Exklusiv: Daimler tauscht den Chef von Mercedes Pay aus – was wird nun aus der Wallet?

Von Heinz-Roger Dohms

Immerhin – eine Website gibt es. Das ist aber auch alles, knapp anderthalb Jahre, nachdem der Stuttgarter Automobilkonzern Daimler mit stattlichem Aplomb seinen Einstieg ins Payment-Geschäft verkündete. „Mercedes Pay – Coming Soon“ steht in fetten Lettern auf der Seite, darunter heißt es: „Mercedes pay is your wallet for the next generation of mobility services by Daimler. Join us and discover a whole new world of opportunities beyond your driving experience.“

Zu joinen gibt es dann allerdings nichts. Die whole world besteht lediglich  aus einem Impressum, das gleichwohl eine dicke Überraschung bereithält. Denn der bisherige Geschäftsführer von Mercedes Pay, Jürgen Wolff, taucht dort gar nicht mehr auf. Stattdessen steht da jetzt ein neuer Name:  Bartosz Swatko.

Was ist da los?

Rückblick: Im Januar vergangenen Jahres vermeldete Daimler stolz die Übernahme eine der vielen neuen Payment-Firmen, die sich da draußen tummeln, nämlich der PayCash Europe. Paycash war ein 2012 gegründetes, in der Szene vielbeachtetes deutsch-luxemburgisches Startup, das neben mobiler Bezahlung auch Krypto-Lösungen und Wallet-Systeme anbot. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Er dürfte laut Branchenkennern im ein- oder vielleicht niedrigen zweistelligen Millionenbereich gelegen haben.

Die Ziele, die das  Traditionsunternehmen mit der Akquisition verband, waren eindeutig definiert: „Mit dem Einstieg ins ePayment-Business wird die Daimler AG unter dem Markennamen ‚Mercedes pay‘ künftig seinen eigenen elektronischen Zahlungsdienstleister an den Start bringen“, hieß es in einer Presse-Mitteilung. Als „elementaren Bestandteil unserer Mobilitäts- und Digitalisierungsstrategie“, bezeichnete Finanzchef Bodo Uebber die neue Tochter. Und Klaus Entenmann, Chef des hauseigenen Finanzkonzerns Daimler Financial Services, sekundierte: „‚Mercedes pay‘ ermöglicht ein technisch einfaches und sicheres Abwickeln unserer digitalen Angebote“ – womit zum Beispiel der Sharing-Anbieter Car2Go oder die Mytaxi-App gemeint waren. Die Produktideewurde wurde  klar benannt: Um eine „eWallet“ sollte es gehen, also um den „virtuellen Geldbeutel“ von Mercedes.

Das klang irgendwie alles schlüssig. Irgendwie aber auch wieder nicht.

Denn. Die „Wallet“ gilt vielen Branchenmanagern zwar einerseits als heiliger Gral der ePayment-Revolution. Andererseits: Speziell im deutschen Markt ist der Begriff inzwischen ein Synonym für „Scheitern“. So verbrannte der Versandhandelsriese Otto schiere Unsummen beim jahrelang vergebens betriebenen Versuch, eine eigene Wallet-Lösung namens Yapital im Markt zu etablieren; 2015 wurde das Vorhaben begraben (eine Analyse, warum Yapital scheiterte, lesen Sie bei den Kollegen von „Gründerszene“). Nicht besser als Otto erging es den großen Mobilfunk-Unternehmen des Landes. Als letztes verkündete jüngst der Vodafone-Konzern das Ende seines Geldbeutel-Projekts: Ende Juni soll die „Vodafone Wallet“ abgeschaltet werden. Zuvor hatten bereits die Telekom („MyWallet“) und O2 („mpass“) ihre eigenen mobilen Portemonnaies dichtgemacht.

Nun mögen dem Scheitern von Otto, Vodafone oder der Telekom jeweils spezifische Managementfehler zugrundeliegen – darüber hinaus schwebt über jedwedem Geldbeutel-Projekt allerdings eine sehr generelle Frage: Braucht der Kunde die jeweilige „Wallet“ wirklich? An Bezahlverfahren herrscht schließlich kein Mangel. Bei Rewe zum Beispiel konnten die Menschen ihre Einkäufe ja auch schon begleichen, bevor Rewe zum vorübergehenden Flagship-Partner von Yapital wurde; und  bei Car2Go funktioniert die Zahlungsabwicklung auch ohne „Mercedes Pay“. Dieselbe Gretchenfrage stellt sich übrigens  – wenn auch in einem etwas anderen Kontext – für Paydirekt, den Paypal-Klon der deutschen Banken: Wer braucht die Kopie, wenn es das kostenlose Original schon gibt? Hinzu kommt: Würden die „Wallets“ nicht spätestens im Markt zerrieben, wenn Apple oder Google mit ihren eigenen mobilen Bezahllösungen auf den deutschen Markt kommen? (lesenswert in diesem Zusammenhang: ein Artikel von unserem Lieblingsblogger Leo Bosankic).

Jedenfalls: Im Mai 2017 legte Alexander Vollmer, Projektleiter E-Payment bei Daimler, gegenüber dem „Handelsblatt“ nochmal nach: „Wir wollen im zweiten Halbjahr 2017 mit neuen digitalen Dienstleistungen sichtbarer für den Kunden werden“, sagte er damals. Weiter  hieß es in dem Artikel: „Auch Daimler-Kunden können sich dann ein digitales Portemonnaie einrichten. Darüber können sie zunächst Zahlungen für die Daimler-Mobilitäts-App Car2Go abrechnen. Später sollen andere Daimler-Apps wie Mytaxi und Moovel und weitere Dienste rund ums Auto dazukommen.“ Ungefähr zur gleichen Zeit wurden in den sozialen Medien sogar schon Designs der entsprechenden App herumgetwittert.

Heute, ein Jahr später, fehlt in den einschlägigen App-Stores allerdings immer noch jede Spur von Mercedes Pay. Auch in den AGBs von Car2Go findet sich kein Hinweis auf Mercedes Pay oder eine Wallet. Genauso vergeblich gestaltet sich die Suche in den FAQ. Die Frage „Wie kann ich zahlen?“ wird lediglich wie folgt beantwortet: „Du kannst mit deiner Kreditkarte oder per Lastschriftverfahren zahlen. Falls du car2go sowohl privat als auch geschäftlich nutzt, kannst du auch leicht zwischen verschiedenen Zahlungsprofilen wechseln.“ Auch wenn man sich bei Car2Go neu registrieren lässt, werden als Zahlungsmöglichkeit nur Kreditkarte oder SEPA-Lastschrift explizit genannt.

Ein Gespräch über den Stand des Projekts lehnte Daimler vergangene Woche ab. Fragen sollten schriftlich eingereicht werden. Genauso machte „Finanz-Szene.de“ es. Dabei ging es verkürzt gesagt um fünf Komplexe:

1.) Was ist aus den Ankündigungen von vor einem Jahr geworden?

2.) Wo ist „Mercedes Pay“ schon live (abgesehen vom Mercedes Museum, wo es angeblich ein Pilotprojekt geben soll)?

3.) Wann wurde der Wechsel auf der CEO-Position vollzogen? Und was wurde aus Paycash-Gründer Wolff, der öffentlich lange Zeit auch als CEO von Mercedes Pay firmierte?

4.) Wie viel Geld hat Daimler bislang in Mercedes Pay investiert?

5.) Ist die Etablierung einer eigenen eWallet-Lösung überhaupt noch das Ziel, dass mit Mercedes Pay verfolgt wird?

Daimler ging auf die Fragen nicht im Einzelnen ein. Stattdessen schrieb ein Sprecher zurück: „Mercedes pay ist ein Bestandteil von Daimlers Mobilitäts- und Digitalisierungsstrategie und wird sukzessive über Serviceleistungen des Konzerns angeboten. Mercedes pay soll das bestehende Netzwerk für die Zahlungsabwicklung vergrößern und das bevorzugte elektronische Bezahlsystem für unsere Kunden werden. Seit April 2018 ist Bartosz Swatko CEO von Mercedes pay S.A.“

Mit anderen Worten: Der CEO-Wechsel wird bestätigt. Was den Rest betrifft, darf man rätseln.

Kann es sein, dass sich da gerade der nächste deutschen Großkonzern schwertut, seine Paypent-Pläne in die Realität umzusetzen?

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