Gastbeitrag: Fünf kritische Thesen zur Kernbank der HSH

Von Guido Versondert und Michael Dawson-Kropf*

1.)    Die Kernbank hat wenig Größe, aber viel Wachstum

Die Bilanzsumme der Kernbank betrug per Q3 2017 rund 51 Mrd. Euro – ein Volumen, das die Frage nach der Relevanz aufwirft. Denn alle wichtigen Wettbewerber verfügen über höhere Bilanzsummen, deutlich mehr Kapital, höhere Großkreditgrenzen und i.d.R. eine bessere Risikotragfähigkeit. Was zudem auffällt: Gemessen an der Größe ist die kommerzielle Dynamik geradezu rasant. Denn: Zwischen 2012 und September 2017 hat die HSH Nordbank Neugeschäft im Volumen von 48 (!) Mrd. Euro getätigt. 2016 machte das Neugeschäft fast 19% der Bilanzsumme aus, in den ersten drei Quartalen 2017 knapp 13%. Das sind – gelinde gesagt – erstaunliche Zahlen für eine Bank, die um ihr Überleben kämpft.

2.)    Das Wachstum der HSH steht in einem ungesunden Verhältnis zu dem, was die Realwirtschaft hergibt

Was am Wachstum der HSH Nordbank verdächtig ist: Die Realwirtschaft gibt diese Entwicklung eigentlich nicht her. Seit 2014 ist das deutsche BIP im Schnitt real um 1,9% p.a. gewachsen. Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen war lange Zeit verhalten, erst jüngst hat sie zugelegt.  Während die HSH neue Kredite scheinbar ohne Ende schreibt, berichten andere Banken von einer moderaten Nachfrage, weil der Selbstfinanzierungsgrad der Unternehmen hoch und die Liquiditätslage gut sei.  Arbeitet die HSH in einem anderen Markt als die Konkurrenz? Oder ist sie bei der Kreditvergabe schlicht freizügiger?

3.) Die Kernbank der HSH wächst vor allem in schwankungsanfälligen Segmenten

Die Kernbank umfasst im Kreditbereich die Segmente Unternehmenskunden, Immobilienkunden und Shipping (zusammen 59% des regulatorischen Kreditvolumens). Hinzu kommt Treasury & Markets (41%). Den drei Kreditsegmenten ist gemein, dass sie anfällig für ausgeprägte Schwankungen im Verlauf des Konjunkturzyklus sind. Doch statt diese Segmente mit stabilen Geschäftsfeldern zu ergänzen, setzt die HSH obendrein auf das naturgemäß noch volatilere und wenig vorhersagbare Treasury & Markets. Um die Abhängigkeit von dieser Sparte zu verdeutlichen: In den ersten drei Quartalen 2017 stammten 64% des Ertrags und 69% des Ergebnisses vor Steuern aus Treasury & Markets. Bereits 2015 und 2016 hatte die Sparte 79% respektive 47% zum Ergebnis der Kernbank beigetragen.

4.)    Die jüngsten Ergebnisse klingen besser als sie sind

Die Ergebnisse waren zuletzt wesentlich geprägt durch die Realisierung stiller Reserven aus dem Verkauf von Schuldscheindarlehen, mit einmaligen Gewinnen von 142 Mio. in 2016 und sogar 356 Mio. Euro in 2017. Wo man stille Reserven findet, vermutet man als Kreditanalyst auch stille Lasten, IFRS hin oder her. Und: Bereinigt man die Ergebnisse um die genannten Einmalerträge, ist das Bild trotz des forschen Neugeschäfts ungünstig.

5.)    Wenn die nächste Flaute kommt, könnte es wirklich ungemütlich werden

Ist die Perspektive der Kernbank wirklich so überzeugend, wie das Management glauben machen will? Vielleicht kommt der nächste Abschwung erst 2021, 2022 oder mit Glück auch noch etwas später – trotzdem bleibt die Grundkonstellation: Die HSH Nordbank hat ihre Unternehmens- und Immobilienkredite im intensiven Wettbewerb zu einer Zeit mit historisch außergewöhnlich tiefen Risikokosten und einer überbordenden Nachfrage nach Gewerbeimmobilien getätigt. Sie wird mit einem aggressiv aufgebauten Kreditbuch in die nächste Flaute gehen. Wie robust dieser unausgereifte Kreditbestand ist, wird sich erweisen. Unsere Befürchtung jedenfalls ist: dass das Neugeschäft von heute zur Altlast von morgen wird.

*Guido Versondert ist ein ehemaliger Senior Analyst für Banken bei Moody’s, Michael Dawson-Kropf der frühere Country Head für deutsche Banken bei Fitch. Beide arbeiten für die Schweizer Rating-Boutique Independent Credit View. Die Ansicht der beiden Gastautoren ist nicht notwendig die der Redaktion.