Paypal steigt bei Weltsparen ein

Von Heinz-Roger Dohms

Wann entert Paypal das klassische Bankgeschäft – und wie? Seit Jahren wird über diese Frage diskutiert und spekuliert, nun bahnt sich eine Antwort geben. Denn: Der US-Payment-Riese ist beim Berliner Fintech Raisin („Weltsparen.de“) eingestiegen, wie Raisin-Gründer Tamaz Georgadze diese Woche im Gespräch mit „Finanz-Szene.de“ verriet. Schon  das Investment als solches ist spektakulär. Noch spannender sind allerdings die Interpretationen, die nun in der Branche kursieren.

Die naheliegende Vermutung lautet nämlich, dass Paypal die Kooperation mit dem Berliner Zinsportal dazu nutzen könnte, demnächst in Deutschland, Großbritannien und weiteren europäischen Ländern Tages- und Festgelder anzubieten. Äußern wollte sich Georgadze dazu nicht. Stattdessen formulierte er eher allgemein: “Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit PayPal.“ Das Ziel seines Unternehmens sei es, „unsere Produkte für Hunderte Millionen Europäer zugänglicher zu machen.“

Steigt Paypal wirklich ins Zinsgeschäft ein, würde das für die europäische Bankenbranche eine Zäsur bedeuten. Denn es wäre das erste Mal, dass Paypal seinen Kunden diesseits des Atlantiks ein eigenständiges Sparprodukt anbietet. Zwar unterhält der US-Riese, der an der Börse mehr wert ist als die Deutsche Bank und die Commerzbank zusammen, auch jetzt schon die Paypal Bank in Luxemburg. Deren Produktpalette ist allerdings sehr überschaubar und beschränkt sich zum Beispiel auf einen Händlerkredit, mit dem Paypal kleinen Shops, die die Bezahllösung nutzen, den Wareneinkauf vorfinanziert.

Auch in den USA hielt sich Paypal mit herkömmlichen Bankdienstleistungen bis vor kurzem zurück. Einzige nennenswerte Ausnahme war lange Zeit die Möglichkeit, überschüssige Liquidität auf dem Paypal-Konto in einen Geldmarktfonds zu überführen. Kürzlich allerdings ändert der Payment-Konzern seine Strategie und nahm die digitale Vermögensverwaltung des Robo-Advisors Acorn in sein Angebot auf. Der frühere Paypal-Manager Jochen Siegert deutete das Vorgehen darum gegenüber „Finanz-Szene.de“ wie folgt: „Offensichtlich soll Weltsparen für Paypal in Europa das werden, was Acorn für Paypal in den USA ist – nämlich der Einstieg ins klassische Retail-Banking jenseits des Zahlungsverkehrs, allerdings nicht als eigenes Angebot, sondern mithilfe eines Produktpartners.“

Für „Weltsparen.de“ kommt die Kooperation mit Paypal einem Ritterschlag gleich, zumal der US-Konzern, der bislang nicht wirklich als Startup-Investor aufgefallen ist, den Pakt durch das Funding bekräftigt. Zur Höhe der Finanzierung machte Georgadze keine genauen Angaben, sie dürfte allerdings im niedrigen zweistelligen Millionenbereich liegen. Die bislang letzte Finanzierungsrunde hatte Raisin Anfang des Jahres verkündet. Damals spülten klassische Venture-Capital-Fonds 30 Mio. Euro in das Unternehmen. Zur Bewertung sagten die Berliner damals nichts. Allerdings dürfte Raisin genauso wie N26, die Solarisbank oder Deposit Solutions zu jenen deutschen Fintechs gehören, die zwar die 100-Mio.-Grenze bereits deutlich geknackt haben, von einer 500-Mio.-Bewertung allerdings noch ein gutes Stück entfernt sind.

„Es macht uns stolz, dass sich Paypal für uns als Partner entschieden hat“, sagte Georgadze. Der Kontakt sei vor rund einem Jahr zustande gekommen und vonseiten der Amerikaner ausgegangen. „Über die vergangen Monaten ist das dann immer konkreter geworden.“ Vor diesem Hintergrund erscheint auch die vor wenigen Wochen verkündete Expansion nach UK in neuem Licht; dort übernahm Raisin für einen nicht genannten Kaufpreis das britische Pendant PBF Solutions. „Natürlich spielt es für einen Konzern wie Paypal eine Rolle, dass potenzielle Partner möglichst international aufgestellt sind“, meinte Georgadze gestern. Als weiteren wichtigen Faktor nannte er die sogenannte „API“ – also die technische Schnittstelle, über die große Finanzkonzerne die Dienstleistungen von Finanz-Startups integrieren.

Die große Frage wird nun sein, wie die etablierte Finanzbranche auf die Kooperation reagiert. Als Schwäche der Fintechs galt bislang, dass ihnen der direkte Zugang zu größeren Kundengruppen fehle – und sie deshalb zwingend auf die Zusammenarbeit mit klassischen Banken angewiesen seien. Paypal könnte für Raisin eine Möglichkeit sein, Zinsprodukte in den Massenmarkt zu schleusen und dabei die Banken als Vertriebsweg zu umgehen. Der Konkurrent Deposit Solutions („Zinspilot“) hat sich zwar ebenfalls darauf spezialisiert, Spar- und Festgelder zu vermitteln. Allerdings gehen die Hanseaten einen anderen Weg und bieten ihre technische Lösung verstärkt als B2B-Dienstleistung den Banken an.

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