Gästeblog: Warum die Payment-Pläne des Handels zum Scheitern verurteilt sind

Wer dominiert in Zukunft den Bezahlvorgang am stationären „Point of Sale“ – weiterhin die Banken? Oder Google Pay bzw. Apple Pay? “ Weder, noch!“, heißt es nun aus dem deutschen Einzelhandel. Der nämlich arbeitet mit  „Hippos“ („Händler-initiiertes Instant Payment am POS“) an einer eigenen Bezahllösung für die Ladenkasse. Ulrich Binnebößel von Handelsverband Deutschland hat die Initiative gestern an dieser Stelle vorgestellt. Heute nun folgt die Replik des Payment-Experten Rudolf Linsenbart. Dessen These: Der Kunde hat nichts von Hippos – und darum hat Hippos keine Chance.

Von Rudolf Linsenbarth*

Vor einem Jahr führte die erste deutsche Bank (nämlich: die HVB) Instant Payment ein. Bald darauf folgten die Sparkassen, dieser Tage auch die Deutsche Bank. Millionen von Kunden haben damit nun die Möglichkeit, Geld sozusagen in Echtzeit zu überweisen. Fragt sich nur: wozu? Mehr als eine Handvoll Anwendungsfälle wollen einem partout nicht einfallen. Rechnung verschwitzt? Okay. 50 Euro fürs Enkelkind, die pünktlich am  Geburtstag aufs Konto schießen sollen? Okay. Aber sonst?

Doch nun kommt plötzlich der deutsche Einzelhandel und ruft: Wir haben wir eine Idee wie sich Instant Payment (bzw. STC Inst, wie Fachleute den neuen Sepa-Standard nennen) zu einem Massenprodukt machen ließe. Die entsprechende Initiative heißt „Hippos“ („Händler-initiiertes Instant Payment am Point of Sale“) und läuft darauf hinaus, dass die Kunden in Zukunft an der Ladenkasse nicht mehr mit der Girocard bezahlen sollen und auch nicht mit der Google oder Apple Pay – sondern per Überweisung in Echtzeit.

Was hat das nun zu bedeuten?
  • Aus Sicht des Handels sind diese Überlegungen nachvollziehbar. Schließlich stört er sich schon lange an der Tatsache, dass die Kosten des bargeldlosen Bezahlens alleine vom ihm selber getragen werden. Wenn sich demnächst auch noch Apple bzw. Google in die Wertschöpfung einklinken, wird es für den Handel kaum günstiger werden.
  • Auch aus Sicht der Banken hat die Idee einen gewissen Charme. Zwar verlöre die Kreditwirtschaft das Girocard-Entgelt. Dafür allerdings würde eine Instant-Payment-Lösung ihr Kernprodukt, nämlich das Girokonto, stärken. Zudem könnten die Banken andere Intermediäre wie Google und Apple oder die Kreditkartenfirmen aus dem Prozess eliminieren.
  • Bloß – und das ist eine Frage, die auch der gestrige Beitrag von Ulrich Binnebößel vom Handelsverband Deutschland nicht wirklich beantwortet: Was hat der Kunden davon?

Aus meiner Sicht hat der Kunde momentan kaum einen Grund, den Bezahlkanal zu wechseln – zumal Instant Payment für den Verbraucher mit einigen Nachteilen verbunden ist:

1. Instant Payment ist eine finale Zahlung ohne Käuferschutz
2. Instant Payment ist eine Überweisung und muss entsprechend abgesichert sein (ansonsten muss der Kunde jeden Händler separat auf eine Whitelist setzen)
3. Instant Payment wird in keinem Fall günstiger (als die für ihn ja kostenlose) Zahlung mit der Girocard sein

Der fehlende Käuferschutz ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum sich der Handel ausgerechnet den physischen POS als erste Instant-Payment-Anwendung in seinem Hippos-Projekt ausgesucht hat. Dabei würde das Verfahren ja eigentlich besser zu einem Online Einkauf passen. Hier wird nun sofort das ganz große Rad gedreht, anstatt mit einem Minimum Viable Product erst einmal die Machbarkeit des Verfahrens zu validieren.

„Instant Payment passt überhaupt nicht zum Checkout-Prozess, wie er derzeit an der Kasse etabliert ist.“

Das Kernproblem: Instant Payment passt überhaupt nicht zum Checkout-Prozess, wie er derzeit an der Kasse im Lebensmitteleinzelhandel etabliert ist. Damit dort Instant Payment wirklich funktioniert, muss der folgende Ablauf gewährleistet sein:

  1. Der Kunde liest nach dem Einkauf die Überweisungs- oder
    Überweisungsmetadaten in das Smartphone ein
  2. Es wird eine SCT-Inst-Kassen-App oder die Banking App verwendet, um die Zahlung zu validieren (im ersten Fall muss der Kunde die notwendige TAN aus einem anderen Kanal manuell in die SCT-Inst-Kassen-App übertragen; im zweiten Fall müssen alle Banken eine Schnittstelle zu Hippos bauen)
  3. Der Kunde benötigt an der Kasse zwingend eine Online-Verbindung oder er muss sich in ein Handels-WLAN einklinken
  4. Die Dauer des gesamten Verfahrens schätze ich bei der dreifachen Zeit einer kontaktlosen Kartenzahlung à la Apple Pay oder Google Pay

Hippos scheint derzeit nicht im agilen Modus angelegt zu sein. Sonst würde man nämlich mit der Validierung der oben genannten Punkte beginnen statt aufwendig eine Backend-Infrastruktur aufzubauen, wo zuerst Dinge wie eine IBAN-Referenz-ID definiert werden, bevor man einen flüssigen
Verfahrensablauf sicherstellt. Auf die Instant-Payment-Basis sollen dann noch Dienste wie Käuferschutz aufgesattelt werden. Das müssen die Dienstleister übernehmen, die dann zu Preisen für den Handel führen, die ja gerade vermieden werden sollen.

Die Protagonisten sollten stattdessen zügig ein Minimum Viable Product bauen, mit dem sich die Kritikpunkte (wie ich und andere sie äußern)  widerlegen ließe. Falls das Ergebnis aber so ernüchternd sein wird, wie ich es prognostiziere, kann man sich auf die Suche nach anderen Anwendungsfällen begeben. Diese sind durchaus gegeben. Zum Beispiel macht eine Instant-Payment-Zahlung mit einem Checkout nach einem Selfscanning-Einkauf mit dem Smartphone erheblich mehr Sinn!

*Rudolf Linsenbarth ist seit mehr als 15 Jahren im Spannungsfeld von Banking, Zahlungsverkehr, Consulting, IT und Handel tätig – und beschäftigt sich vor allem mit Mobile Payment, NFC, Kundenbindung und digitaler Identität.

Gästeblog: Girocard oder Apple Pay? Die Antwort lautet: Instant Payment

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