Exklusiv: Deutsche Retailbanken verlieren durch Fintechs schon jetzt bis zu 1,5 Mrd. Euro Ertrag

Von Heinz-Roger Dohms

Die Fintech-Revolution kostet die deutschen Banken in deren Privatkundengeschäft schon jetzt bis zu 1,5 Milliarden Euro Ertrag pro Jahr. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest ein Whitepaper der Consultingfirma Oliver Wyman, das „Finanz-Szene.de“ exklusiv vorliegt. Der größere Teil dieser Erträge, nämlich an die 900 Millionen Euro, wechselt den Berechnungen zufolge gewissermaßen die Seite – landet also nun bei den Fintechs statt bei den Banken. Bei den übrigen bis zu 600 Millionen Euro handelt es sich um indirekte Effekte beispielsweise in dem Sinne, dass durch erhöhte Transparenz und größeren Konkurrenz die Margen sinken. In diesem Falle profitieren also nicht die Fintechs, sondern die Kunden. Zur Einordnung: Den gesamten Ertragspool im deutschen Retailbanking schätzt Oliver Wyman auf rund 54  Mrd. Euro.

Naturgemäß handelt es sich bei den 1,5 Mrd. Euro letztlich um einen Annäherungswert. Allerdings erscheint die Zahl plausibel hergeleitet – und sie vermittelt (soweit wir das sehen) erstmals überhaupt einen quantitativen Eindruck davon, wie weh die Fintechs den Banken da, wo es drauf ankommt (also bei den Erträgen), wirklich schon tun. Als Datenbasis verweist Oliver Wyman auf veröffentlichte Kunden- bzw. Volumenzahlen, entsprechende Margenannahmen, Einträge im Bundesanzeiger sowie auf eigene Projekterfahrungen und Kundenumfragen. „Auf dieser Grundlage haben wir die Zahlen dann für das gesamte im Privatkundengeschäft tätige Fintech-Spektrum im deutschen Markt hochgerechnet“, erläutert Partner René Fischer.

Fischer war dabei nach eigener Aussage selber „etwas überrascht, dass die Ertragseffekte nicht schon ein bisschen höher sind“. In der Tat: Dramatisch muten die Ergebnisse noch nicht an – was allerdings auch daher rührt, dass die Untersuchung bewusst eng gefasst wurde. So klammerte Oliver Wyman nicht nur das Firmenkundengeschäft und das Investmentbanking aus. Auch Zahlungsdienstleister und Wallet-Anbieter blieben außen vor, was Fischer damit begründet, „dass diese ihre Erträge in erster Linie im Geschäft mit dem Einzelhandel generieren – ganz abgesehen davon, dass dieser Bereich ja auch nicht zum Privatkunden-Ertragspool gehört“. So fokussiert sich die Studie letztlich auf sechs bzw. fünf Arten von Fintechs:

  • Neo-Banken wie N26
  • Allgemeine Aggregatoren wie Check24, Verivox/Outbank oder Treefin
  • Spezifische Marktplätze wie Hypoport/Dr. Klein, Interhyp, Smava oder Finanzcheck.de (wenn man die allgemeinen Aggregatoren und die spezischen Markplätze zusammenfasst, kommt man auf fünf statt sechs Kategorien …)
  • Produktspezialisten, zu denen Oliver Wyman z.B. Robo Adviser wie Scalable Capital oder P2P-Plattformen wie Auxmoney rechnet
  • Banking-Services-Anbieter wie IDNow, Gini oder Fino
  • Plattformbanken wie Solaris

Der größte Teil der direkten Effekte in Höhe von bis zu 900 Millionen Euro entfällt erwartungsgemäß auf die allgemeinen Aggregatoren und die spezifischen Marktplätze (sprich: auf Check24, Interhyp und Co.) – nämlich rund 700 Millionen Euro. Im Vergleich dazu nehmen sich die Erträge der Neobanken (20-30 Mio. Euro), der Plattformbanken 20-25 Mio. Euro) und der Produktspezalisten (30-50 Mio. Euro) noch sehr bescheiden aus. Dagegen kommen die Banking-Services-Anbieter (übrigens sehr zur Freude der Vermarktungsstrategen von „Finanz-Szene.de“, aber das wirklich nur nebenbei bemerkt …) immerhin schon auf 80-100 Mio. Euro.

Hier das Ganze als Grafik:

Darüber hinaus enthält die Studie natürlich auch eine Prognose. Und die fällt so aus, dass allein die direkten Erosionseffekte bis 2022 auf rund zwei Milliarden Euro anschwillen könnten, wobei absolut weiterhin die Aggregatoren und Marktplätze am stärksten wachsen, relativ gesehen die stärkste Dynamik nun aber aus den übrigen Kategorien kommt.

Auch hier die Grafik (aufgepasst: Aggregatoren und Marktplätze sind hier nun zusammengefasst):

Die vielleicht wichtigste Schlussfolgerung, die sich aus der Studie ziehen lässt: Wenn die Banken die Ertragseffekte durch die Fintech-Konkurrenz auch künftig in erträglichem Ausmaß halten wollen (wobei: Was ist in Zeiten niedriger Zinsen und strenger Regulierung schon „erträglich“?), dann müssen sie den Kampf um die Schnittstelle zum Kunden gewinnen – ein Kampf, der in erster Linie gegen die Aggregatoren (bzw. Vergleichsportalen, Marktplätzen oder wie immer man sie nennen will …)  geführt werden wird. Consultant Fischer: „Wenn die Aggregatoren dauerhaft die Kundenschnittstelle besetzen, dann werden sie den Banken künftig einen ganz signifikanten Teil der Marge streitig machen. Bei zugleich zunehmendem Preis- bzw. Provisionsdruck ließen sich über diese Kanäle dann keine positiven Nettomargen mehr erwirtschaften.“

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