Finanz-Szene.de Top 5: Die ultimative Analyse des Geschäftsmodells von Savedroid

„Finanz-Szene.de“ macht zwei Wochen Pause und ist am 14. August mit neuen Top-Stories aus der deutschen Banken- und Fintech-Branche wieder für Sie da. Um die Zeit zu überbrücken, „wiederholen“ wir die zehn meistgelesenen Geschichten aus den vergangenen zwölf Monaten. Heute: „Die ultimative Analyse des Geschäftsmodells von Savedroid“. Der Artikel erschien am 2. Mai.

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Tagelang diskutierte die deutsche Finanzbranche über den PR-Stunt des Frankfurter Fintechs Savedroid. Dabei sind die Fragen, um die es eigentlich gehen sollte, ganz andere: Was ist das eigentlich für eine Firma, die da kürzlich mittels „Initial Coin Offering“ (ICO) bei mehr als 35.000 Anlegern rund 40 Millionen Euro eingeworben hat? Wie funktioniert das Geschäftsmodell? Und warum hat sich Savedroid überhaupt per „Krypto-Börsengang“ statt auf normalem Wege Geld besorgt? Gibt es irgendeine notwendige oder auch nur hinreichende Verknüpfung zwischen Business Case und Funding-Methode? All diese und weitere Fragen hat Finanz-Szene.de-Betreiber Heinz-Roger Dohms dem Finanzierungsexperten Thomas Borgwerth aufgeladen, der die Redaktion von „Finanz-Szene.de“ neuerdings  bei komplexen analytischen Themen unterstützt. Sie werden erstaunt sein, was wir so alles herausgefunden haben.

Finanz-Szene.de: Herr Borgwerth, fangen wir ganz einfach an: Was ist bzw. war die ursprüngliche Idee von Savedroid?

Thomas Borgwerth: Savedroid ist knapp gesagt die Spardose auf dem Smartphone. „Geld sparen ohne daran denken zu müssen“, lautet der Slogan.  Das funktioniert mittels automatischer Sparregeln – sogenannter Smooves. Wer sein Smartphone als ständigen Begleiter und Alltagsassistent nutzt, kann z.B. festlegen, dass bei jedem Fitness-Center-Besuch 5 Euro auf das Sparkonto überwiesen werden. Er hat aber zum Beispiel auch die Möglichkeit, bei Eingang des Gehalts gleich 5 Prozent zur Seite zu legen. Selbst verrücktere Sparregeln sind denkbar, der Fantasie sind fast keine Grenzen gesetzt.

Finanz-Szene.de: War das eine gute Idee?

Zumindest war sie nicht schlecht. Sparen hat volkswirtschaftlich eine wichtige Funktion, bildet es doch die Grundlage für Investitionen. Und: Sparen kann man durchaus als Tugend bezeichnen; man ist nicht sofort auf die Hilfe anderer angewiesen, wenn es finanziell mal knapper wird. Das Problem allerdings: Sparen ist sozusagen nicht instagrammable – also nichts für junge Leute. Darum ist die Idee von Savedroid, das Sparen gewissermaßen App-kompatibel zu machen, zu begrüßen.

Finanz-Szene.de: Wie wollte Savedroid mit dieser Idee Geld verdienen?

Erst einmal hat das Unternehmen bei diesem Geschäftsmodell keine Einnahmen. Denn sämtliche Dienstleistungen, die Savedroid anbietet (die App, die Spartransaktionen, die Rücküberweisungen, das Sparkonto, die virtuelle Sparkarte …), sind für den Kunden kostenlos. Laut den AGBs werden die Nutzerdaten nicht verkauft. Die Guthaben werden nicht verzinst. Erlöse lassen sich für Savedroid prima facie also nicht generieren (nebenbei bemerkt: Wir leben in Nullzinszeiten!). Abzuziehen sind dann noch die Aufwendungen, die die abwickelnde Bank (Wirecard) hat.  Savedroid zahlt der Wirecard-Bank die Kontoführungsgebühren und die Transaktionskosten für Kleinstüberweisungen.

Finanz-Szene.de: Woher kommen dann die Einnahmen?

Savedroid  will die „situative Relevanz“ der gesammelten Daten nutzen, um Geld zu verdienen. Einfacher ausgedrückt: Wenn die Firma weiß, wofür jemand spart, dann kann sie ihm auch entsprechende Angebote machen. Spart also jemand für eine Reise nach Mexiko, dann kann Savedroid ihm den Reiseveranstalter vermitteln und von diesem eine entsprechenden Provision vereinnahmen. Tatsächlich geht Savedroid laut AGBs bei der Optimierung von Laufzeitverträgen der Nutzer (etwa Strom- oder Mobilfunkverträge) schon genauso vor – macht dem User also individuelle Vorschläge und vermittelt ihn an die entsprechenden Anbieter.

Finanz-Szene.de: Kann diese Geschäftsidee funktionieren?

Ja. Allerdings klingt das Geschäftsmodell vermutlich plausibler, als es letztlich ist. Denn viele Fintechs bzw. Banken verfolgen die Idee, an der Vermittlung von Verträgen zu verdienen – der Konkurrenzkampf ist womöglich größer als der Kuchen, den es zu verteilen gibt. Hinzu kommt: Da die Sparziele und die Vorlieben der Konsumenten stark variieren, dürfte es (künstliche Intelligenz hin oder her) extrem schwierig sein, für jedes Sparziel gleich das richtige Angebot parat zu haben.

Finanz-Szene.de: Heißt das, dass Savedroid mit seinem urspünglichen Geschäftsmodell womöglich gescheitert ist?

Schaut man sich die Historie des Unternehmens an, dann darf man durchaus auf die Idee kommen, dass Savedroid vor dem Urproblem vieler Startups stand: Die Aufwendungen übersteigen die Erlöse so deutlich, dass irgendwann das Geld knapp wird. Vielleicht brauchte es den „Initial Coin Offering“, um Geld ins Unternehmen zu spülen. Lässt sich nicht beweisen. Ist aber sehr naheliegend.

Finanz-Szene.de: Das heißt, der ICO diente allein der Finanzierung?

Savedroid selber stellt es so dar, als handele es sich beim „Initial Coin Offering“ sozusagen um eine inhärente Erweiterung des Geschäftsmodells. Motto: Mit dem Geld aus dem ICO soll jetzt auch noch das Sparen in Kryptowährungen ermöglicht werden. In Wirklichkeit ist es allerdings so: Wo „Sparen“ draufsteht, steckt jetzt „Spekulation“ drin. Denn: Für die Teilnahme an dem ICO gibt es nur ein einziges rationales Argument – die Hoffnung auf steigende Preise. Der Token als Tulpe (wobei die Tulpe wenigstens noch einen ästhetischen Wert hat). Im Grunde wurde mit dem ICO die ursprüngliche Geschäftsidee von Savedroid pervertiert. Denn Spekulation widerspricht den zentralen Grundgedanken des Sparens.

Finanz-Szene.de: Kann die neue Idee aber nicht trotzdem aufgehen?

Savedroid formuliert es im Whitepaper, dem Grundlagenpapier zum ICO, folgendermaßen: Wir erschaffen ein einzigartiges Ökosystem des Sparens und  Investierens in Kryptowährungen für die Massen. Unsere Nutzer werden von dem einfachen Zugang zu Krypto-Sparplänen in Bitcoin, Ethereum, Ripple und vielen weiteren Währungen profitieren. Nun ist es aber so, dass ich bei meinen Recherchen auf keinerlei „Crypto saving plans“ gestoßen bin, die diesen Namen auch verdienen. Stattdessen investieren die Vehikel, die sich so nennen,  unmittelbar in Kryptowährungen und hoffen auf Kurssteigerungen – also wiederum Spekulation statt Sparen.

Finanz-Szene.de: Wobei der Kauf von Aktien dann ja auch nichts anderes als Spekulation wäre. IPO statt ICO, sozusagen.

Falsch, da besteht ein materieller Unterschied: Die ICO-Investoren haben keinerlei Rechte am Unternehmen, bekommen von möglichen zukünftigen Erträgen also nichts ab. Nicht einmal die Möglichkeit, zukünftig mit den Token Dienstleistungen des Unternehmens einzukaufen, ist garantiert. Die Anleger erhalten auch keinen Rückzahlungsanspruch, sollte es Savedroid unmöglich sein, die offerierte Leistung zu erbringen.

Finanz-Szene.de: Das heißt, die Token, die der Anleger beim ICO erhält, haben gar keinen Wert?

Savedroid definiert den inneren Wert des Tokens (der Savedroid-Token wird übrigens als „SVD“ bezeichnet) in etwa so: Der innere Wert des SVD resultiert aus seiner Funktionalität im rasant wachsenden Savedroid-Ökosystem  – das wiederum auf KI-basiertem  Sparen und auf Investieren in Kryptowährungen beruht. Anders ausgedrückt: Der Token referenziert also auf die wirtschaftliche Entwicklung von Savedroid. Da die ausgegebenen Token aber nicht am Erfolg des Unternehmens partizipieren, muss Savedroid zur Wertsteigerung mit einem anderen Mechanismus nachhelfen, indem der Token kontinuierlich deflationiert werden soll.

Finanz-Szene.de: Okay, bis hierhin haben wir es verstanden …

Savedroid hat also ein Modell zur Deflationierung des SVD entwickelt. Vier einfache Excel-Sheets, die sich jeder Anleger herunterladen kann. Nach diesem Modell sollen 100 SVD, die zu einem Euro emittiert wurden, im vierten Quartal 2022 knapp über 9 Euro wert sein. Wie das funktioniert? Der Wert des SVD soll gesteigert werden, indem das Angebot des SVD abhängig von der Nachfrage der von Savedroid angebotenen Leistungen verknappt wird. Jedes Mal, wenn ein Nutzer eine Leistung mit SVD bezahlt, wird ein Prozentsatz hiervon „verbrannt“, also vernichtet. Je mehr Leistungen nachgefragt werden, desto größer die Menge an vernichteten SVDs. Der SVD verbraucht sich sozusagen, und wenn eine steigende Nachfrage auf ein verknapptes Angebot stößt, steigen die Preise.

Finanz-Szene.de: Noch kommen wir mit. Bitte weiter …

Für die SVD-Preis-Modellierung werden drei Parameter eingeführt. 1.) Der „sell pressure per quarter“, 2.) eine „burn rate per start“ und 3.) ein „burn ratio adjustment per start“. Alle Angaben sind Prozentangaben. Im Modell können diese Angaben nun variiert werden und es ergibt sich ein veränderter Preis für den SVD. Das ist eine schöne Spielerei, sagt aber nichts darüber aus, welche Prozentsätze in der Realität von Savedroid angesetzt werden. Im Whitepaper und in den „Token Sale Terms & Conditions“  sucht man vergeblich nach diesen Begriffen. Es liegt wohl im Ermessen von Savedroid, welche Werte angesetzt werden. Und das Unternehmen geht noch weiter: Hält es den Markt für den SVD-Token für überhitzt, behält sich Savedroid das Recht vor, durch Verkauf von Reserve-Token den Markt abzukühlen.

Finanz-Szene.de: Klingt, als lege der Anleger  sein finanzielles Schicksal komplett in die Hände von Savedroid.

Zumindest sollte an dieser Stelle jeder Verständige aufhorchen. Denn: Im Whitepaper wird  vom Geld der Notenbanken nur abwertend von Fiat-Geld gesprochen, das ohne inneren Wert sei. Weil: Die Inflationierung des Fiat-Geldes liegt im Ermessen der Notenbanken. Die De- bzw. Reinflationierung des SVD liegt nun aber im Ermessen von Savedroid. Warum soll ich ausgerechnet Savedoid mehr vertrauen als den Notenbanken?

Finanz-Szene.de: Wobei in diesem Modell für Savedroid dann ja trotzdem ein lukratives Geschäftsmodell liegen kann – oder nicht?

Das Preismodell enthält in der Tat auch ein Erlösmodell. Danach sollen in Q4 2018 über 5 Mio. Euro Gebühren aus Kryptowährungs-Transaktionen generiert werden. Diese Umsätze sollen in den Folgejahren dramatisch gesteigert werden 2019: 56 Mio. Euro, 2020: 136 Mio. Euro. 2022: 416 Mio. Euro.

Finanz-Szene.de: Klingt gelinde gesagt ambitioniert …

Ist es natürlich auch. Was man dazu allerdings wissen muss: Savedroid hat in seinem Erlösplan eine Transaktionsgebühr von durchschnittlich 15 Prozent unterstellt. Sollte dieser Gebührensatz tatsächlich Realität werden, bedeutet das: Wer in Kryptowährungen sparen will, dem werden von 100  Euro  erst einmal 15 Euro abgezogen. Will der Sparer seine Wünsche erfüllen, muss wieder in Euro zurückgetauscht werden. Wieder werden 15 Prozent Gebühren fällig. Bleibt der Kurs der Kryptowährung zum Euro während der Sparzeit stabil, hat der Sparer 27,75 Euro Gebühren gezahlt, die verloren sind, und bekommt von seinen 100 Euro nur 72,25 Euro zurück.

Finanz-Szene.de: Okay, das Fazit aus Sicht des Sparers kann man sich damit denken. Wie lautet das Fazit aus Sicht des Unternehmens?

Das ursprüngliche „Geschäftsmodell“ war sinnstiftend und originell – aber schwer zu monetarisieren. Das neue „Geschäftsmodell“ ist zwar mit einem grundsätzlich nachvollziehbaren Preismodell hinterlegt, aber nicht wirklich neu. Auf die Idee, per App unterschiedliche Kryptowährungen zu kaufen und mittels Wallet zu verwalten, sind bereits auch andere gekommen.