Wirecard, Goldman Sachs und die Short-Attacken-Theorie

Von Heinz-Roger Dohms

Haben Sie die Sache mit Wirecard und Goldman Sachs mitgekriegt? Nein? Auf geht’s:

Goldman Sachs hielt offenbar jahrelang einen dicken Anteil an Wirecard. Zumindest uns hier ist das nie aufgefallen, weil Goldman (meinen wir jedenfalls) nie auftauchte, wenn die großen Wirecard-Investoren aufgezählt wurden. Warum tauchten die Amerikaner nie auf? Mag daran liegen, dass es anderen auch verborgen blieb. Mag daran liegen, dass Goldman den Großteil seiner Aktien verliehen hatte. Keine Ahnung. Jedenfalls: Wenn man ein bisschen durchs DGAP-Archiv scrollt, dann entdeckt man irgendwann eine Stimmrechts-Mitteilung vom 27. April 2016. Aus dieser geht hervor, dass Goldman damals die 5%-Grenze unterschritten hat, um genau zu sein: Es ging von 5,08% auf 4,99% abwärts, wobei von diesen 4,99% wiederum 4,96% verliehen waren.

Wie geht die Sache nun weiter? Am Dienstagabend dieser Woche tauchen auf der DGAP-Seite plötzlich in kurzer Abfolge drei weitere Stimmrechts-Mitteilungen zu Wirecard/Goldman Sachs auf. Was lernt man bei deren Lektüre? Dass die Wirecard-Position der Amerikaner im Februar auf bemerkenswerte Art und Weise Jojo gespielt hat. En detail: Nachdem Goldman bei Wirecard fast drei Jahre lange keine Schwelle mehr nach oben oder unten gerissen hat (es liegt sogar die Vermutung nahe, dass sich an der Position gar nichts geändert hat), machen die Investmentbanker am Freitag, den 15. Februar, plötzlich mit allem möglichen Wirecard-Zeugs rum, namentlich Aktien, CFD’s, Swaps, Warrants … Hauptsache, Wirecard.

Dazu muss man wissen, dass der 15. Februar der letzte Handelstag vor dem Wirecard-Leerverkaufs-Verbot durch die Bafin war. Und: Es war mit einer Schwankungsbreite  von 4,4 Prozentpunkten (das Tageshoch lag bei 98,80 Euro, das Tief bei 103,15 Euro) nach Wochen des hektischen Auf und Abs ein vergleichsweise ruhiger Handelstag. Der einzige, der ein bisschen Ramba-Zamba macht, ist offenbar Goldman, mit der Folge, dass die Amerikaner (wesentlich über Instrumente) am Ende dieses Tages nicht mehr 4,99%, sondern 6,56% an Wirecard galten.

Die zweite Mitteilung betrifft dann eine Veränderung der Position, die auf den 18. Februar datiert, dem Tag des Leerverkaufsverbots. Allerdings geht es nur um eine minimale Reduktion, von 6,56% auf 6,54%. Warum diese Veränderung überhaupt gemeldet werden musste, wissen wir ehrlich gesagt nicht. Was wir wissen: Einen Tag später folgt, dokumentiert in der dritten der drei Stimmrechts-Mitteilungen, der Hammer: Goldman fährt den eben erst auf rund sechseinhalb Prozent aufgestockten Anteil auf nur noch 1,29% runter, und das einen Tag nach dem Leerverkaufsverbot, das die Wirecard-Aktie deutlich hatte steigen lassen.

Welchen Reim soll man sich hierauf nun machen? Nein, keine Bange, wir schlagen uns hier jetzt nicht ins Lager der Verschwörungstheoretiker (obwohl das, wie immer, wenn Goldman Sachs im Spiel ist, lustig würde: Goldman-Leerverkaufsverbot-Bafin-BMF-Staatssekretär-Goldman …). Sondern: Wir halten fest, dass es für das alles vermutlich gute Erklärungen gibt, zumal Goldman ja normalerweise im Kundenauftrag agiert. Und doch: Irgendwie sieht das alles dann doch auch ein bisschen komisch aus, wenn man so draufguckt.

Worauf wir aber eigentlich hinauswollen, ist etwas anderes: Da bewegt Goldman mal eben drei, vier, fünf Prozent der Wirecard-Aktien. Dann gibt es da draußen ein Dickschiff namens Blackrock, das als Wirecard-Investor den Februar über auch die ein oder andere Meldeschwelle gerissen hat. Und schließlich sind da noch weitere sehr große (Long-only-)Investoren, die mit ihren Wirecard-Aktien – trotz Leerverkaufsverbots – weiterhin viele, viele tendenziell kursverändernde Dinge anstellen können.

Kurzum: Wie plausibel ist vor diesem Hintergrund die hierzulande verfochtene Grundannahme, der Wirecard-Kurs werde von irgendwelchen zu kriminellen Handlungen (Marktmanipulation, Erpressung, Bestechung) neigenden „Shorties“ gemacht, die eine 0,1-irgendwas-Prozent-Position innehaben und nun mit Koffern voller Geld vor den Redaktionsbüros britischer Medien lungern, um negative Berichterstattung zu kaufen und so die Wirecard-Aktie zum Einsturz zu bringen? Sollte man nicht annehmen, dass es vielmehr die großen Adressen sind, die bestimmen, in welche Richtung der Wirecard-Kurs läuft?

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