Das ultimative Lehrstück über die Schlacht zwischen Banken und Fintechs

Von Heinz-Roger Dohms

Viel öfter, als Sie hoffentlich merken, schreiben wir in unserem Newsletter über Themen, von denen wir nun wirklich gar keine Ahnung haben. So war das auch, als am Mittwochabend die ersten Meldungen über die Pläne der Deutschen Bank aufpoppten, einen internationalen Marktplatz für Handelsforderungen zu gründen. Natürlich haben wir das Ganze vermeldet (so dass Sie gestern Früh gleich informiert waren). Und natürlich waren wir dreist genug, uns ein schmissiges Motto auszudenken („Internationale Anti-Fintech-Allianz“). Ehrlicher wäre jedoch gewesen, wenn wir über die Geschichte einfach die Headline „Hä?“ gesetzt hätten.

Jedenfalls: Um heute nicht wieder ahnungslos vor Ihnen zu stehen, haben wir gestern einen 45-minütigen Crashkurs in Sachen „Handelsfinanzierung anno 2018“ absolviert. Dabei haben wir gelernt, dass es in diesem Beritt extrem spannende Fintechs gibt (darunter: deutsche, von Deutschen gegründete und von Deutschen finanzierte Fintechs) – und dass der Versuch der Deutschen Bank, hiergegen anzustinken, zwar nicht der erste dieser Art ist, aber ganz sicher der machtvollste. Voilà:

1.) Das Grundproblem

Das Unternehmen A (zum Beispiel ein Lebensmittelhändler) hat mit dem Zulieferer B (zum Beispiel ein Getränkeproduzent) ein Zahlungsziel von 60 Tagen vereinbart. Die üblichen Verzögerungen eingerechnet, werden daraus dann gern mal 70 bis 75 Tage – also dreieinhalb Monate, in denen der Getränkeproduzent, obwohl er seine Ware längst geliefert hat, aufs Geld wartet.

2.) Wie die Banken das Problem klassischerweise lösten

Klassischerweise kennen Banken drei Möglichkeiten, wie sie dem Getränkeproduzenten weiterhelfen können:

  • Die Hausbank finanziert den Getränkeproduzenten mittels Kreditlinie
  • Die Hausbank übernimmt die Forderung, die der Getränkeproduzent gegenüber dem Lebensmittelhändler hat. Sie finanziert die Rechnung also gegen eine Gebühr von vielleicht 2% vor und holt sich das Geld dann vom Händler (Factoring)
  • Während Factoring auf nationaler Ebene (deutscher Zulieferer, deutscher Händler, deutsche Hausbank) sehr gut funktioniert, ziert sich die Hausbank bei internationalen Transaktionen häufig, die Forderung und damit auch das Risiko zu übernehmen. In solche Fällen ist es oftmals so, dass nicht die Bank des Zulieferers, sondern die Bank des Händlers die Vorfinanzierung übernimmt (Reverse Factoring).
3.) Wie die Fintechs in diese Beziehung einbrachen

Es gibt mindestens ein halbes Dutzend ernstzunehmende Fintechs da draußen, die den Banken in der Handelsfinanzierung ernsthafte Konkurrenz machen, dazu gehören Taulia (USA), C2FO (USA), Trustbills (Deutschland) oder auch Traxpay (Deutschland). Vom Prinzip her verfolgen die meisten dieser Startups ein Plattform-Modell, die Ansätze unterscheiden sich jedoch. Drei wollen wir beispielhaft skizzieren:

  • Als internationaler Vorreiter gilt Taulia, ein 2009 von jungen Deutschen in San Francisco gegründetes Fintech. Bei Taulia handelt es sich um eine sogenannte Lieferantenplattform, die ein Prinzip anwendet, dass „Dynamic Discounting“ genannt wird. Dieses funktioniert so, dass – um beim obigen Beispiel zu bleiben – der Lebensmittelhändler seine Rechnungen gegen ein nachträglich eingeräumtes individuelles dynamisches Skonto vom Lieferanten begleicht. Anders gesagt: Beide Unternehmen einigen sich auf der Taulia-Plattform über die Höhe des Skontos, das wiederum abhängt  vom restlichen Zahlungsziel und den Finanzierungskosten des Lieferanten. Der Vorteil: Große, kapitalstarke Unternehmen können ihren Cash-Bestand nutzen, um Erträge zu erzielen, statt das Geld auf der Bank zu parken. Die Lieferanten wiederum bekommen nicht nur die Rechnung zeitig beglichen, sondern zahlen – so jedenfalls das Versprechen der Plattform – hierfür weniger als bei klassischen Bankprodukten.
  • Einen sozusagen dritten Weg wählt das – immer ein wenig im Schatten agierende, aber sehr spannende – Frankfurter Fintech Traxpay. Es bietet  eine Kombination aus den angeführten Finanzierungen an und stellt sie dem Lebensmittelkonzern genauso wie dem Getränkeproduzenten als Komplettangebot zur Verfügung. Anders als Taulia oder C2FO geht Traxpay die Corporates allerdings nicht direkt an, sondern versucht die Banken als Partner zu gewinnen (damit diese ihren Unternehmenskunden dann die Traxpay-Lösung zur Verfügung stellen).
4. Was die Deutsche Bank nun plant

Die Deutsche Bank sagt sich nun: Bevor die Taulias uns das Geschäft komplett streitig machen oder wir uns von den Traxpays zu reinen Fintech-Partnern degradieren lassen, entwickeln wir doch lieber selbst eine digitale Plattformlösung für unsere Kunden. Welcher Ehrgeiz hinter diesen Plänen steckt, zeigt sich darin, dass sich der hiesige Marktführer dafür mit einigen der weltgrößten Banken zusammentut, darunter HSBC, die Citigroup und BNP Paribas. Ohne es final beurteilen zu können, scheint das, was die Großbanken da planen, eher der Traxpay-Lösung als der Taulia-Lösung oder der C2FO-Lösung zu ähneln. So hören wir es jedenfalls aus dem Markt, der allerdings ja auch manchmal irrt.

5. Wie die Initiative der Deutschen Bank einzuordnen ist
  • Der Schritt erscheint wagemutig, aber auch sinnhaft. Denn: Die Fintechs, die sich in dem Markt tummeln, sind zwar ambitioniert unterwegs, aber noch nicht so etabliert, dass man sagen könnte, die Reaktion der Banken komme zu spät.
  • Trotzdem scheint es uns so zu sein, dass die Pläne der Deutschen Bank nicht völlig neu sind. Lesen Sie doch hierzu bitte mal diesen Auszug hier aus einem „Techcrunch“-Artikel von Januar:  „The IBM-backed Hyperledger Fabric project is a trade finance platform aimed at international payments utilizing blockchain, with seven of its largest supporters including Deutsche Bank, HSBC, KBC, Natixis, Rabobank, Societe Generale and Unicredit. IBM’s blockchain platform will run through the IBM Cloud, allowing for interconnectivity between all parties in a particular secure transaction.“ Kann es sein, dass dieser Blockchain-basierte Ansatz erst einmal zurückgestellt wird und die Deutsche Bank nun (mit teils neuen Partnern) eine zwar ähnliche Plattform plant, nun aber ohne Blockchain?
  • Zudem wollen wir an eine Pressemitteilung der Deutschen Bank aus dem April 2017 erinnern. Damals beteiligte sich das wichtigste Geldhaus des Landes mit 12,5% am Hamburger Fintech TrustBills. In der PM hieß es: „Ziel von TrustBills ist es, die Plattform zu einem internationalen Marktplatz für Handelsforderungen von Unternehmen jeder Größe zu entwickeln. Über die Konditionen der Transaktion wurde Stillschweigen vereinbart. Die Deutsche Bank folgt der DZ Bank AG, die bereits seit 2016 an TrustBills beteiligt ist.“ Fährt die Deutsche Bank mehrgleisig? Oder hat Trustbills keine Priorität mehr?
  • Und noch eine letzte Anmerkung: Techologisch ist das, was die Deutsche Bank da plant, nicht eben trivial, haben wir uns erklären. Es ist also nicht so, dass sich da einfach ein paar Banken zusammenschließen und schon haben sie – sozusagen qua Aura – den mehrjährigen Entwicklungs-Vorsprung von Fintechs via Taulia, C2FO, Trustbills oder Traxpay aufgeholt. Sondern: Die Deutsche Bank wird ganz schön ranklotzen müssen.

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