Exklusiv: So sehen die Geschäftszahlen eines deutschen Durchschnitts-Fintechs aus

Von Heinz-Roger Dohms

Rund 700 Fintechs gibt es in Deutschland, die Blogs, Portale und Zeitungen sind voll von ihnen – bloß: Was weiß man wirklich über sie? Denn: Bei den wirklich wichtigen Fragen (zum Beispiel: Wie viel Ertrag macht ihr eigentlich?) werden die sonst so mitteilsamen Finanz-Startups ja immer sehr schweigsam. Nun jedoch ist „Finanz-Szene.de“ zufällig auf einen Fintech-Geschäftsbericht gestoßen, wie er transparenter, verständlicher und vollständiger kaum sein könnte. Veröffentlicht hat ihn Decimo, ein zwar kleines, aber sehr spannendes Berliner Fintech, das die Banken in einem ihrer Kerngeschäfte angreift, dem Factoring. Also: Wie viel Geschäft macht so ein Normalo-Fintech wie Decimo? Wie hoch sind die Erträge, wie stark das Wachstum, wie kräftig die Verluste, wie hoch die Ausfallraten? Der Branchen-Newsletter Ihres Vertrauens, liebe LeserInnen, hat den Decimo-Geschäftsbericht ausgewertet. Voilá:

Wie viel Ertrag macht so ein Durchschnitts-Fintech eigentlich?

Die Erträge aus Factoring-Gebühren lagen 2016 bei 243.540 Euro, hinzu kamen „sonstige betrieblich Erträge“ (z.B. aus Versicherungs-Entschädigungen für ausgefallene Forderungen) in Höhe von 50.032 Euro. Dazu gesellte sich noch eine weitere Ertragsposition, die sich unter anderem aus der Auflösung von Rückstellungen speiste. Hier ging es um 17.637 Euro.

Welche Aufwendungen hat so ein Durchschnitts-Fintech eigentlich?

Decimo kam 2016 mit durchschnittlich fünf Mitarbeitern aus, die Personalkosten inklusive Sozialabgaben betrugen 184.661 Euro. Dazu addierten sich Zinsaufwendungen in Höhe von 53.260 Euro und „andere Verwaltungsaufwendungen“ über 363.234 Euro. Hierin enthalten sind die Werbe- und Vertriebskosten, die mit 47.229 Euro vergleichsweise moderat ausfielen. Höher waren die Rechts- und Beratungskosten (143.515 Euro).

Wie viel Verlust macht so ein Durchschnitts-Fintech eigentlich?

Wie sich leicht errechnen lässt, reichten die Erträge bei Decimo immerhin schon mal, um die (allerdings bescheidenen) Personal- und Marketingausgaben zu finanzieren; und selbst die Zinsaufwendungen ließen sich noch aus den Einnahmen decken.  Aufgrund der „anderen Verwaltungsaufwendungen“ und weiterer Posten (zum Beispiel Abschreibungen von gut 100.000 Euro) stand unterm Strich allerdings  ein deutlicher Jahresfehlbetrag in Höhe von 394.305 Euro.

Wie viel Geschäft macht so ein Durchschnitts-Fintech eigentlich?

Decimo kam 2016 auf ein Vorfinanzierungsvolumen in Höhe von 5,9 Mio. Euro.

Wie stark wächst so ein Durchschnitts-Fintech eigentlich?

2016 verarbeitete Decimo insgesamt 8.637 Forderungen – was einem Plus von 92 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entsprach. Aus dem Ausblick in der Bilanz lässt sich zudem entnehmen, wie sich die Geschäfte im ersten Quartal 2017 entwickelten. So stiegen die Gesamterträge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von rund 40.000 Euro auf rund 103.000 Euro, ein Plus von rund 160 Prozent.

Wie gut beherrscht so ein Durchschnitts-Fintech eigentlich sein Geschäft?

Die „Abschreibungen auf Forderungen und Zuführungen zu Wertberichtigungen“ beliefen sich auf 93.000 Euro. Laut Geschäftsbericht war dieser Betrag „nach wie vor nicht zufriedenstellend“. Allerdings senkte Decimo den Anteil „ausgefallener und ausfallbedrohter Forderungen“ gemessen am Factoringumsatz von 3,7% in 2015 auf nur noch 1,6%. Gemessen an den Ausfällen klassischer Factoring-Firmen ist das natürlich immer noch extrem hoch. Allerdings: 1.) Decimo bedient eine völlig andere Zielgruppe als die etablierte Konkurrenz (nämlich Selbständige und Freiberufler). Und 2.)  Die Ausfallraten bei kreditgewährenden Fintechs sind anfangs fast immer sehr hoch. Das kann auch damit zu tun haben, dass die Start-ups  Ausfälle sogar bewusst in Kauf nehmen, um entsprechende Lehren daraus zu ziehen – und die Systeme zu verbessern.

Mit wem partnert so ein Durchschnitts-Fintech eigentlich?

Im Geschäftsbericht ist die Rede von einem namentlich nicht genannten Refactoring-Partner, der Forderungen in Höhe von 526.000 Euro refinanziert habe – hierbei sei es i.d.R. um Laufzeiten von mehr als 30 Tagen gegangen. Die kurzfristigen Forderungen wurden derweil durch ein Betriebsmitteldarlehen der Hypo-Vereinsbank in Höhe von 500.000 Euro gedeckt.  Wenn wir es richtig verstehen, stützte sich die HVB dabei wiederum auf ein Programm der Investitionsbank Berlin-Brandenburg (ging also vermutlich nur teilweise selbst ins Risiko).

Wie verhält sich die Größe eines solchen Durchschnitts-Fintechs eigentlich zum Gesamtmarkt?

Der Branchenumsatz (bezogen auf die Mitglieder des deutschen Factoring-Verbandes) lag 2016 bei 216,8 Mrd. Euro. Gemessen daran ist Decimo natürlich noch ein Winzling.