachzuvollziehen. Gestern zum Beispiel berichteten „Reuters“ bzw. das „Handelsblatt“, dass „Fintechs in Deutschland nur schwer an Geld kommen“. Mal abgesehen davon, dass die anekdotische Evidenz just der letzten Tage (Deposit Solutions, Billie, FintecSystems) eher gegen diese Behauptung spricht: Auch die richtige Evidenz (sprich: die aggregierten Funding-Zahlen für 2017) sagen aus unserer Sicht etwas anderes. Was ist also dran an der Funding-Klemmen-These? Eine Analyse in fünf Punkten:

1.) Die Fintech-Fundings erreichen in diesem Jahr ein Rekordniveau

Allen Doom-Berichten zum Trotz: Laut den belastbarsten öffentlich zugänglichen Daten (nämlich jenen, die Barkow Consulting vor einigen Wochen für die Comdirect erstellt hat) lagen die VC-Fintech-Investitionen hierzulande per Q3 bereits wieder beim 0,93-Fachen des gesamten Vorjahres. Nun führen wir bei „Finanz-Szene.de“ zwar keine geheimen Strichlisten – und über einen API-Schnittstellen-basierten Exklusiv-Zugang zum Barkowschen Datenschatz verfügen wir auch nicht … Aber: Wenn man einzig und allein mal auf die beachtlichten Dimensionen der jüngsten Funding-Runden bei Deposit Solutions (20 Mio. Dollar nur 17 Monate nach der vorangegangenen Finanzierung), Billie (10 Mio. Euro nur wenige Monate nach der Gründung) oder Compeon (12 Mio. Euro) schaut, dann kann es keinen vernünftigen Zweifel geben, dass die 2017er-Zahlen die Rekordzahlen aus 2016 übertreffen werden.

2.) Wer ein einigermaßen plausibles Geschäftsmodell hat, der bekommt auch Geld

Natürlich funden die VCs nicht (mehr) alles – was zum Beispiel Outbank zu spüren bekam, wo u.a. den Starinvestor Frank Thelen irgendwann im Laufe dieses Sommer das Gefühl beschlich, er habe nun genug Geld mit dem Finanz-App-Anbieter verbrannt. Charakteristisch ist dieser Fall trotz aller „Das Fintech-Sterben hat begonnen“-Berichte allerdings nicht. Stattdessen erzählen Fintech-Gründer (jedenfalls solche mit einem einigermaßen plausiblen Geschäftsmodell), dass, wer Geld will, auch weiterhin welches kriegt. Dies deckt sich mit Schilderungen von VC-Managern, die insgeheim beklagen, es sei bei den wirklich guten deutschen Fintechs gar nicht so leicht, überhaupt zum Zuge zu kommen. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist Compeon, wo die Serie-B-Finanzierung komplett über die Altinvestoren gestemmt wurde. Und übrigens: Es ist nicht so, dass jeder, der  funded, dies auch kommuniziert. Der Manager eines nicht ganz kleinen deutschen Fintechs erzählte neulich unter dem Siegel größter Vertraulichkeit, er habe weder die jüngste Finanzierungs-Runde noch die davor publik gemacht. Grund: Nur so könne er sich das Heer der „Ich will eine Scheibe vom Fintech-Boom abhaben“-Sales-Menschen da draußen (Headhunter, SEO/Web-Agenturen, externe Software-Developer etc. pp.) vom Leibe halten. Gäbe es eine Funding-Krise, gäbe es auch dieses Heer nicht.

3.) Was stimmt: Die „Early Stage“-Finanzierungen gehen zurück (behaupten wir jetzt einfach mal, ohne die passenden Daten bei der Hand zu haben) …

… was aber in erster Linie daran liegen dürfte, dass es im Jahr sechs (oder sind wir schon im Jahr sieben oder acht?) des Fintech-Zeitalters schlicht nicht mehr so viele „Early Stage“-Fintechs gibt. Denn: Im Grunde wurde ja inzwischen für jedes noch so kleinen Glied in der Finanzdienstleistungs-Wertschöpfungskette ein eigenes Startup gegründet (Kryptos sind ein Sonderfall, aber die brauchen ja keine VCs, weil sie ihre ICOs haben. Hihi …).

4.) Was ebenfalls stimmt: Mega-Finanzierungen gibt es in Deutschland bislang wirklich nicht

Für deutsche Finanz-Startups scheint bislang eine Art virtuelles Funding-Limit zu existieren, dass irgendwo bei 30 Mio. Euro oder so liegt. Diese Schwelle erreichen mitunter sogar Fintechs, denen man das vorher nicht unbedingt zugetraut hätte (siehe, ohne dass es böse gemeint ist: Finanzcheck) – so richtig darüber hinaus kommt mit ein, zwei Ausnahmen wie Kreditech aber auch niemand. Die Folge: Auch wenn es in Deutschland mittlerweile mindestens ein halbes Dutzend Finanz-Startups mit dreistelliger Millionbewertung gibt (Kreditech, N26, Solaris, Finleap, Deposit Solutions, Raisin …), fehlt bislang ein echtes Unicorn oder selbst ein Semi-Unicorn. Woran das liegt? Vielleicht tragen deutsche Fintechs mit globalen Ambitionen tatsächlich aus Investorensicht einen kleinen „Made in Germany“-Malus mit sich herum, verglichen zum Beispiel mit britischen Fintechs wie Revolut, Monzo oder Transferwise. Womöglich liegt es aber auch schlicht daran, dass einem abgesehen von Kreditech, N26 und Solaris gar keine deutschen Finanz-Startups einfallen, die die ganz großen internationale Ambitionen hegen.

5.) N26 wird der große Testfall

Können deutsche Fintechs Finanzierungsrunden von 50 bis 100 Mio. Euro (oder wenigstens Dollar)? Können deutsche Fintechs Unicorn? Können deutsche Fintechs zu globalen Marken werden? Oder können sie  – siehe zum Beispiel Auxmoney – nur Inland bzw. können sie – siehe zum Beispiel Solarisbank – nur B2B? Um es kurz zu machen: Die anstehende Funding-Runde von N26 könnte die Antwort auf diese Fragen geben

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