Gibt es eigentlich irgendeine seriöse Fintech-Studie da draußen?

Von Heinz-Roger Dohms

Mit den Fintech-Studien, die die „Finanz-Szene.de“-Redaktion erreichen, lassen sich ganz wunderbar Papierkörbe füllen. Denn mindestens eines der beiden folgenden Kriterien erfüllen viele dieser Untersuchungen geradezu spielend:

  • unplausibel
  • so erkennbar interessengesteuert, dass es fast schon plump ist

Umso glücklicher waren wir, als uns dieser Tage eine Studie der London Stock Exchange in die Hände fiel. Die altehrwürdige LSE, eine der größten Börsen weltweit, kann eine Quelle seriöser sein? Zumal die Umfragebasis vergleichsweise üppig erschien: 403 interviewte Fintech-Topmanager in acht Ländern, davon allein 64 in Deutschland (und darunter z.B. explizit die Chefs von Weltsparen und Kreditech) … Was will man mehr?

Doch dann lasen wir ein bisschen in die Studie hinein … und, naja, was soll man sagen. Sehen Sie selbst:

  • Die 64 befragten deutschen Finanz-Startups rechnen über die nächsten drei Jahre mit einem Wachstum von 284%. Zum Vergleich: Die US-Fintechs kalkulieren mit einem Plus von 39%, die UK-Fintechs mit 88%.

Nun mag man argumentieren, dass die deutsche Fintech-Branche in puncto Entwicklungsstand hinter der angelsächsischen hinterherhinkt, sich also ein gewisser Aufholeffekt ergeben könnte. Aber 284% vs. 39%? … Doch weiter geht’s:

  • Rund jedes dritte (!!!) deutsche Fintech hat bereits mehr als umgerechnet 100 Mio. Dollar (!!!) „geraised“. Ufftata. Selbst wenn man das Fremdkapital einbezieht (was die Studie offensichtlich tut), erscheint dieser Wert gelinde gesagt seeeehr hoch, zumal wenn zugleich laut derselben Studie bislang nur rund jedes 20. britische Fintech ein Gesamtfunding von mehr als 100 Mio. Dollar erreicht hat.

Indes, es kommt noch besser, denn:

  • Gut 35 Prozent der 64 befragten deutschen Fintechs haben sich laut der Studie schon Geld über ein „Public market listing“ besorgt (was wir mal mit „Börse“ übersetzen würden), sogar gut 40 Prozent über eine „Listed debt issuance“ (damit scheint eine „Kapitalmarktanleihe“ gemeint zu sein). Das wirft die  Frage auf, welche deutschen Fintechs da wohl befragt worden sind – Daimler? Bayer? BASF?

Naja, letzten Endes werden die Zahlen, so unglaublich sie auch sind, dann doch stimmen, sonst würde eine der renommiertesten europäischen Finanzinstitutionen sie ja kaum verbreiten.

Übrigens: Durchgeführt im Auftrag der LSE wurden die 403 Interviews vom Marktforscher Yougov, der den Stammlesern von „Finanz-Szene.de“ ja auch schon wegen seiner hochseriösen Kontowechsel-Studien ein Begriff ist. Aber das nur nebenbei.