Exklusiv: Eigenkapitalrendite? 196 Prozent. Der geheime Schatz der Apobank

Von Heinz-Roger Dohms

Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank greift nach einem Schatz. Es ist allerdings ein Schatz, von dem kaum jemand weiß. Ein Geheimschatz, wenn man so will. Wer den Schatz entdecken will, muss einen verschlungenen Weg auf sich nehmen, und dieser Weg beginnt auf der Website des Bundeskartellamts, Unterseite: „Fusionskontrolle“, Rubrik: „Laufende Verfahren“. Dort findet sich seit wenigen Wochen – genauer: unter dem Datum des 7. November – das Aktenzeichen „B3-164/18“. Der entsprechende Antrag lautet:

„Deut­sche Apo­the­ker- und Ärz­te­bank eG, Düs­sel­dorf (D); Auf­sto­ckung der Be­tei­li­gung von 24% auf 50% mi­nus ei­ne Ak­tie an PRO­FI Ers­te Pro­jekt­fi­nan­zie­rungs- und Be­tei­li­gungs­ge­sell­schaft AG (Fir­men­grup­pe Dr. Gül­de­ner)“

Es ist ein unscheinbarer Antrag. Doch die Unscheinbarkeit steht nach Recherchen von „Finanz-Szene.de“ in diametralem Gegensatz zu seiner Bedeutung. Denn: Bei der „Firmengruppe Dr. Güldener“ ist der Name Programm, die Profitabiliät des Unternehmens als golden zu beschreiben, wäre sogar eine grobe Untertreibung. Konkret: 2017 hat die größte der insgesamt drei Güldener-Gesellschaften eine Eigenkapitalrendite von surrealen 196% erzielt.* Dafür brauchte es nicht mal einen außergewöhnlich guten Geschäftsverlauf. 2016 zum Beispiel waren es sogar 243%. Insider schätzen den Wert der öffentlich nahezu unbekannten Unternehmensgruppe auf weit mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Wobei: Die finanzielle Dimension ist das eine. Das andere ist die Frage: Kann es sein, dass die Güldener Gruppe der Apobank (die offiziell, siehe oben, ja nur 24% der Anteile hält) längst gehört? Jedenfalls de facto? Und das seit Jahren?

Aber der Reihe nach.

Teil I: Die Apotheker- und Ärztebank

Über die Apotheker- und Ärztebank (Sitz: Düsseldorf, Bilanzsumme: 44,4 Mrd. Euro) weiß man grosso modo zwei Dinge. Erstens ist sie die größte deutsche Genossenschaftsbank (wobei die Genossen ausnahmslos Ärzte und Apotheker sind). Und zweitens hat sie in ihrem Kerngeschäft (nämlich dem mit der eigenen Klientel) eine derart starke Marktposition, dass sie 2016 ein „Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit“ in Höhe von satten 192,8 Mio. Euro auswies.

Was man aber schon nicht mehr so genau weiß: Wie genau verdient die Apobank eigentlich ihr Geld? Ist es nur das gute, alte Kreditgeschäft? Oder steckt mehr dahinter? Genauer: Was verbirgt sich beispielsweise hinter dem weitverzweigten Beteiligungsnetz der Apothekerbank, über das der aktuelle Geschäftsbericht auf Seite 88 detailliert Auskunft gibt. In dieser Liste ist ein Name esoterischer als der andere, von der „ARZ Haan AG“ (Anteil: 23%) über die „Kock & Voeste Existenzsicherung für die Heilberufe GmbH“ (26%) über die medidesign GmbH (50%) bis hin zur CredaRate Solutions GmbH (13%). Insgesamt sind es 20 Firmen, an denen die Apobank „wesentlich beteiligt“ ist. Und eine davon, die dritte von unten in der Liste, ist besagte: „Profi Ers­te Pro­jekt­fi­nan­zie­rungs- und Be­tei­li­gungs­ge­sell­schaft AG“, Sitz: Zürich. Also jenes Unternehmen, das in der Anmeldung beim Kartellamt genannt wird und das hinter der in Stuttgart ansässigen Dr. Güldener Gruppe steht.

Teil II: Die Profi Erste und die Güldener Gruppe

Im Handelsregisteramt des Kantons Zürich taucht die „Profi Erste“ erstmals im Dezember 2003 auf. Offensichtlich wird die Gesellschaft seinerzeit bereits mit einem sehr konkreten Ziel gegründet. Denn neben dem allgemeinen Geschäftszweck findet sich in dem damaligen Eintrag der folgende „besondere Tatbestand“: „Die Gesellschaft beabsichtigt, nach der Gründung Teilgeschäftsanteile an der DZR Deutsches Zahnärztliches Rechenzentrum GmbH […] zu übernehmen.“ Die DZR? Das ist die größte der drei Güldener-Gesellschaften, also die mit der atemberaubenden Eigenkapitalrendite von 196%. Die anderen beiden sind die „Optica Abrechnungszentrum Dr. Güldener GmbH“ und die „Apotheken- und Ärzte-Abrechnungszentrum Dr. Güldener GmbH“.

Die Güldeners gibt es wirklich. Das Unternehmen wurde 1953 von Ludwig Güldener gegründet. Sein Sohn Dr. Volker Güldener trat 1968 in die Geschäftsführung ein. Die dritte prägende Figur war laut der offiziellen Firmenchronik ein gewisser Rudolf Prangen, der 2015 verstarb. Zu den Besitzverhältnissen sagt die Chronik nichts. Allerdings zeigen Recherchen von „Finanz-Szene.de“, dass die Firmengruppe in den vergangenen 15 Jahren offenbar sukzessive unter das Dach der Schweizer „Profi Erste“ geführt wurde.

Was treiben die drei Unternehmen nun? Nach unserem Verständnis (wobei dieses Verständnis in Bezug auf das Gesundheitswesen ein äußerst rudimentäres ist) tun sie alle drei mehr oder weniger dasselbe – sie übernehmen nämlich die Abrechnung von Rezepten und erhalten dafür eine Gebühr. Die eine der drei Güldener-Gesellschaften tut dies für die Zahnärzte, die zweite für sonstige Ärzte und Apotheker und die dritte für die Optiker.  Teilweise wird die reine Abrechnung offenbar um Factoring-Leistungen ergänzt. Das dürfte zum Beispiel dann der Fall sein, wenn es um private Zuzahlungen geht, für die die Kassen nicht aufkommen und bei denen deshalb ein entsprechendes Ausfallrisiko besteht.

Kurzum: Die drei Güldener-Gesellschaften sind Teil eines viele, viele Milliarden Euro schweren Geldkreislaufs. Und viele, viele Millionen davon bleiben bei ihnen hängen. In den güldensten Zeiten der Branche sollen sich die Abrechnungsfirmen laut Fachportalen etwa 0,4% aus dem Kuchen herausgeschnitten haben. Heutzutage seien es vielleicht noch 0,2%. Dennoch weiterhin ein fantastisches Geschäftsmodell.

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Teil III: Wo landen die Gewinne der Güldener-Firmen?

Addiert kamen die drei Güldener-Firmen 2017 auf ein „Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit“ in Höhe von 46,7 Mio. Euro, was sich (unter anderem nach Abzug der Steuern) in einen addierten Bilanzgewinn von 33,1 Mio. Euro übersetzte. Das sind Gewinndimensionen, wie sie die „Metzlers“, die „Warburgs“, die „Hauck & Aufhäusers“ oder die „Lampes“ dieser Republik schon lange nicht mehr erreichen. Und selbst, sagen wir, eine Comdirect (Bilanzgewinn in den vergangenen drei Jahren: 113 Mio. Euro, 70 Mio. Euro, 57 Mio. Euro) ist nicht so wahnsinnig weit davon weg. Mit dem feinen Unterschied freilich, dass die Güldener Gruppe kaum Eigenkapital benötigt, um auf solche Ergebnisse zu kommen. „Das ist eine unglaubliche Cashcow“, sagt ein Insider aus der Gesundheitsbranche. Auch Thomas Borgwerth, Teilzeit-Analyst von „Finanz-Szene.de“, war begeistert bzw. entgeistert, als wir ihm den Jahresabschluss zeigten: „Das ist ja unfassbar, wie viel Geld die verdienen.“

Die Frage ist nun, wo dieses Geld hinfließt. „Die Geschäftsführung schlägt der Gesellschafterversammlung vor, den Bilanzgewinn […] vollständig auszuschütten“, steht im 2017er-Abschluss der DZR GmbH. Von kleineren Thesaurierungen abgesehen scheint es in den vergangenen Jahren genauso gewesen zu sein. Jahr für Jahr fließen also rund 20 Mio. Euro  allein aus der DZR GmbH heraus – aber wo landet dieses Geld?

Soweit von außen ersichtlich, müsste das Geld eigentlich größtenteils in der Schweiz landen. Denn laut deutschem Handelsregister hält die „Profi Erste“ aktuell an allen drei Güldener-Gesellschaften die  deutliche Mehrheit:

  • Bei der DZR GmbH sind es 58,7% der Anteile (wobei übrigens 16,2% der DZR-Anteile bei der Apobank unmittelbar liegen, womit man addiert auf 74,9% kommt)
  • Bei der Optica GmbH sind es 74,9%
  • Und bei der Apotheken- und Ärzte-Abrechnungszentrum GmbH sind es ebenfalls 74,9%
Teil IV: Die beiden großen Rätsel

Leider sind die schweizerischen Unternehmensregister nicht so transparent wie die deutschen (bzw.: Vielleicht sind wir von „Finanz-Szene.de“ auch nur zu blöd, in die schweizerischen hineinzukommen). Darum liegen uns weder eine GuV noch die Bilanz der „Profi Erste“ vor. Allerdings lässt sich über den Jahresabschluss der Apobank zumindest indirekt ein bisschen hineinspieken in die „Profi Erste“ – denn: Die Apobank gibt zu jeder ihrer Beteiligungen das Ergebnis des jeweils vorangegangenen Geschäftsjahrs an. Bei der „Profi Ersten“ waren das in den vergangenen Jahren indes jeweils nur 2-3 Mio. Euro. Müsste es nicht eigentlich viel mehr sein angesichts der üppigen Ausschüttungen der Güldener-Gesellschaften? (zumal die „Profi Erste“ einen eher bescheidenen Kostenapparat zu unterhalten scheint, wenn man der Website glauben darf). Jedenfalls: Das ist das eine Rätsel.

Das andere Rätsel lautet: Wenn der Apobank offiziell 24% an der „Profi Ersten“ gehören – wem gehören dann die übrigen 76%? Auch auf diese Frage finden wir in den Schweizer Registern keine Antwort. Was allerdings öffentlich ist, das sind die Namen der vier Verwaltungsräte der Gesellschaft. Und da fällt nun Folgendes auf:

  • Bei einem handelt es sich um einen aktuellen Apobank-Vorstand (vorausgesetzt, es handelt sich nicht um eine zufällige Namensdopplung)
  • Der zweite gehörte (sofern auch hier keine zufällige Namensdopplung vorliegt) bis vor ein paar Jahren dem Aufsichtsrat der Apobank an
  • Der dritte (er ist der Verwaltungsratschef) taucht in deutschen Registereinträgen als früherer Aufsichtsratschef einer damaligen Apobank-Beteiligung auf (wiederum vorausgesetzt, es handelt sich nicht um eine zufällige Namensdopplung)
  • Und der vierte scheint (wiederum: sofern keine zufällige Namensdopplung vorliegt) derselben Kanzlei wie der dritte anzugehören

Mit aller Vorsicht gefragt: Kann es sein, dass die Apobank, dafür dass sie nicht einmal ein Viertel der Anteile hält, einen erstaunlichen Einfluss auf die „Profi Erste“ haben könnte?

Der Branchendienst „Apotheker Adhoc“ stellte es schon vor zwei Jahren in einem Artikel wie eine Quasi-Tatsache dar, dass die Apobank „über schweizerische Firmen […] de facto […] die Mehrheit am privaten Rechenzentrum Dr. Güldener“ halte. Einen unumstößlichen Beleg für diese Behauptung blieb das Portal gleichwohl schuldig. Die Apobank wollte sich damals nicht äußern, auch auf Anfrage von „Finanz-Szene.de“ zeigt sie sich wortkarg. Allerdings heißt es aus dem Umfeld des Instituts, es gebe „keinen beherrschenden Einfluss“.

(„Finanz-Szene.de“ versuchte in der vergangenen Woche übrigens, abgesehen von der Apobank auch mit der Geschäftsführung der Güldener Gruppe und mit dem Verwaltungsratschef der „Profi Erste“ in Kontakt zu kommen, allerdings vergebens. E-Mail-Anfragen blieb unbeantwortet, Bitten um Rückrufe führten nicht zum Erfolg.)

Teil V: Die Schatzsuche

Was wissen wir nun?

  • Zum einen, dass es den Schatz gibt (er besteht zum einen aus den Güldener-Gesellschaften und zum anderen aus deren über die Jahre erwirtschafteten horrenden Gewinnen)
  • Und zum zweiten, dass die Apothekerbank wenigstens eine Hand an diesem Schatz haben muss (nämlich über die 24% an der „Ersten Profi“, über die geplante Aufstockung auf knapp 50% und über die 16%, die sie an der größten der drei Güldener-Gesellschaften hält).

Was hingegen Spekulation bleiben muss, siehe oben:

  • Wo genau liegt der Schatz?
  • Und wer außer der Apobank hat noch eine Hand am Schatz?

Was noch ganz interessant ist. Laut den Recherchen von „Finanz-Szene.de“ hatte die Apobank diesen Sommer beim Bundeskartellamt schon einmal die Erhöhung ihrer Anteile an der „Profi Erste“ angemeldet. Der jetzige Anlauf ist also bereits der zweite. Aus dem Umfeld der Apobank heißt es: „Das hatte keine inhaltlichen Gründe, sondern war rein prozessual bedingt.“

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*Wie haben wir die Eigenkapitalrendite von 196% errechnet? Also: Der Konzernjahresüberschuss des Unternehmens lag 2017 bei 20,6 Mio. Euro. Dem stand per Ende Dezember ein Konzerneigenkapital von 31,1 Mio. Euro gegenüber. Da diese Eigenmittel aber  zu zwei Dritteln aus dem erwirtschafteten Gewinn bestanden, kommt „Finanz-Szene.de“-Analyst  Thomas Borgwerth zu der Ansicht, „dass man bei streng wirtschaftlicher Betrachtung die 20,6 Mio. Euro eigentlich von den 31,1 Mio. Euro abziehen sollte.“ Bleiben 10,5 Mio. Euro Eigenkapital. Setzt man hierzu wiederum die 20,6 Mio. Euro Gewinn in Bezug, kommt man auf die 196%.

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