Wie die deutschen Banken den Megatrend „Green Finance“ verschlafen

Von Ralf Breuer*

Wenn heute in Frankfurt der zweite „Sustainable Finance Gipfel Deutschland“ stattfindet – dann handelt es sich auf den ersten Blick um eine Veranstaltung, die voll im Trend liegt: Die Zahl der Teilnehmer hat sich im Vergleich zum Vorjahr von 150 auf 280 erhöht, die Sponsorenliste ist prominent, mit den Sparkassen und der genossenschaftlichen Union Investment sind die beiden größten  Bankengruppen des Landes vertreten – und die Deutsche Börse als Veranstalter wirbt sogar für die Einrichtung eines „Green and Sustainable Finance Cluster Germany“

Der erste Eindruck jedoch täuscht. Denn egal, wohin man schaut, ob auf Sparkassen, Volksbanken oder Großbanken  – da, wo es am Ende zählt, also bei den Produkten und im Vertrieb, ist von „Green Finance“ noch kaum etwas zu sehen. Während die GLS als größte deutsche Öko-Bank ihre Bilanzsumme in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht (!) hat und der von ihr initiierte „FairWorldFonds“ auf ein Volumen von eine Mrd. Euro zusteuert, herrscht bei den etablierten Anbietern Flaute:

  • Über die Volks- und Raiffeisenbanken werden gerade einmal vier nachhaltige Fonds der Union Investment vertrieben. Volumen per 21. September: schlappe € 781 Mio Euro
  • Bei der Deka wiederum ist das Angebot so bescheiden, dass einige Sparkassen sogar auf die Produkte anderer Emittenten zurückgreifen
  • Einige deutsche Banken offerierten unterdessen eine Zeit lang nachhaltige Sparbriefe, die aber mehrheitlich aufgrund der unattraktiven Zinsangebote wieder eingestellt wurden

Unterm Strich sind Ökologie, Nachhaltigkeit und Werteorientierung hierzulande immer noch ein Nischenthema. Zur Einordnung: Der Marktanteil der 13 „alternativen“ Banken wird auf lediglich rund 1% geschätzt. Daran wird auch die Gründung des Hamburger Öko-Fintechs Tomorrow erst einmal wenig ändern.

Dieser Befund ist umso bitterer, als „Green Finance“ jenseits der deutschen Grenzen längst ein Megathema ist:

  • Bereits fünf der sieben größten französischen Banken haben Nachhaltigkeit im Fokus ihrer Strategie
  • In fast allen Nachbarländern ist der Marktanteil nachhaltiger Anlagen deutlich höher als in Deutschland
  • Die EU-Kommission verfolgt ein ambitioniertes Programm namens „Commission Action Plan on sustainable finance
  • An der Börse Luxemburg sind bereits mehr als 200 Anleihen mit Nachhaltigkeitsbezug mit einem Volumen von mehr als 100 Mrd. US-Dollar notiert
  • An der Börse London sind rund 80 „Green Bonds“ im Volumen von mehr als 25 Mrd. US-Dollar gelistet. Im Juni 2018 kam allein von der chinesischen ICBC eine Dreifach-Emission in Höhe von 1,58 Mrd. US-Dollar hinzu

Tatsächlich stellen die Finanzaufseher die Klimarisiken für die Banken inzwischen auf eine Stufe mit den Cyberrisiken. Vor diesem Hintergrund ist der angekündigte Ausstieg großer Versicherungskonzerne aus der Finanzierung und Versicherung von Kohle kein Aktionismus, sondern nüchterne Geschäftspolitik. Längst hat das Thema auch die deutsche Industrie und in der Folge die Bilanzen mancher Kreditinstitute erreicht. Bestes Beispiel: Die gesunkenen Restwerte für Dieselfahrzeuge in den Büchern der Autobanken.

Dabei hat der große Rückstand Deutschlands bei „Sustainable Finance“ nicht nur mit der Kreditwirtschaft zu tun, sondern auch damit, dass die Politik – auch wegen der langwierigen Regierungsbildung in Berlin – das Thema zuletzt sträflich vernachlässigt hat. Bezeichnend: Als die Bundesregierung im Juni 2018 zum Entwurf einer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie aufrief, wurde ausgerechnet der Finanzsektor ausgeklammert  Vor diesem Hintergrund ist der heutige „Sustainable Finance Gipfel Deutschland“ (#SFGD18) bildlich als Einrichtung eines Basislagers zu betrachten, um den Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft vorzubereiten und international massive Rückstände aufzuholen.

*Ralf Breuer betreibt den Blog „Investabel“, der sich mit nachhaltiger Finanzwirtschaft und Geldanlage befasst. Hier der Link zu seiner Seite: https://investabel.wordpress.com/