Gästeblog: Plattform-Banking bedeutet, Amazon mit den eigenen Waffen zu schlagen

Von Dr. Friedrich-W. Kersting*

Nachdem in den letzten Wochen gleich zweimal an dieser Stelle behauptet wurde, dass das Plattformkonzept für Banken nicht geeignet ist, erscheint eine Replik zwingend geboten.

Ralf Keuper („Warum Banken nicht zur Plattform taugen“) hat zwar grundsätzlich Recht, wenn er behauptet, Amazon & Co. hätten gegenüber den Banken einen technologischen und kulturellen (und teilweise sogar finanziellen) Vorsprung. Und es dürften vermutlich wirklich allein die Regulierung und der Gewöhnungseffekt aufseiten der (älteren) Kunden sein, die die Banken noch ein Stück weit vor den Plattformgiganten schützen. Aber die daraus abgeleitete Empfehlung an die Banken, besser gleich zu kapitulieren, überzeugt nicht. Das wäre Selbstmord aus Angst vor dem Tod!

So übermächtig Amazon & Co. auch erscheinen mögen, sie sind nicht unbezwingbar. Zumal der von Keuper erkannte Schutz den Banken die erforderliche Zeit verschafft, eine effektive Gegenstrategie zu entwickeln. Und warum sollen sie dabei nicht auf die bewährte Strategie der Herausforderer zurückgreifen? Warum nicht Amazon & Co. mit den eigenen Mitteln schlagen? Warum nicht Feuer mit Feuer bekämpfen?

Ein gutes Verständnis für die Kundenwünsche und -bedürfnisse aufzubauen, entsprechende Lösungen zu bieten und die Kundenerfahrung einfach, unkompliziert und angenehm zu gestalten – ist anspruchsvoll, aber kein Hexenwerk! Und somit auch für Banken nicht unmöglich!

Doch dafür müssen die Banken den Kunden den von Amazon & Co. gewohnten Dreiklang aus Einfachheit, Auswahl und Individualität bieten:

  • Die Einfachheit ließe sich über direktabschlussfähige Produkte und Services, Multi-Account-Fähigkeit, webbasierte Beratungsangebote und die digitale Vernetzung bestehender Kanäle erreichen.
  • Die Auswahl – die für Glaubwürdigkeit steht und Vertrauen schafft- müsste über Zugang nicht nur zu den eigenen Produkten, sondern -auch wenn es wehtun mag -, zudem zu Angeboten von Wettbewerbern (Banken, FinTechs, Vermögensverwaltungen etc.) gewährleistet werden. Die Kunden könnten dann vergleichen und die für ihre Bedürfnisse und ihr Budget optimale Lösung aussuchen. Wie in einem Supermarkt! Und wie ein Supermarkt müsste auch die Bank dafür nicht alle Anbieter im Sortiment haben, sondern nur die relevantesten/ aussichtsreichsten.
  • Die Individualität schließlich ließe sich mit Plattformkonzepten erreichen, die über das reine Banking hinausgehen und nach Lebenssituationen des Kunden ausgerichtet sind. Also kundenzentrierte Unterstützung und bankübergreifende Vernetzung mit Dienstleistern etwa für vermögende Singles, mittelständische Unternehmen, kommerzielle Immobilieninvestoren, private Häuslebauer, Senioren oder Selbständige.

Natürlich stimmt es, wenn Andreas Buschmeier („Die Bank als Plattform? Diese Idee zeugt von Naivität und Unkenntnis“) feststellt, dass solche Plattformen keine Plattformen im engeren Sinne wären. So what? Hier geht es nicht um wissenschaftliche Korrektheit, sondern um wirtschaftlichen Erfolg! Und der sollte sich mit dem grob skizzierten Ansatz, sich als vertrauensvolle, nutzerfreundliche Schnittstelle im Leben des Kunden zu positionieren, einstellen. Trotz Amazon & Co.!

Voraussetzung für den Erfolg ist jedoch, dass sich die Banken vom bisherigen Geschäftsmodell (partiell) lösen, sich nicht mehr hauptsächlich um die Entwicklung und Vermarktung ihrer eigenen Produkte kümmern und sich stattdessen mehr auf Innovationen konzentrieren, die für die Kunden von Bedeutung sind und echte Wünsche erfüllen.

*Dr. Friedrich-W. Kersting ist Plattformgründer und Unternehmensberater

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