Finanz-Szene.de Top 4: Die unglaubliche Geschichte der Stadtsparkasse Düsseldorf

„Finanz-Szene.de“ macht zwei Wochen Pause und ist am 14. August mit neuen Top-Stories aus der deutschen Banken- und Fintech-Branche wieder für Sie da. Um die Zeit zu überbrücken, „wiederholen“ wir die zehn meistgelesenen Geschichten aus den vergangenen zwölf Monaten. Heute: „Die unglaubliche Geschichte der Stadtsparkasse Düsseldorf“. Der Artikel erschien am 2. Mai.

Von Heinz-Roger Dohms

Man könnte meinen, die deutschen Filialbanken würden in zwei unterschiedlichen Ligen spielen. Die eine Liga, das ist die mit den bekannten Problemen: Niedrigzins. Regulierung. Digitale Konkurrenz. In dieser Liga spielen zum Beispiel die Deutsche Bank, die Commerzbank, die rund 1000 Volks- und Raiffeisenbanken und eigentlich auch alle Sparkassen. Alle, bis auf eine.

Denn dann gibt es noch die andere Liga. Und in der spielt nur eine einzige Bank: die Stadtsparkasse Düsseldorf.

„Die Geschäfte bei Düsseldorfs Stadtsparkasse brummen wie selten zuvor“, jubelt die „Rheinische Post“.

„Der Zins- und Provisionsertrag ist deutlich gestiegen“, sekundiert die „Börsen-Zeitung“.

„Die Stadtsparkasse Düsseldorf hat ein erfolgreiches Jahr 2017 hinter sich – und die Aussichten für das laufende Jahr sind mindestens genauso gut“, weiß die „Westdeutsche Zeitung“.

Und Vorstandschefin Karin-Brigitte Göbel prahlte bei der jüngsten Bilanz-Pressekonferenz: „Das Betriebsergebnis vor Bewertung beträgt 102,5 Millionen Euro; es liegt um 30,4 Millionen Euro über dem Vorjahr.“

Die einst affärengeplagte Stadtsparkasse Düsseldorf ist plötzlich das Bayern München des deutschen Kreditwesens. Eine Klasse für sich.

Wie kann das sein?

Um es kurz zu machen: Eigentlich kann das gar nicht sein. Und so es ist auch nicht, zeigen jetzt Recherchen des Branchen-Newsletters „Finanz-Szene.de“. Aber wie ist es dann?

Die Antwort: Die Geschichte der Stadtsparkasse Düsseldorf muss neu geschrieben werden. Denn wer der Frage nachgeht, wo die üppigen Gewinne urplötzlich herkommen, der stellt fest, dass es sich bei einer der größten Sparkassen der Republik schon seit Jahren nicht mehr um ein Kreditinstitut im engeren Sinne handelt. Sondern zugespitzt formuliert um einen Private-Equity-Fonds mit angeschlossenem Zinsgeschäft.

Belege? Über eine Tochtergesellschaft namens Equity Partners GmbH investierte die Stadtsparkasse Düsseldorf seit den frühen Nullerjahren in zwischenzeitlich mehr als 50 (!) sogenannte Private-Equity-Anlageprogramme. Die Dimension dieser jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit betriebenen Geschäfte war so groß, dass die Verpflichtungen, die die Sparkasse gegenüber den Anlage-Vehikeln einging, laut alten Geschäftsberichten zwischenzeitlich fast 500 Millionen Euro erreichten. Zur Einordnung: Das damalige Konzerneigenkapital war nicht mal doppelt so hoch.

Die Stadtsparkasse ging also eine gigantische Wette ein. Wobei die damaligen Protagonisten vermutlich Wert auf die Feststellung legen, dass es sich um eine wohlkalkulierte Wette handelte, nicht um eine hochriskante – was allerdings nicht alle, die Einblick in die Sache haben, so sehen. Keine zwei Meinungen kann es hingegen bei der viel wichtigeren Frage geben: Was wurde aus der Wette? Nun, sie ging auf. Und zwar in einer Art und Weise, dass das wahre Gesicht der Sparkasse Düsseldorf heutzutage hinter einer gewaltigen Schicht von bilanziellem Makeup gar nicht mehr zu erkennen ist.

So kommt der von „Finanz-Szene.de“ zu Rate gezogene Bilanzexperte Stefan Best, langjähriger Bankenanalyst bei Standard & Poor’s und heute Lehrbeauftragter an  der Rhein-Main-Hochschule in Wiesbaden, zu folgendem Schluss: Vom 2016er-Konzernergebnis in Höhe von 71 Mio. Euro kamen 66 Mio. Euro aus Beteiligungserträgen,  die wiederum aus den Private-Equity-Engagements rührten. Also ganz platt gesagt: Der Gewinn kam zu mehr als 90% aus Heuschrecken-Deals. Nicht aus Zinsgeschäften.

Dabei handelte es sich 2016 keineswegs um einen einmaligen Effekt. 2015 zum Beispiel trugen die Private-Equity-Engagements auch schon 53 Mio. Euro zum Ergebnis bei. Und 2017 dürfte der Gewinnbeitrag ebenfalls erheblich gewesen sein, auch wenn die Sparkasse bislang keine Bilanzen veröffentlicht hat. Wie lange das Ganze noch so weitergehen könnte? Bis 2021 oder 2022, sagen Eingeweihte.

Bleibt zu fragen: Warum erfährt die Öffentlichkeit von alldem nichts? Weshalb lässt sich die Vorstandschefin Göbel für einen Gewinn feiern, für den sie kaum etwas kann?

Doch der Reihe nach.

Wer die wahre Geschichte der Stadtsparkasse Düsseldorf verstehen will, der muss …

  • erstens eine kleine mentale Zeitreise unternehmen, und zwar in die frühen bis mittleren Nullerjahre. An der Spitze der deutschen Sparkassen steht damals ein Mann, der im Grunde genau jenes Ziel propagiert, für das wenige Jahre später ein gewisser Josef Ackermann scharf angegriffen werden wird – nämlich die Maximierung der Eigenkapitalrendite. Okay, 25% wie beim Deutsche-Bank-Chef sollten es nicht sein. Aber 15% Prozent dann bitteschön doch. Mindestens. So jedenfalls erklärt es der damalige Sparkassen-Präsident Dietrich Hoppenstedt  Ende 2002. Die meisten öffentlich-rechtlichen Institute sind von dieser Zielvorgabe freilich weit entfernt. So kommt es, dass sich eben nicht nur die Landesbanken und die privaten Geldhäuser plötzlich für sogenanntes Kreditersatzgeschäft interessieren. Sondern auch manche Sparkassen
  • und zweitens?

Zweitens muss man einen Fachaufsatz kennen, der Anfang 2004 unter dem Titel „The Risk Profiles of Private Equity“ („Die Risikoprofile privater  Beteiligungs-Engagements“) veröffentlich wird – und der in der Stadtsparkasse Düsseldorf schon bald begeisterte Rezipienten findet. Autoren sind ein Elementarteilchen-Physiker namens Tom Weidig und ein „Master cum laude“-Absolvent der London Business School namens Pierre-Yves Mathonet.

Weidig hat laut seines Lebenslaufs die Physiker-Laufbahn aufgegeben, um als Risikoanalyst bei Bear Stearns anzuheuern, also bei jener US-Investmentbank, die wenige Jahre später untergehen wird, weil sie ihre Risiken nicht im Griff hat. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung indes arbeitet Weidig offenbar nicht mehr für Bear Stearns, sondern als Berater für Risikokapital-Geschäfte beim Europäischen Investitionsfonds, einem Finanzvehikel der EU-Kommission. Genau dort ist zu jener Zeit auch der Co-Autor Mathonet beschäftigt, der zuvor unter anderem für die Investmentbank Credit Suisse First Boston tätig gewesen ist.

Wie der Aufsatz damals in die Sparkasse Düsseldorf gelangt, ist unklar. Und es lässt sich auch nicht mehr recherchieren, warum der Artikel bei den Kommunalbankern einen solchen Eindruck hinterließ. Naheliegenderweise könnte es allerdings die Thesenzeile gewesen sein, die den Beitrag so verführerisch machte. Die nämlich lautete: „Private equity is a risky asset, but private equity investments are not necessarily so“ – übersetzt also: „Privat Equity ist riskant, aber Private-Equity-Investments sind es nicht unbedingt.“ Ohne große Mühe lässt sich in diese Zeile ein Subtext hineinlesen: „Wer es richtig anstellt, der kriegt Private-Equity-Renditen, ohne dafür Private-Equity-Risiken eingehen zu müssen.“ Und das Ganze garniert mit dem zwar nicht offiziellen, aber doch mitschwingenden Gütesiegel einer anerkannten EU-Institution. Denn unter der Studie stand: „Wir danken dem Europäischen Investitionsfonds (…) für seine Unterstützung.“

Jedenfalls: Der Beitrag der beiden, nun ja, „Wissenschaftler“ muss bei der Stadtsparkasse Düsseldorf einen bibelgleichen Status gehabt haben. Denn glaubt man den damaligen Geschäftsberichten, dann genügte der schmale Artikel als Rechtfertigung für den fulminanten Einstieg ins Private-Equity-Geschäft vollkommen aus. So heißt es unter dem Stichwort „Risikosituation“ gleich in mehreren von „Finanz-Szene.de“ gesichteten  alten Jahresabschlüssen fast wortgleich: „Für Fondsinvestments der Equity Partners GmbH sehen wir das Ausfallrisiko im Bereich Private Equity Fund-of-Funds auf Basis einer Studie („The Risk Profiles of Private Equity“, T. Weidig/P.-Y. Mathonet, Luxemburg, 2004″) aufgrund des hohen Diversifikationsgrads als gering an.“ Punkt.

Dann aber krachte im Frühjahr 2008 Bear Stearns zusammen, also der frühere Arbeitgeber eines der beiden Studien-Autoren; im Herbst des gleichen Jahres erwischte es Lehman Brothers; und auch die Credit Suisse, bei der der andere Autor beschäftigt gewesen war, geriet aufgrund riskanter Wetten ins Trudeln. Die Finanzwelt und nicht nur die standen Kopf. Und bei der Sparkasse Düsseldorf?

Wurden sie im Zuge dieser epochalen Ereignisse vermutlich dann doch ein bisschen nervös. Wovon die Öffentlichkeit freilich wenig mitbekam. Denn die kümmerte sich im Zusammenhang mit der Stadtsparkasse damals lieber um die „Affäre Maxfield“ – also um die von der Sparkasse üppig alimentierte Firma des Franjo Pooth, Ehemann der B-Prominenten Verena Pooth. Hinter den Kulissen freilich dürfte die Gewichtung damals eine andere gewesen sein. Denn bei „Maxfield“ ging es letztlich um potenzielle Verluste in einstelliger Millionenhöhe. Bei den klandestinen Private-Equity-Deals hingegen stand das 50-Fache, wenn nicht das 100-Fache auf dem Spiel.

Nachdem Vorstandschef Heinz-Martin Humme im Februar 2008 im Zuge der „Maxfield-Affäre“ seinen Posten verlor, vollzog die neue Führung  die Wende. Wobei diffus bleibt, wann genau. Denn Ende März 2008 setzte der neue Vorstandschef Peter Fröhlich erst einmal seine Unterschrift unter die 2007er-Bilanz, in der noch explizit davon die Rede war, das Ausfallrisiko bei den Private-Equity-Deals sehe man „als gering“ an. Im 2008er-Geschäftsbericht hingegen, der 2009 signiert wurde, hieß es plötzlich, schon „im Frühjahr 2008“ hätten Vorstand und Verwaltungsrat eine „deutliche Strategieänderung der Geschäftsausrichtung beschlossen“. Begründung: Mit der alten Strategie seien „größere Ausfallrisiken und volatilere Erträge“ verbunden gewesen. Deshalb würden „ab dem Geschäftsjahr 2009 auch die über eine Tochtergesellschaft getätigten Investments in Private-Equity-Sondervermögen begrenzt“.

Nun sei mal dahingestellt, wann die Kehrtwende wirklich beschlossen wurde, ob vor oder nicht doch eher nach dem Lehman-Schock; und ebenso sei dahingestellt, warum die Geschäfte erst 2009 begrenzt wurden und nicht schon 2008. Denn, unterm Strich bleibt die Erkenntnis: Wann immer die Reißleine gezogen wurde, es war zu spät. Allein 2008 ging die Sparkasse Düsseldorf zwölf neue Private-Equity-Engagements ein. Damit erhöhte sich die Gesamtzahl der Engagements auf sage und schreibe 55. Die finanziellen Zusagen an die Fonds summierten sich nun auf unfassbare 481,8 Millionen Euro.

Vor der Haustür explodierten die Banken (WestLB) oder waren schon explodiert (IKB), und auch bei der Sparkasse Düsseldorf erreichten die Verluste nun alarmierende Dimensionen. 2008 lag der Konzernfehlbetrag bei 152,8 Millionen Euro, binnen zwölf Monaten verbrannte das Kommunalinstitut rund ein Fünftel seines Eigenkapitals, nicht nur, aber schon auch aufgrund von Abschreibungen auf das Private-Equity-Portfolio. Manch einer hörte vermutlich schon die Bombe ticken.

Doch dann passierte Folgendes: Die Bombe tickte zwar. Aber sie ging nicht hoch. Nicht 2009, nicht 2010, nicht einmal auf dem Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise 2011 – obwohl sich unter den Private-Equity-Engagements auch solche in Spanien, Portugal und Italien befanden.

Die skandalfreudige Sparkasse Düsseldorf unterhielt die Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem nächsten Zerwürfnis zwischen Vorstand und Verwaltungsrat. An die Institutsspitze rückte Arndt Hallmann, der dritte Chef binnen vier Jahren. Und dieser Hallmann muss bald geahnt haben, dass es sich bei dem vermeintlichen Damoklesschwert, das er von seinen Vorgängern übernommen hatte, vielleicht gar nicht um ein Damoklesschwert handelt. Sondern um eine Wunderwaffe gegen die schwierigen Zeiten. „Finanz-Szene.de“ jedenfalls liegt ein internes Dokument aus dem Jahr 2013 vor,  das mit dem Wort „Geschäftsstrategie“ überschrieben ist. Und dort findet sich auf Seite 13, untere Tabelle, die Spalte 3c, in der es um die „Netto-Beteiligungsergebnisse“ geht. Den Planungen zufolge sollten sie von zunächst 9,2 Mio. Euro jährlich bis auf 29,1 Mio. Euro in 2018 ansteigen, getrieben durch die Private-Equity-Deals.

Hallmann und seine Kollegen hatten sich freilich verkalkuliert. Denn die Planzahlen wurden bald meilenweit übertroffen. 2013 durfte der Vorstand bereits 21 Mio. Euro aus den Private-Equity-Geschäften „ertragswirksam vereinnahmen“, wie es im Geschäftsbericht heißt, 2014 waren es dann schon 25 Mio. Euro, 2015 sogar 53 Mio. Euro, 2016 schließlich 66 Mio. Euro. Während viele deutsche Banken bei ihren „Kreditersatzgeschäften“ auf die falsche Anlageklasse gesetzt hatten (nämlich auf Subprime-Immobilien), erwischte die Sparkasse Düsseldorf die richtige –Private Equity.

Eigentlich ein Grund zum Feiern. Oder vielleicht doch nicht?

7. März 2018, Bilanz-Pressekonferenz der Stadtsparkasse Düsseldorf. 15 DIN-A4-Seiten ist das Redemanuskript lang, das Vorstandschefin Göbel vorbereitet hat. Einen Begriff sucht man in dem Dokument allerdings vergeblich: Private Equity.

Jahr für Jahr geht das so. Wenn die Sparkasse Düsseldorf die lokalen Medien und die Finanzblätter zur Präsentation der Geschäftsergebnisse lädt, dann wird jener Posten, der seit Jahren für einen beträchtlichen Teil des Gewinns steht, schlichtweg ausgespart. Stattdessen schlägt der Vorstand die Millionen einfach dem Zinsüberschuss zu, sodass der Eindruck entstehen muss, das Geld sei im ganz normalen Kreditgeschäft mit Privat- und Firmenkunden verdient worden.

Auch Oberbürgermeister und  Sparkassen-Chefkontrolleur Thomas Geisel hält sich bei dem Thema auffällig bedeckt. Schon seit Jahren tobt ein öffentlicher Streit zwischen der Kommune und ihrem Geldinstitut über die Frage, ob die Sparkasse nicht einen größeren Teil ihrer Gewinne an die Stadt ausschütten müsste. Wegen seines Präzedenzcharakters findet der Knatsch längst bundesweite Beachtung. Und trotzdem offenbaren weder Göbel noch Geisel, um welche Art von Gewinnen da eigentlich gestritten wird. Geisel sagt hierzu: „Ich habe immer gesagt, die Sparkasse soll so ausschütten, wie sie in der Lage ist.“

Dabei ist dieser Punkt ja absolut zentral: Die Stadt könnte argumentieren, zumindest die glücksspielhaft erwirtschafteten Private-Equity-Profite stünden der öffentlichen Hand zu; während der Vorstand umgekehrt argumentieren könnte, das operative Geschäft werfe so wenig Gewinn ab, dass die Sparkasse die Sondererträge umso dringender zur Stärkung ihrer Rücklagen braucht. Stattdessen wird seit Jahren eine Scheindebatte geführt. Ob die Beteiligten schlicht darauf spekuliert haben, die Sache würde nie herauskommen?

Apropos Spekulation: Irgendwann zur Zeit der heraufziehenden Finanzkrise soll es bei der Stadtsparkasse Düsseldorf den Plan gegeben haben, die Private-Equity-Investitionen auf eine Milliarde Euro zu verdoppeln. Man hat sich dann doch dagegen entschieden. Schade eigentlich.