Analyse: Wie in der Berenberg-Bilanz aus einem 92-prozentigen Einbruch ein Rekordjahr wurde

Von Heinz-Roger Dohms

Berenberg? Das ist nicht nur die Bank des BdB-Präsidenten – es ist auch die Bank, die 2016 den vielleicht höchsten Return on Equity erzielte, den jemals ein hiesiges Geldhaus erzielt hat. Unfassbare 95,8 Prozent betrug die Eigenkapitalrendite laut Einzelabschluss. Der ohnehin schon stattliche Gewinn stieg nochmals um 56 Mio. Euro auf 161 Mio. Euro. Kein Wunder also, dass sich die Traditionsbank vergangenes Jahr für das „höchste Ergebnis in der 427-jährigen Geschichte“ feierte.

Dann aber stellte Berenberg vor wenigen Wochen seinen Konzernabschluss für 2016 in den Bundesanzeiger (zum Hintergrund: die vor knapp einem Jahr per Pressemitteilung versendeten Jubelzahlen basierten auf dem Einzelabschluss. Einen besseren und vollständigeren Einblick in die Ertragslage bietet aber der Konzernabschluss). Und da lesen sich die phänomenalen Zahlen plötzlich gar nicht mehr so phänomenal, wie neulich auch schon der „Wirtschaftswoche“ auffiel.

Denn: Im Konzernabschluss ist plötzlich „nur“ noch von einem Jahresüberschuss von 110 Mio. Euro die Rede – was freilich immer noch exzellent wäre, fände sich in der Rubrik „Sonstige betriebliche Erträge“ nicht der Hinweis auf einen „Veräußerungserlös aus dem Abgang einer Beteiligung in Höhe von 103,1 Mio. Euro“ (gemeint ist damit der Verkauf des 50-Prozent-Anteils an der Fondsgesellschaft Universal Investment, also ein Einmalertrag). Was ist also wirklich dran an dem vermeintlichen Rekordgewinn von 161 Mio. Euro?

Um das herauszufinden, bat „Finanz-Szene.de“ den renommierten Finanzanalysten Stefan Best, sich die Gewinn- und Verlustrechnung von Berenberg etwas näher anzusehen. Best lehrt an der Wiesbaden Business School, zuvor war er bei Standard & Poor’s fast zwei Jahrzehnte lang für die Bankenbranche zuständig.

Auf Basis eigener Berechnungen kommt Best für den Berenberg-Konzern zu folgenden Zahlen:

Konzern
2016 2015
70,857 54,154
300,809 367,078
Handel 34,275 36,028
Erträge 405,941 457,26
P.-Aufwand 220,29 215,078
S.-Aufwand 152,724 129,55
Aufwand 373,014 344,628
Ergebnis vor Risiko 32,927 112,632
Risiko 18,642 -1,626
Ergebnis nach Risiko 14,285 114,258
Sonstiges Ergebnis 101,014 -0,221
Ergebnis vor Steuern 115,299 114,037
Steuern 4,859 13,86
Ergebnis nach Steuern 110,44 100,177

Entscheidend ist die fünfte Zeile von unten, also das Ergebnis nach Risiko – sprich: der operative Gewinn vor Steuern. Er lag nach Bests Berechnung bei 14,3 Mio. Euro und wurde erst durch das sonstige Ergebnis (das wesentlich durch der Universal-Deal beeinflusst wurde) auf 115,3 Mio. Euro gepimpt. Nach Abzug der Steuern blieben besagte rund 110 Mio. Euro.

Nun zum Einzelabschluss, den sich Best auf Bitten von „Finanz-Szene.de“ ebenfalls angesehen hat:

Einzel
2016 2015
61,868 56,242
253,63 321,264
Handel 34,275 36,028
Erträge 349,773 413,534
P.-Aufwand 190,5 186,081
S.-Aufwand 132,342 112,69
Aufwand 322,842 298,771
Ergebnis vor Risiko 26,931 114,763
Risiko 17,284 -1,277
Ergebnis nach Risiko 9,647 116,04
Sonstiges Ergebnis 155,341 0,244
Ergebnis vor Steuern 164,988 116,284
Steuern 3,494 12,644
Ergebnis nach Steuern 161,494 103,64

Wieder ist die fünfte Zeile von unten die entscheidende – nämlich das Ergebnis nach Risiko, das auf Einzelebene sogar nur 9,6 Mio. Euro beträgt. Dass Berenberg trotzdem einen Rekordgewinn von besagten 161 Mio. Euro verkünden konnte, lag wiederum am „sonstigen Ergebnis“, wobei dieses im Einzelabschluss nach Berechnungen Bests sogar 155,3 Mio Euro ausmacht. Warum? Weil die Sondererträge aus dem Universal-Verkauf noch nicht alles sind. Hinzukommen nämlich noch Ausschüttungen von Gewinnrücklagen von Berenberg-Töchtern an die Muttergesellschaf (im Konzernabschluss schlagen sich diese Ausschüttungen naturgemäß nicht nieder).

Zusammengefasst: Nimmt man nur den operativ erwirtschafteten Gewinn (also das Ergebnis nach Risiko), dann ergibt sich im Vergleich zu 2015 ein Rückgang von rund 92 Prozent – und eine unspektakuläre Verzinsung auf das haftende Eigenkapital von nur rund fünf Prozent vor Steuern.

Erklären lässt sich das schwache Ergebnis zum einen mit den aufgrund des Expansionskurses stark gestiegenen Kosten (auf Einzelebene ging der Aufwand von 299 Mio. Euro auf 323 Mio Euro hoch, auf Konzernebene von 345 Mio. Euro auf 373 Mio. Euro). Daneben gibt es allerdings noch einen zweiten Grund: Der Provisionsüberschuss brach regelrecht ein, nämlich in der Bank von 321 Mio Euro auf 254 Mio Euro und im Konzern von 367 Mio. Euro auf 301 Mio. Euro. Im Konzernabschluss heißt es hierzu: „In einem sehr volatilen Marktumfeld sank der durch das Wertpapiergeschäft dominierte Provisionsüberschuss […]. Zwar konnten wir im Berichtsjahr weitere Marktanteile gewinnen, insgesamt traf uns hier jedoch auch der schwache Markt für die Begleitung von Kapitalerhöhungen und Börsengängen.“

Berenberg entpuppt sich damit  als fast schon reinrassige Investmentbank: In Jahren, in denen das Geschäft floriert, sind geradezu irrwitzige Renditen möglich (2015). Ist das einmal nicht der Fall – dann implodiert das operative Ergebnis (2016).

Und 2017? Irgendwann im Februar dürfte Berenberg seine neuen Zahlen vorstellen. Was sich in jedem Fall schon mal sagen lässt: Die Zahl der von Berenberg begleiteten Kapitalmarkttransaktionen ist nach Informationen von „Finanz-Szene.de“ von 21 (in 2016) auf 51 (in 2017) gestiegen. Das heißt: Selbst wenn Berenberg diesmal kein neues „Rekordjahr“ verkündet, stehen die Chancen gut, dass der operative erwirtschaftete Gewinn wieder deutlich gestiegen ist.