Nach welchen Kriterien VCs in deutsche Fintechs investieren

Von Carsten Maybach*

Durch den Boom in der Fintech-Szene kommen vielen neue Geschäftsmodelle in den Markt. Wenige sind vollständig unique, die meisten fallen in Segmente, in denen es ähnliche oder ähnlich erscheinende Wettbewerber gibt. Inzwischen kann man feststellen, dass einigen Fintechs das Geld augenscheinlich hinterhergetragen wird, während andere jahrelang erfolglos im Fundraising sind – und das, obwohl die Produkte doch gleichartig interessant sein sollten. Oder etwa nicht?

Aus VC-Perspektive schauen wir uns ein Unternehmen und seine Produkte mit hunderten Fragestellungen an, hier einige wesentliche:

  • Was macht das Fintech und wie wichtig ist das Produkt aus Kundensicht?
  • Wie komplex ist das Produkt?
  • Wie einzigartig ist das Produkt, welche Alternativen gibt es für den Kunden? (Direkter Wettbewerb und alternative technische Möglichkeiten).

Legen wir diese Kriterien einmal beispielhaft an zwei vergleichbare Fintechs an – nämlich einerseits das beim Funding bislang sehr erfolgreiche Berliner Fintech N26. Und andererseits der Smartphone-Banking-Vorreiter Outbank, der die VCs am Ende leider nicht mehr überzeugen konnte.

  • Sowohl N26 wie auch Outbank ermöglichen Banking auf dem Smartphone. N26 über ein eigenes Konto, Outbank verbindet alle bestehenden Bankkonten. Das Mobile-Banking als solches ist für mehr und mehr Anwender unverzichtbar, also beides ein wichtiges Produkt.
  • Beide Angebote sind für sich gesehen komplex. N26 hat sich entschieden, selbst eine Bank zu sein und den Kunden ein eigenes Angebot darzustellen. Hierdurch entsteht ein regulatorischer Aufwand, der aber den Vorteil bietet, dass N26 der Herr über das eigene Angebot ist. Outbank hatte die Komplexität, alle Banken und Konten über Schnittstellen anzubieten, musste als technische Dienstleistung aber nicht reguliert werden.
  • Keines der beiden Produkte ist unique. Es gibt bereits Banken, und so gut wie alle Banken sind per Mobile-App erreichbar. Die hohe Nachfrage auf Investorenseite nach N26 rührt meines Erachtens daher, dass die Neugründung einer mobile-fokussierten Bank ohne IT- und Niederlassungsballast als starker Wettbewerbsvorteil gesehen wird. Outbank hatte einige direkte Wettbewerber, aber der größte waren wohl die bankeigenen Apps. Während Mobile-Banking immer mehr zulegt, hatte nur eine zu geringe Anzahl von Nutzern das Bedürfnis, mehrere Konten regelmäßig zu aggregieren. Ohne selbst Bank zu sein, ist man eben nur ein Frontend und hat quasi keine eigenen Kunden.

Auch im Bereich des Digital Wealth Management („Robo-Advisor“ im Volksmund) gibt es mit Scalable einen Player, der Wettbewerber, die schon länger aktiv sind, auf dem Standstreifen überholt hat. Durch die überwiegend passive Anlagestrategie der Wettbewerber sind diese technisch aus Kundenperspektive kaum mehr als eine „ETF-Scheide“.

Sicher ist das Betreiben eines regulierten Anlagevermittlers grundsätzlich komplex, aber eine Allokation von 1-n ETF-Zertifikaten nach einem Fragebogen ist nicht gerade Rocket Science. Viele dieser Anbieter wollen gerade keine Meinung zum Markt haben und lassen den Kunden mit dem Risiko von Kursverlusten alleine.

Scalable hingegen hat sich dadurch hervorgehoben, dass das Portfolio bei steigender Volatilität in weniger schwankende Werte umgeschichtet wird. Wegen der geringen Gebühren bei der Umschichtung kann dies auch häufig genug geschehen für eine effektive Strategie. Ergo, Kunden lieben das Modell. Das starke Wachstum führt zu entsprechenden Erfolgen im Fundraising und Vertriebspartnerschaften mit etablierten Playern.

Welchen Impact ein Startup – auch unabhängig von der Fintech-Branche – am Markt haben wird, ist immer schwer hervorzusehen. Jedes heutige Unicorn kann von Dutzenden Absagen aus der Gründungszeit erzählen. Daher versuchen VC-Investoren, sich auf die Märkte zu fokussieren, in denen sie die Feinheiten des Business verstehen und dabei Innovationskraft und einen echten Kundenbedarf erkennen können.

[Der Autor ist Investment Director beim Münchner Venture-Capital-Investor Alstin, der unter anderem an den deutsche Fintechs Barzahlen und Orderbird beteiligt ist. Seine Meinung ist nicht notwendig die der Redaktion.]

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