Gästeblog: Girocard oder Apple Pay? Die Antwort lautet: Instant Payment

Seit Monaten wird debattiert, wem die Zukunft am stationären „Point of Sale“ gehört: Den Banken mit ihrer Girocard bzw. mit ihren Girocard-basierten Bezahlapps? Oder Apple Pay und Google Pay? Nun jedoch meldet sich ein dritter Player zu Wort – der Handel selbst. Seine noch im Frühstadium befindliche Lösung nennt sich „Hippos“, was für „Händler-initiiertes Instant Payment am POS“ steht. Was es damit auf sich hat und warum die Banken die Inititiave unterstützen statt bekämpfen sollten, erklärt Ulrich Binnebößel, der beim Branchenverband HDE das Thema Zahlungsverkehr verantwortet:

Von Ulrich Binnebößel

Einfach mal machen und sich disruptiv verhalten. Das könnte das Motto sein, mit dem man sich dem Thema Instant Payment nähert. Denn es geht um viel mehr als nur um Bezahlen in Echtzeit. Es geht darum, Zahlungsverkehr neu zu denken und unabhängig von Altlasten neue Strukturen zu schaffen, die das Bezahlen unabhängig von den marktdominierenden Zahlungsanbietern ermöglichen.

Ausnahmsweise sollte man hier nicht nutzerzentriert denken, denn es geht bei den folgenden Überlegungen in erster Linie um Infrastruktur, nicht bereits um fertige Verbraucherprodukte. Denn ähnlich, wie es dem Verbraucher egal sein dürfte, auf welchen Wegen das Produkt in den Laden kommt, sollte es den Kunden auch nicht kümmern, auf welchem Weg sein Geld im Laden ankommt. Hauptsache, es geschieht auf sicherem Wege.

Milliarden von Bezahlvorgängen finden jährlich im stationären Einzelhandel statt, davon inzwischen ein erheblicher Anteil mit Karten. Parallel hierzu findet das mobile Bezahlen mit dem Smartphone zunehmend Anklang. Letzteres ist der Grund, warum den beiden weltweiten Marktführen bei  Handy-Betriebssystemen (sprich: Google mit Android  und Apple mit iOS) erhebliche Chancen in diesem Feld eingeräumt werden. Sie wollen sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen sichern. Wahrscheinlich haben sie dabei mehr als nur Zahlungsabwicklung im Sinn und schielen auf Daten, die beim Einkauf anfallen. Das gefällt dem Handel nicht. Und auch vielen Kunden dürfte dies zu denken geben. Und die Banken? Die wiederum laufen Gefahr, überflüssig zu werden, auf Sicht könnten Alltagstransaktionen an ihnen vorbeilaufen.

„Die Banken laufen Gefahr, überflüssig zu werden. Denn viele Alltagstransaktionen könnten zukünftig an ihnen vorbeilaufen.“

Der neue Sepa-Standard SCTInst (also das, was landläufig „Instant Payment genannt wird) bietet nun die Gelegenheit, Zahlungsverkehr neu zu denken und in eine längst überfällige Echtzeit-Bezahlwelt zu starten. Allerdings ist es zu kurz gegriffen, Instant Payment nur auf die Beschleunigung der Abwicklung einer Überweisung zu reduzieren. Denn mit der Schaffung des Echtzeitüberweisungs-Standards wird erstmals die Grundlage für eine europäische, standardisierte Echtzeit-Infrastruktur gelegt, die für die Abwicklung von Massenzahlungen im Alltag genutzt werden kann.

Instant Payments auf Basis von SCTInst könnten daher für eine neue Rollenverteilung sorgen und festgefahrene Hemmnisse überwinden. Und nicht zuletzt könnte das berühmte Henne/Ei Problem gelöst werden. Es liegt daher nahe, den Interbanken-Standard weiterzuentwickeln zu einer offenen, unabhängigen Ende-zu-Ende-Infrastruktur, die im Gegensatz zu heute etablierten Verfahren nicht von marktmächtigen Scheme-Eigentümern (sprich: von den großen Kreditkartenkonzernen) kontrolliert wird.

Die Antwort auf zunehmend marktstarke internationale Anbieter kommt in Form einer europaweit nutzbaren Spezifikation, die durch den Handel getragen und damit aktiv unterstützt wird. Das Hippos-Projekt („Handelsinitiiertes Instant Payment am POS“) der Branchenorganisation „GS1 Germany“ will aufzeigen, wie SCTInst zu Ende gedacht werden kann. Die derzeit in Entwicklung befindliche Spezifikation kann Entwicklern von Payment-Produkten den Schritt an die Kasse ermöglichen, ohne dass Akzeptanzverträge geschlossen werden müssen. Neue Zahlverfahren können so entstehen und den Verbrauchern die Dienste anbieten, die im Umfeld des Checkouts erwünscht sind. Die notwendige  Zahlungsfunktion wird quasi frei Haus geliefert.

Hippos bietet auch bestehenden Zahlverfahren die Option, auf den Standard zu migrieren. Künftig könnte im Idealfall eine Schnittstelle entstehen, die jedem Zahlverfahren zur Verfügung steht. Dabei steht selbstverständlich von Beginn an nicht nur der stationäre Handel im Fokus. Hippos soll
gleichzeitig auch im E-Commerce nutzbar sein und die Zahlung zwischen
Personen (P2P-Zahlung) ermöglichen.

Die Vorteile für Kunden:
  • innovative Zahlverfahren können entstehen, die
    handelsübergreifend und mit hoher Akzeptanzreichweite einsetzbar sind
  • Eine Einbindung von Zusatznutzen wie P2P-Fähigkeit,
    Echtzeit-Kontoüberwachung und Kanalunabhängigkeit ist bereits
    Infrastrukturseitig integriert
  • hohes Maß an Datensparsamkeit: Der Kunde übernimmt Daten vom
    Händler, nicht umgekehrt. Nur Zahlungsbetrag, IBAN des Händlers und
    eine Zuordnungsnummer sind für die Transaktion nötig
  • Sofortige Bestellbehandlung im E-Commerce nach
    Zahlungseingang ermöglicht eine Beschleunigung der Lieferung
  • Leichtes Onboarding, bei Integration in die gewohnte
    Banking-App kann auf eine Registrierung verzichtet werden.
Die Vorteile für App-Entwickler und Zahlverfahren:
  • Standardisierter Zugang zu Kassensystemen ohne Notwendigkeit
    von Akzeptanzverträgen
  • „eingebaute“ Zahlfunktion mit hoher Reichweite als Basis für
    Mehrwerte für Kunden
Die Vorteile für Banken:
  • Sicherung der aktiven Beteiligung an allen Transaktionen
    durch Buchung auf dem Girokonto
  • Erhalt des Kundenzuganges

Im nächsten Schritt müssen technische Herausforderungen gelöst werden. Am besten wird dies über Testpiloten nachgewiesen. Bereits heute sind einige Projekte auf dem Weg, wie eine Vorstellung verschiedener Anbieter auf Veranstaltungen der EZB und bei GS1 gezeigt hat. Und es zeigt sich weiter, es gibt keine unlösbaren KO-Punkte, wenn es gelingt, eine nutzerfreundliche Handhabung zu realisieren. So kann die Abwicklungs-Geschwindigkeit mit bekannten Kartenverfahren mithalten, eine WLan-Verfügbarkeit an den Kassen kann durch kürzlich erfolgte gesetzliche Erleichterungen realisiert werden.

„Das Tempo der Abwicklung kann mit bekannten Verfahren mithalten. Und auch das WLAN-Problem ließe sich lösen.“

Eine Herausforderung bietet derzeit noch die Frage, wie eine
Zahlungsauslösung nach den rechtlichen und technischen Vorgaben des
Gesetzgebers erfolgen kann. Die sogenannte starke Authentifizierung, wie sie die zweite Zahlungsdiensterichtlinie vorgibt, ist allerdings auch unabhängig von Instant-Payment-Bedingungen ein derzeit viel diskutiertes Thema.

Zusammenfassend bietet die Initiative des Handels eine Diskussionsgrundlage für einen kooperativen Ansatz zwischen Handel und Banken. Sepa Instant Payment wird mit „Hippos“ zu Ende gedacht. Es liegt jetzt an den Issuern, den Gedanken aufzunehmen und sich an der Entwicklung eines allgemeinen Standards zu beteiligen. Die Gelegenheit, auch die Akzeptanzseite im Boot zu haben, gibt es nicht allzu häufig. Wenn Handel und Banken zusammenarbeiten, kann dem Verbraucher der Einstieg in die mobile Welt des Bezahlens mit allen seinen Mehrwerten mit großer Reichweite ermöglicht werden.

Ulrich Binnebößel verantwortet beim Handelsverband Deutschland – HDE die Referate Zahlungsverkehr, Logistik und Online-Kommunikation.  Der HDE ist Mitinitiator der Initiative HIPPOS bei GS1 Germany, einer weltweit tätigen Standardisierungsorganisation.

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