Finanz-Szene.de Top 1: Sind Deutschlands Banker zukunftsblind?

„Finanz-Szene.de“ macht zwei Wochen Pause und ist am 14. August mit neuen Top-Stories aus der deutschen Banken- und Fintech-Branche wieder für Sie da. Um die Zeit zu überbrücken, „wiederholen“ wir die zehn meistgelesenen Geschichten aus den vergangenen zwölf Monaten. Heute: „Sind Deutschlands Banker zukunftsblind“. Der Artikel erschien am 3. Juli.

Von Heinz-Roger Dohms

Eigentlich eine Unverschämtheit: Da malen Heerscharen von Fintech-Jüngern, Gafa-Predigern, Digital Na(t)ives, Mega-Influencern, Edel-Consultants und Sonst-nix-zu-tun-Bloggern (zur letzten Kategorie zählen ja bekanntlich auch wir selbst) Tag für Tag den Untergang der klassischen Banken an die Wand …

Doch was machen die klassischen Banken? Weigern sich unterzugehen. Und nicht nur das: Wie aus dem jüngsten „E&Y Bankenbarometer Deutschland“ hervorgeht (siehe „Finanz-Szene.de“ vom vorvergangenen Freitag), besitzt die angestammte Kreditwirtschaft auch noch die Chuzpe, ihre eigene Lage eher rosarot als schwarz zu malen.  Das operative Geschäft laufe „positiv“ bis „sehr positiv, geben 97% der 120 befragten Banker und Sparkässler zu Protokoll. Und 92 % sagen, speziell im Retailgeschäft seien die Aussichten „gut“ oder wenigstens „eher gut“.

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Sind die Szenarien der selbsternannten „Ahead of the curve“-Menschen einfach nur maßlos überzeichnet? Oder leugnen die Banken und Sparkassen  die Realität? Und, ganz konkret: Warum geben sich die Banker eigentlich so zufrieden?

Zehn mögliche Erklärungen:

1.) Der Super-GAU kommt wohl doch nicht

Während die „Ahead of the curve“-Menschen die disruptiven Folgen der Digitalisierung beschwören, beschäftigte viele Normalbanker (sprich: die Vorstände von Sparkassen und Volksbanken) zuletzt ein ganz anderes Drohszenario – nämlich ein abrupter Zinsanstieg, der die Refikosten rasch steigen ließe und mutmaßlich verheerende Folgen für die GuV hätte. „Sämtliche Parameter sprechen allerdings gegenwärtig dafür, dass die Zinswende noch auf sich warten lässt und dann auch nur sehr langsam kommen wird“, sagt ein Manager aus einem der beiden großen Verbünde. „Das ist ein ganz wesentlicher Grund dafür, dass viele Banker momentan mit dem Status quo relativ gut leben können.“

2.) Mit dem Null-Zins lässt es sich leben

Apropos Zinsen: Gemessen an den Szenarien, die vor einigen Jahren gezeichnet wurden, kommen viele Banken mit den anhaltend niedrigen Zinsen erstaunlich gut zurecht. Wie aus den Monatsberichten der Bundesbank hervorgeht, konnte die deutsche Kreditwirtschaft den Zinsüberschuss bis 2015 steigern (siehe Seite 66), bevor er 2016 erstmals leicht sank (siehe Seite 54). 2017 ging das Zinsergebnis  zwar weiter zurück, allerdings immer noch nicht wirklich dramatisch. Bei den Sparkassen lag das Minus bei 3,0%, bei den Genobanken waren es 1,6%.

3.) Die Zahlen sind eigentlich immer noch ganz gut

Darüber hinaus ist es vielen deutschen Retailbanken – wiederum entgegen den Prognosen vieler Experten – gelungen, den Rückgang des Zinsüberschusses durch eine Steigerung des Provisionsergebnisses nicht nur zu kompensieren, sondern zum Teil sogar überzukompensieren. So stieg der Provisionsüberschuss z.B. der Postbank im vergangenen Jahr um 12%: Bei einzelnen Sparkassen wie jener in Potsdam waren es sogar bis zu 31% – und aggregiert kamen die öffentlich-rechtlichen Institute immerhin auf ein Plus von 8,4%, die Volks- und Raiffeisenbanken auf ein Wachstum von 8,1%. Hinzu kommt die bei vielen Geldhäusern rekordniedrige Risikovorsorge, die dazu beiträgt, dass die Zahlen im deutschen Retailbanking zuletzt viel besser waren als es die Kassandrarufer wahrhaben wollen.

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4.) Der Kunde ist treuer (bzw.: träger) als befürchtet

Was viele Bankvorstände zudem hoffnungsfroh macht: Die Erhöhung der Kontoführungsgebühren (die den steigenden Provisionseinnahmen zugrunde liegen) führte – anders als befürchtet – zu keinem dramatischen Kundenexodus. „Die Wechselbereitschaft ist viel geringer, als man das vor zwei, drei Jahren noch befürchten musste“, sagt der Chef einer mittelgroßen Sparkasse. Ähnlich sieht das Oliver Keine von Crossconsulting: „Das Hausbankprinzip verliert zwar seit Jahren immer mehr an Bedeutung, trotzdem bleiben Kunden ihrer Bank oftmals doch treu. Auch weil der Wechsel zu einem anderen Institut trotz mehr oder weniger gut funktionierender Kontowechselservices immer noch nervenaufreibend ist.“

5.) Die Fintechs sind dann doch nicht so bedrohlich

Was die Tragweite der sog. Fintech-Revolution betrifft, nehmen viele Normalbanker die Realität anders wahr als viele Fintech-Menschen selbst. Denn während die Digitalnerds auch noch das blasseste 0-8-15-Finanz-Startup mit irgendwelchen „Fintech des Jahres“-Preisen bedenken, fragen viele Bankmanager inzwischen: Ja, wo sind sie denn, die Fintechs? „Die Banken fürchten den disruptiven Effekt der Fintechs nicht mehr so stark wie noch vor einigen Jahren“, sagt Berater Keine. Ähnlich sieht das der Sparkassen-Chef: „Die Startups werden zwar ernst genommen, allerdings nicht mehr unbedingt als Herausforderer, sondern eher als Kooperationspartner.“ Der Verbundbanker drückt es so aus: „Wir haben gelernt, dass die Erfolge der angeblich so bedrohlichen Fintechs dann doch nicht so schnell kommen, wie anfänglich herbeigeredet wurde, und dass – wie schön – auch mal ein paar Misserfolge dabei sind.“ Seine  Conclusio fällt gleichwohl pessimistisch aus: „Dieses Paket führt zu einer Illusion von Sicherheit – dabei wären in Wirklichkeit Veränderungen nötig.“

6.) Es gibt zum Optimismus keine richtige Alternative …

Was, bitteschön, soll er denn tun, der Normalbanker? Alles umwerfen? Sich allein mitsamt seiner mittelgroßen Sparkasse oder Volksbank gegen den Lauf der Dinge stemmen? Dirk Müller-Tronnier, Banken-Chef bei Ernst & Young, sagt: „Überraschend wenige Banken beschäftigen sich momentan mit der Entwicklung neuer Geschäftschancen, neuer Kunden oder neuer Märkte.“ Warum? Müller-Tronnier hat eine Vermutung: „Eine Rolle mag spielen, dass es nicht allzu viele leuchtende Beispiele gibt, bei denen es rückschauend betrachtet eine gute Idee war, neuartige Aktivitäten zu betreiben.“ Ohnehin könne man ja „im wettbewerbsintensiven Kerngeschäft einer inländischen Bank keine sensationellen Renditen erwarten. Wenn also stabile Verhältnisse bestehen und die nötigen internen Verbesserungen in Bearbeitung sind, dann besteht kein Grund zu lautem Klagen.“

7.) … zumal zum Pessimismus die Anreize fehlen

Oder anders gefragt: Was hätte er denn davon, der Normalbanker, wenn er plötzlich alles umwirft? Ein Sparkassen-Mensch drückt es so aus: „Sowohl die Genossenschaftsbanken als auch die Sparkassen haben eine große und vielschichtige Organisation um sich herum, so dass es im Zweifel immer jemand anderen gibt, der Schuld ist, wenn sich die Zahlen mal verschlechtern sollten. Für die eigene Karriere – und manchmal auch für den eigenen Anspruch – reicht es oftmals, wenn man  einfach nur mit dem Strom schwimmt.“ Viel kritischer werde der beäugt, der auch mal was ausprobiere. „Im Finanzwesen ist das Gegenteil von Startup-Kultur noch der Standard.“

8.) Die Banker unterschätzen den Ernst ihrer Lage

Banker haben in den letzten Jahren so viele Krisen überlebt, dass sie die wahren Gefahren für die Geschäftsmodelle vielleicht gar nicht mehr als solche erkennen – Motto: Et hätt noch emmer joot jejange. Karsten Junge von Consileon entwirft folgende Skizze: „Jedes Thema (Zinsen, Fintechs, Regulierung …) zieht eine Anpassung nach sich. Allerdings ist das neue Equilibrium nach der Anpassung immer unter dem Altzustand. Inkrementale Änderung im Umfeld führt zu einer inkrementalen Änderung des Geschäftsmodells. Das sichert ein Überleben, ist aber keine Vorwärtsstrategie. Hier läuft man schlicht Gefahr, dass man irgendwann gegen die harte Wand der Realität im eigenen Geschäftsmodell prallt. Eben der Ort, an dem es nicht mehr inkrementell weiter geht. Es gibt im Anlagegeschäft einen schönen Satz: ‚Markets can stay irrational longer than you can stay solvent‘ – das gilt inzwischen auch für Geschäftsmodelle.“

9.) Die Banken wollen einfach mal durchatmen

Unterschätzen die Banker wirklich den Ernst der Lage? Warum schließen sie dann so viele Filialen? Und warum streichen sie dann so viele Stellen? Zwei interessante Vergleiche

  • In der E&Y-Umfrage von 2016 gaben noch 61% der befragten Institute zu Protokoll, der Personalbestand werde „in den nächsten zwölf Monaten voraussichtlich sinken“ – in diesem Jahr waren es nur noch 12%.
  • In der E&Y-Umfrage von 2017 erklärten noch 74% der befragten Banken, Kostensenkungen hätte derzeit „große Bedeutung“. Aktuell sind es nur noch 44%.

Natürlich kann man daraus schlussfolgern, der Reformeifer der Banken sei schon wieder erschlafft. Vielleicht lässt es sich aber auch anders deuten: Nach Jahren des Dauerreformierens wollen manche Banker und Sparkässler einfach mal durchschnaufen.

10.) Die E&Y-Umfrage verleitet zu Fehldeutungen

„Fintechs sind wenig relevant“. Das ist einer der Schlüsse, die Ernst & Young aus der eigenen Umfrage zieht. Tatsächlich sagen nur 8% Prozent der befragten Banken, Kooperationen mit Fintechs hätten aktuell eine „große Bedeutung“ für sie (was Übernahmen von Fintechs angeht, sind es sogar bloß 3%). Was man allerdings hinzufügen sollte: Die Banken bekamen insgesamt 16 mögliche Antworten vorgegeben; darin tauchten die Stichwörter „Digital“ bzw. „Digitalisierung“ nicht ein einziges Mal auf. Mag also sein, dass die klassische Kreditwirtschaft momentan ein bisschen Fintech-müde ist. Das heißt aber nicht zwingend, dass die Banken auch Digitalisierungs-müde sind.