Exklusiv: Zwischen Buba- und EZB-Zahlen zu Gewinnen deutscher Banken klafft Riesenlücke

Von Heinz-Roger Dohms

Wie profitabel sind die deutschen Banken? Zuletzt haben wir uns dieser Frage gewissermaßen anekdotisch genähert, nämlich am Beispiel der sehr profitablen Sparkasse Aachen und der fast schon obszön profitablen Targobank. Im dritten Teil unserer kleinen Serie wollen wir uns heute nun den aggregierten Zahlen widmen. Hier nämlich hat der Düsseldorfer Datenspezialist Barkow Consulting einen – wie wir finden – spannenden Research-Coup gelandet (den er uns dann dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat). Und zwar fand Barkow heraus: Die beiden „offiziellen“ Datensätze, die zur Gewinnkraft deutscher Banken existieren, weichen spektakulär voneinander ab. Laut Bundesbank hat die hiesige Kreditwirtschaft von 2008 bis 2017 rund 116 Mrd. Euro erwirtschaftet, laut EZB hingegen nur 23 Mrd. Euro. Wie kann das sein?

Die Grafik

Die Analyse:

  • Die seit 1968 erhobene „Ertragslage-Statistik“der Bundesbank beruht auf den veröffentlichten Jahresabschlüssen, die EZB-Zahlen dagegen auf aufsichtsrechtlichen Mitteilungen (die dann in die sogenannten „Consolidated Banking Data“ einfließen, die seit 2002 erhoben werden)
  • Konkret stützt sich die Bundesbank auf die Einzelabschlüsse der rund 1600 Kreditinstitute hierzulande – sie arbeitet also mit den HGB-Zahlen, und zwar auch bei Großbanken wie der Deutschen Bank oder der Commerzbank. Im Gegensatz dazu folgen die EZB-Zahlen der IFRS-Logik, selbst bei Sparkassen und Volksbanken, die ausschließlich nach HGB bilanzieren. Sie müssen den Aufsehern sogenannte Datenpunkte liefern, die dann so weit wie möglich dem IFRS-Standard angeglichen werden.
  • Trotz dieses „Mappings“ fehlen in den EZB-Zahlen die Zuführungen zum sogenannten „Fonds für allgemeine Bankrisiken“. Das ist eine offene Reserveposition, die nur in der handelsrechtlichen Rechnungslegung existiert (HGB §340g), nicht aber im internationalen IFRS-Standard. Tatsächlich beruht ein großer Teil des Unterschieds zwischen den Bundesbank- und den EZB-Zahlen ganz offenkundig auf diesem vermeintlichen Detail. Denn gerade zwischen 2011 und 2013 haben viele Sparkassen (und auch sonstige HGB-Banken) stille Reserven nach §340f in offene Reserven nach §340g umgewandelt.* Ein gutes Beispiel hierfür ist die Hamburger Sparkasse, die nach Recherchen von „Finanz-Szene.de“ allein 2012 exakt 500 Mio. Euro in den „Fonds für allgemeine Bankrisiken“ eingestellt hat. In den Bundesbank-Zahlen erscheint dieses Geld als Gewinn. Bei der EZB ist das nicht der Fall. (allerdings: Während die EZB in ihren GuV-Statistiken die 340g-Zuführungen unberücksichtigt lässt, wird der Bestand nach 340g sehr wohl als Eigenkapital gewertet. Das wirkt sich entsprechend doppelt negativ auf den Return on Equity der deutschen Banken aus, weil der 340g-Faktor im Zähler=Return außen vor bleibt, in den Nenner=Equity aber einfließt).
  • Die EZB arbeitet gemäß IFRS-Logik mit den konsolidierten Zahlen – und zwar europaweit. Das hat zur Folge, dass die hiesigen selbstständigen Niederlassungen ausländischer Banken in den „deutschen“ EZB-Zahlen nicht auftauchen. Folge: Schwergewichte wie die ING Deutschland, die Hypo-Vereinsbank, die deutsche Santander oder die Targobank fehlen schlichtweg (während die hiesigen Aktivitäten der BNP Paribas übrigens auch bei der Bundesbank außen vor bleiben, weil die französische Großbank hierzulande mit EU-Passport unterwegs ist). Derweil fließen zum Beispiel die Gewinne der polnischen Commerzbank-Tochter mBank sowohl in die EZB-Zahlen als auch in die Bundesbank-Zahlen ein. Denn: Die mBank findet nicht nur im Konzernabschluss der Commerzbank Berücksichtigung, sondern über abgeführte Gewinne auch im HGB-Einzelabschluss.
  • Die Gewinne von Nicht-Banken, die Teil einer deutschen Bank sind und ihre Erträge beim Mutterkonzern abliefern, sind in den Bundesbank- und den EZB-Zahlen mit drin. Das gilt zum Beispiel für die zur DZ Bank gehörende R+V-Versicherung.
  • Zugleich fließen in die EZB-Zahlen aber (unserem Verständnis nach, hierfür geben wir aber keine 100%-ige-Gewähr) auch Gewinne ein, die wiederum von der Bundesbank ignoriert werden. Ein Beispiel sind die Erträge bankenunabhängiger Leasing-Unternehmen, die als „Finanzinstitute“ dem „CRR-Konsolidierungskreis“ angehören – aber kein „monetäres Finanzinstitut“ im Sinne der Bundesbank sind.
  • Ein Sonderfall ist die KfW, die als „Monetäres Finanzinstitut“ in der Ertragslage-Statistik der Bundesbank enthalten ist – aber aufgrund ihres aufsichtsrechtlichen Sonderstatus zumindest bislang nicht dem „CRR-Konsolidierungskreis“ angehört, womit sie in den EZB-Zahlen außen vor bleibt.
  • Umgekehrt sind die Bürgschaftsbanken zwar in den EZB-Zahlen drin, nicht aber in den Buba-Zahlen (was freilich den Bock nicht wirklich fett macht).
Fazit

Die erheblichen Unterschiede dürften ganz wesentlich darauf beruhen, dass in den EZB-Zahlen …

  • die Gewinne gleich einer Handvoll ertragsstarker deutscher Großbanken (ING Deutschland, HVB, deutsche Santander, Targobank, KfW) fehlen und
  • die Zuführungen in den „Fonds für allgemeine Bankrisiken“ ignoriert werden

Eine Frage bleibt gleichwohl offen: Welche Zahlen sind besser? Bzw.: Wie viel Gewinn machen die deutschen Banken wirklich?

Dazu mehr in den nächsten Tagen.

* In den ursprünglichen Fassung hatten wir flapsig geschrieben, die Sparkassen und Volksbanken hätten die umgewandelten Reserven „durch die GuV laufen lassen“. Bei nochmaliger Lektüre sind wir uns jetzt aber nicht mehr sicher, ob man das so wirklich sagen kann … Drum haben die Formulierung gestrichen.

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