Meint die Commerzbank „billige Filiale“, wenn sie „moderne Filiale“ sagt?

Von Heinz-Roger Dohms

Wenn die „FAZ“ über die beiden großen deutschen Banken schreibt, verfällt sie gern ins Analogische. „Commerzbank nimmt sich Spotify zum Vorbild“, heißt es dann. Oder: „Wie die Deutsche Bank von Amazon und Airbnb lernt“. Oder, aktuelles Beispiel: „Bald könnte die Commerzbank wie eine Starbucks-Filiale aussehen.“ Liest man den aktuellen Artikel allerdings komplett, drängt sich der Eindruck auf, die Coba lasse sich bei ihren neuen Filialkonzepten weniger von Starbucks leiten – sondern vom 0-8-15-Mobilfunkshop ums Eck. Motto: Hauptsache klein!

Wörtlich  wird die zuständige Coba-Architektin Susanne Fleckenstein in dem Artikel nämlich wie folgt zitiert: „Unsere Filialen sind im Durchschnitt viel zu groß. Statt 300 bis 400 Quadratmeter peilen wir für die meisten 80 bis 100 Quadratmeter an.“ Auf Nachfrage von „Finanz-Szene.de“ revidiert die Commerzbank diese Aussage zwar (sprich: Frau Fleckenstein soll das so nicht gesagt bzw. nicht gemeint haben). Und doch spricht viel dafür, dass die Commerzbank, wenn sie von der „Modernisierung“ ihrer Filialen spricht, mittlerweile vor allem „Verkleinerung“ meint. Unsere Analyse:

1.) Die Ausgangslage

Jahrelang pflegte die Commerzbank die Mär, alle Banken hierzulande würden ihre Filialnetze ausdünnen, nur sie selber nicht.  So hieß es 2015 in einem Werbespot: „Immer mehr Banken schließen Filialen. Aber wir bleiben an Ihrer Seite. Commerzbank.“ Und der heutige CEO und damalige Privatkundenvorstand Martin Zielke sagte dazu passend in einem Interview: „Filialen zu schließen ist keine Strategie. Abbaupläne hat ein Unternehmen, das Kunden verliert. Wir wachsen.“

Die Wahrheit war freilich eine andere. Wie damalige Recherchen zeigten, machte die Commerzbank zwischen 2011 und 2015 ein Drittel ihrer mehr als 1500 Filialen dicht. Seitdem soll die Zahl allerdings einigermaßen stabil sein. Von rund 1000 Niederlassungen war zuletzt immer die Rede.

2.) Das neue Filialkonzept

Ende 2016 stellte die Commerzbank ihr „neues“ Filialkonzept vor. Damals hieß es, von den rund 1000 Niederlassungen würden „65 bis 100“ in sogenannte Flagship-Filialen umgewandelt, „300 bis 500“ in sogenannte City-Filialen mit reduziertem Beratungsangebot. Ein verstecktes Kostensenkungsprogramm sei das nicht, betonte Privatkundenchef Michael Mandel.

3.) Die Aussagen im FAZ-Artikel

Wie oben bereits angerissen, sagt die Coba-Architektin in dem Anfang dieser Woche veröffentlichten Interview:

„Unsere Filialen sind im Durchschnitt viel zu groß. Statt 300 bis 400 Quadratmeter peilen wir für die meisten 80 bis 100 Quadratmeter an.“

Der Artikel geht dann wie folgt weiter (allerdings nicht mehr als Zitat):

Dafür hat die Commerzbank einen neuen Standardfilialtyp „City“ geschaffen. Dort arbeiten in der Regel zwei bis drei Mitarbeiter, um den Grundbedarf der Kunden mit einfachen Finanzprodukten abzudecken.

Diese Aussagen lassen sich eigentlich nur wie folgt interpretieren:

  • Die „meisten“ (sprich: mehr als die Hälfte der noch rund 1000 Filialen) sollen in Zukunft um die 80 bis 100 Quadratmeter groß sein
  • Diese Filialen folgen allesamt dem „City“-Konzept
4.) Die Aussagen gegenüber „Finanz-Szene.de“

Genau dieser Interpretation widerspricht die Commerzbank jedoch auf explizite Nachfrage von „Finanz-Szene.de“:

  • Nein, die Mehrzahl der Filialen werde nicht bei „80 bis 100 Quadratmetern“ liegen, sondern irgendwo zwischen den „80 bis 100“ und den „300 bis 400 Quadratmetern“
  • Und nein, die „City-Filiale“ mit reduzierter Beratung werde nicht der Regelfall werden, sondern der Regelfall bleibe der Mischtyp, der zwischen „Flagship“- und „City-Filiale“ liege
5.) Unsere eigene Deutung

Mag sein, dass die Coba-Architektin sich missverständlich geäußert und die „FAZ“ das dann falsch bzw. ebenfalls missverständlich ausgelegt hat.

Allerdings hegen wir trotzdem den ganz starken Verdacht, dass es der Commerzbank bei ihrem Filialkonzept inzwischen sehr wohl in erster Linie ums Kostensenken geht (auch wenn Herr Mandel das damals zurückgewiesen hat). So liest es sich jedenfalls, wenn Frau Fleckenstein an einer Stelle des „FAZ“-Artikels sagt:

„Wir verkleinern wie gerade am Jungfernstieg in Hamburg an vielen Standorten die Fläche zum Teil um bis zu 75 Prozent und senken so die Mietkosten.“

Hierzu muss man wissen, dass die Filiale am Jungfernstieg natürlich keine piefige City-Filiale werden soll – sondern ganz im Gegenteil eine der edlen Flagship-Standorte, als deren Prototyp die  730 Quadratmeter große Coba-Filiale am Berliner Kudamm gilt.

In einem Mitte 2016 erschienenen Artikel im „Hamburger Abendblatt“ sagte der Commerzbank-Nord-Vorstand Frank Haberzettel:

„Wir werden bei laufendem Betrieb die rund 1000 Quadratmeter große Filiale am Jungfernstieg zu einem Flagship-Store umbauen.“

Von einer Reduktion der Quadratmeterzahl? Kein Wort. Stattdessen hieß es in dem Bericht: „Die neue Filiale, die erst 2019 fertig sein soll, wird sich durch eine sehr offene Raumarchitektur auszeichnen.“ Und weiter: „Das historische Flair soll erhalten bleiben, aber mehr Transparenz, Licht und Leichtigkeit das Erscheinungsbild bestimmen.“ Es geht in dem Artikel sogar um zwei „alteingesessene Einzelhändler“, die wegen der großen Pläne der Commerzbank weichen sollten.

Im August 2017, also gut ein Jahr später, las sich das in einem weiteren „Abendblatt“-Artikel, der wiederum auf einem Gespräch mit dem Manager Haberzettel beruhte, schon ein wenig anders:

Am Jungfernstieg kommt die Bank nach dem Umbau mit etwa einem Drittel weniger Fläche aus

Und nun also: Wird die Flagship-Filiale am Jungfernstieg plötzlich als Beispiel dafür angeführt, dass „Flächen zum Teil um bis zu 75 Prozent“ reduziert werden.

Das heißt natürlich nicht, dass die Jungfernstieg-Filiale höchstselbst um drei Viertel schrumpft. Aber es dürfte doch ein Hinweis darauf sein, welche Prioritäten die Commerzbank mittlerweile bei ihren Filialplänen setzt: Wo die Mietverträge eine Verkleinerung zulassen, wird verkleinert – egal ob „Flagship“, „City“ oder „Mischtyp“.

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