Finanz-Szene.de Top 6: Zehn Erklärungen, wie Volkswagen zur gewinnträchtigsten deutschen Bank wurde

„Finanz-Szene.de“ macht zwei Wochen Pause und ist am 14. August mit neuen Top-Stories aus der deutschen Banken- und Fintech-Branche wieder für Sie da. Um die Zeit zu überbrücken, „wiederholen“ wir die zehn meistgelesenen Geschichten aus den vergangenen zwölf Monaten. Heute: „Zehn Erklärungen, wie Volkswagen zur gewinnträchtigsten deutschen Bank wurde“. Der Artikel erschien am 20. März.

Von Heinz-Roger Dohms

Kleines Quiz: Welche deutsche Bank 2017 hat den höchsten Gewinn erzielt? Klar ist: Die Deutsche Bank war es wieder mal nicht, ebensowenig wie die Commerzbank. Also die DZ Bank? Oder die KfW? Oder die ING Diba? Alles falsch. Kein klassisches Kreditinstitut  hat 2017 so viel Gewinn gemacht wie die Finanzsparte von Volkswagen*. Die präsentierte nämlich gestern ein Vorsteuerergebnis von 2,46 Milliarden Euro (und übrigens: gleich dahinter kommt mit einem Ergebnis von 2,0 Milliarden Euro die Finanztochter von Daimler). Angesichts von Dieselkrise und Bankenkrise mag auf den ersten Blick überraschen, dass ausgerechnet die Autobanken von Rekord zu Rekord eilen. Indes: Der Höhenflug der sogenannten „Captives“ hat seine Gründe. Und zwar mindestens zehn. Hier sind sie:

1.) Der globale Automarkt wächst ungemein kräftig

Im Krisenjahr 2009 wurden laut VDA weltweit 49,5 Millionen Pkw gefertigt. 2017 waren es rund 85 Millionen, ein Zuwachs von 72 Prozent.

2.) Der Markt für Autofinanzierungen allerdings wächst noch stärker

… was daran liegt, dass nicht nur immer mehr Autos verkauft werden, sondern zugleich der Anteil der per Kredit oder per Leasing finanzierten Fahrzeuge immer größer wird. In den USA sind dies heutzutage schon mehr als 90 Prozent, in Deutschland  rund 75 Prozent. Das stärkste Wachstum allerdings kommt aus den Schwellenländern – allen voran China. Dort war es noch in den frühen Nullerjahren üblich, dass Autokäufer ihr Fahrzeug bar bezahlten. So lag der Anteil der über Kredit finanzierten Fahrzeuge in China damals noch bei drei Prozent. Heute sind es rund 40 Prozent.

3. Die VW-Finanzsparte expandiert in immer mehr Länder …

VW Financial Services hat die Zahl seiner Finanzierungs-, Leasing-, Versicherungs- und Serviceverträge zwischen 2008 und 2017 von 7,2 Millionen Stück auf 19,7 Millionen Stück fast verdreifacht. Von diesem Plus entfielen knapp 20 Prozent auf neue Märkte wie Russland, Indien, Südafrika oder Südkorea. Gleichwohl kann die geografische Expansion das krasse Wachstum nur zu einem kleinen Teil erklären.

4.) … und das mit immer mehr Marken …

Denn rund 25 Prozent des Zuwachses rühren daher, dass Volkswagen es schafft, auch die neu hinzugewonnenen Marken wie MAN, Scania immer stärker auf den Vertrieb seiner Finanzprodukte einzuschwören. Dahinter steht einer „Go 40“ genannte Vertriebsoffensive, die zum Ziel hat, die sogenannte Penetrationsrate (die aussagt, wie viele Fahrzeuge inklusive mindestens einer Finanzdienstleistung verkauft werden) in möglichst vielen Märkten auf mindestens 40 Prozent zu steigern.

5.) … und vor allem: mit immer mehr Produkten!

Die Zeiten, in denen das Geschäftsmodell einer Autobank in erster Linie aus Kreditfinanzierung und Leasing bestand, sind lange vorbei.  Wenn Volkswagen heutzutage ein Fahrzeug verkauft, dann wird in einem Viertel der Fälle eine Haftpflicht- oder Kaskoversicherung mitverkauft. Dabei drängen die Niedersachsen immer tiefer in die Wertschöpfungskette ein. So war VW bis 2012 in Deutschland ein reiner Vermittler – die Policen kamen von der Allianz. Dann gründeten die beiden Unternehmen ein 50:50-Joint-Venture, sodass VW FS nun auch Produktanbieter ist. Weltweit hat Volkswagen heute 5,6 Millionen Versicherungsverträge im Bestand. Hinzu kommen mittlerweile rund vier Millionen Dienstleistungsverträge, die Services wie Wartung oder Reifenwechsel umfassen. Konsequenz: Das imposante Wachstum bei den Verträgen (siehe Punkt 3) kommt zu deutlich mehr als 50 Prozent aus neuen Produkten.

6.) Die Autobanken veredeln den Point of Sale …

Im E-Commerce-Zeitalter leiden viele klassische Banken unter einem Point-of-Sale-Problem. Nicht so die Autobanken, die durch die Händler einen einzigartigen Zugang zum Endkunden besitzen. Diesen Vorteil wissen Anbieter wie VW FS auszunutzen – auch weil sie die Händler, die sich früher oft als reine Autoverkäufer sahen, zu wertvollen Vertriebsleuten gemacht haben. Beispiel: Während früher über den Neuwagen im Ausstellungsraum ein Schild mit dem Endpreis baumelte, steht dort heute  die monatliche Finanzierungsrate. Noch ein Beispiel: Wurden schwankende Kunden früher gern mal mit einem Tankgutschein geködert, gibt es heutzutage als Kaufanreiz ein Servicevertrag der hauseigenen Autobank. „Die gute Zusammenarbeit mit den Händlern ist der vielleicht entscheidende Grund, warum es den Finanztöchtern der Autokonzerne so gut geht“, sagt Sybille Schorn, Leiterin des Bereichs Autobanken bei Capgemini Consulting.

7.) … oder bauen ihn sich gleich selber

Im vergangenen Oktober hat VW Financial Services die Gebrauchtwagen-Plattform Heycar gestartet, mit der die Braunschweiger nun das Online-Duopol von Mobile.de (rund 1,5 Millionen Fahrzeuge) und Autoscout24 (rund 600.000 Fahrzeuge) aufbrechen wollen. Die ersten Zahlen lesen sich nicht schlecht. Denn nach knapp einem halben Jahr finden sich bei Heycar schon rund 220.000 Fahrzeuge – womit die Finanzsparte von Volkswagen nun noch einen  Point of Sale mehr hat.

8.) Die Ausfallraten sind sehr niedrig

Wie aus einer Präsentation hervorgeht, die CFO Frank Fiedler Mitte Januar vor Investoren hielt, lag die Ausfallrate („Dynamic Loss Ratio“) zwischen Q2 2016 und Q2 2017 nie höher als 0,4 Prozent.

9.) Trotz Dieselkrise ist die Refi günstig wie nie …

Nach Ausbruch der Dieselkrise  2015 zog sich VW Financial Services (genauso wie der Mutterkonzern) erst einmal vom Anleihemarkt zurück. Zu groß war die Skepsis der Investoren, zu teuer wäre die Kapitalbeschaffung geworden. Stattdessen stellten die Niedersachsen ihre Refinanzierung über normale Kundeneinlagen sicher (das war die Zeit, als die VW Bank, aber auch andere Autobanken in den Tagesgeld-Rankings immer ganz oben auftauchten …). Anfang vergangenen Jahres kehrte die VW-Finanzsparte  an den Kapitalmarkt zurück – als wäre nie was gewesen. Bei der jüngsten ABS-Transaktion (ABS sind mit Autokrediten besicherte Verbriefungen) wurde platziert zum 1-Monats-Euribor plus 12 Basispunkte. Bei der letzten vergleichbaren Transaktion vor der Dieselkrise waren es Euribor plus 20 BP.  VW FS beziffert beziffert den Ergebniseffekt aus der günstigen Refinanzierung in 2017 mit rund 100 Millionen Euro.

10.) … und auch sonst sind die Effekte der Dieselkrise bislang überschaubar

Natürlich trifft die Dieselkrise die VW-Finanzsparte – aber  bislang nicht so stark wie befürchtet. So wurden die Wertberichtigungen für die 273.000 Leasing-Diesel in Deutschland im vergangenen Jahr gerade mal um knapp 50 Mio. Euro auf gut 100 Millionen Euro erhöht. Nun dürften die Restwerte nach den jüngst vom BGH für rechtens erklärten Diesel-Fahrverboten weiter unter Druck stehen. Inwieweit das die Bilanzen der Autobanken wirklich belastet, bleibt allerdings abzuwarten. Denn das Restwert-Risiko liege in den meisten Fällen beim Kunden (im Falle einer Kreditfinanzierung) oder beim Händler (im Falle einer Leasing-Finanzierung), sagt Expertin Schorn von Capgemini Consulting.

* Man mag darüber streiten, ob es sich bei VW FS tatsächlich um eine Bank handelt, zumal nach der Ende 2016 verkündeten Aufspaltung.  De facto würden wir das Geschäft aber doch als zumindest banknah ansehen (die DZ Bank wird ja auch immer als Bank bezeichnet, obwohl unter Ihrem Dach ja auch u.a. ein Versicherer, eine Leasing-Gesellschaft und eine Bausparkasse angesiedelt sind).

* Wenn nicht anders gekennzeichnet, stammen die genannten Zahlen allesamt von VWFS