Analyse: Fünf Gründe, warum sich die Sparkassen so schwer mit Apple tun

Von Heinz-Roger Dohms

Der Sparkässler als solcher ist ein auskunftsfreudiger Mensch. Und selbst wenn er ausnahmsweise mal nichts sagt – nicht schlimm. Dann redet halt ein anderer. Sparkässler gibt es schließlich mehr als genug! Jedenfalls: Diesmal ist alles anders. Wen auch immer man in der Sparkassen-Finanzgruppe anspricht auf das Geheimprojektprojekt „Diamond“ (von dem wir selber auch nur zu wissen glauben, dass es existieren soll): Schweigen! Die Sparkässler wollen nichts sagen. Oder sie dürfen nichts sagen. Denn: Beim (angeblichen) „Diamond“-Projekt geht es um zwei hochsensible Fragen: 1.) Sollen die Sparkassen mit Apple Pay kollaborieren? Und 2.) Falls ja: Wie? Die Gemengelage ist komplex. Entscheiden sich die Sparkassen für eine Kooperation, verlieren sie einen Teil ihrer Erträge. Entscheiden sie sich gegen eine Kooperation – dann verlieren sie womöglich noch viel mehr. Lesen Sie hier unsere Analyse (die fast genauso natürlich auch für die Volksbanken und zumindest ähnlich auch für die privaten Banken gilt):

1.) Apple will ein gewaltiges Stück vom Kuchen

Bis zu 0,2 Prozent vom Einkaufpreis erhält die kartenausgebende Bank (sprich: i.d.R. die Hausbank) vom Händler, wenn der Kunde mit der Girocard bezahlt; bei der Kreditkarte sind es bis zu 0,3% (Kleiner Exkurs: Warum „bis zu“? Weil große Händler wie Aldi für sich vermutlich etwas günstigere Konditionen herausschlagen). Wieviel von diesen 20 bzw. 30 Basispunkten reklamiert Apple bei mobilen Zahlungen via Apple Pay nun für sich? Der Payment-Manager Marcus Mosen schätzte den Anteil in einem übrigens sehr lesenswerten Gastbeitrag für „Finanz-Szene.de“ neulich auf rund ein Drittel. Von einem anderen Insider erfuhr „Finanz-Szene.de“ dieser Tage, dass der Listenpreis von Apple bei angeblich 15 Basispunkten liegen soll. Auch wenn die Sparkassen in der Lage sein sollten, von diesem kolportierten Listenpreis noch den ein oder anderen Basispunkt wegzuverhandeln – schmerzhaft ist das Erlös-Sharing trotzdem. Zumal …

2.) Apple hält  die Hand gern zweimal auf

Vermutlich dürfte Apple von den Sparkassen (aber natürlich auch von anderen deutschen Banken) einen Marketingzuschuss für die Bewerbung von Apple Pay verlangen. So ähnlich lief das ja auch zwischen Apple und der Telekom, „auch wenn es in der Kreditwirtschaft nicht ganz so extrem werden dürfte“, sagt der Zahlungsverkehrsexperte Jochen Siegert vom Branchenblog „Paymentandbanking“.

3.) Apple braucht die Sparkassen nicht unbedingt

… oder dürfte dies in den Verhandlungen zumindest suggerieren. Die Sparkassen-Vertreter bringt das in eine für sie ungewohnte Position. Mit ihren rund 50 Mio. Kunden hierzulande sind die öffentlich-rechtlichen Banken eigentlich der Schlüsselspieler im deutschen Markt. Doch was sind 50 Mio. Kunden schon in dem globalen Kontext, in dem Apple agiert. Zumal: Der Anteil der Apple-Nutzer dürfte unter den Sparkassen-Kunden (Quelle: unsere Vorurteile) deutlich geringer sein als sagen wir unter den Deutsche-Bank-Kunden. Hinzu kommt: Wenn der säkulare Trend in Richtung Mobile Payment geht (wovon viele Branchenbeobachter ausgehen), dann läuft die Zeit für die Amerikaner, nicht für die Deutschen. Kriegt Apple seinen Deal nicht heute, dann kriegt Apple seinen Deal vermutlich halt morgen.

4.) Apple ist ein schwer zu fassender Verhandlungspartner

Als die Banken mit Amazon über die Integration eines „Banking Skills“ auf der Sprachassistenz-Plattform Alexa verhandelten, war aus Kreisen der deutschen Kreditwirtschaft immer wieder zu hören, die Gespräche seien schwierig, weil Amazon keine schriftlichen, sondern allenfalls mündliche Zusagen gebe. So ähnlich, heißt es jedenfalls, sei es auch mit Apple. Wenn auf der Bankenseite ein monolithischer Verhandlungspartner wie die Deutsche Bank, N26 oder Wirecard steht, mag das zu verkraften sein. In einem komplexen Gebilde wie der Sparkassen-Finanzgruppe allerdings ist eine große Zahl von Stakeholdern in wichtige Verhandlungen eingebunden. Wenn man dann nichts schriftlich hat, wird’s schnell unübersichtlich.

5.) Apple ist nicht der einzige „Gegner“ der Sparkassen

Schaut man auf die Kooperationspartner, die noch in diesem Jahr mit Apple Pay in Deutschland starten wollen, dann sieht man sofort, dass auf dieser Liste neben großen Geldinstituten wie der Deutschen Bank oder der Hypo-Vereinsbank auch verschiedenste Nicht-Banken (bzw.: Nicht-Hausbanken) wie Hanseatic, Boon/Wirecard oder Vimpay stehen. „Das verwundert nicht“, sagt Branchenexperte Siegert. „Es ist schließlich schon seit Jahren so, dass reine Kreditkarten-Issuer versuchen, den Hausbanken die Erträge streitig zu machen. Denn: Wenn der Kunde zwar sein Girokonto bei der Sparkasse hat, aber die Kreditkarte zum Beispiel von Miles&More, ADAC oder Boon nutzt, dann hat die Sparkasse in diesem Fall überhaupt keinen Kartenertrag. “ Die Folge dieser Konstellation: Bleiben die Sparkassen bei Apple Pay außen vor, wächst bei den Kunden der Anreiz, sich nach einem separaten Kreditkartenanbieter umzusehen.

Fazit

Vermutlich werden die Sparkassen im Kreditkartenbereich den Schulterschluss mit Apple Pay suchen (genauso wie die privaten Banken auch). Dafür spricht zum einen die Konkurrenz durch die reinen Issuing-Spezialisten. Dafür spricht aber auch, dass bei Kreditkartenzahlungen der Margenspielraum (siehe oben: die 30 Basispunkte) größer ist.

Im Debitbereich hingegen ist dieser Spielraum kleiner – während die Sparkassen dank der Girocard zugleich in einer stärkeren Position sind. Naheliegend wäre es daher, hier erst einmal auf die Sparkassen-eigene (und Girocard-gestützte) „Mobiles Bezahlen“-App zu setzen, auch wenn die bislang nur auf Android-Handys funktioniert, während Apple bis auf Weiteres (ein hübsches Druckmittel …) den Drittzugang auf die NFC-Schnittstelle für Payment verhindert.

Können die Sparkassen (bzw. die deutschen Banken insgesamt) ein mögliches Kräftemessen mit Apple gewinnen? Auf Kundenseite dürfte das schwierig werden. Und rechtlich? In Australien wollte die Kreditwirtschaft Apple juristisch zwingen, seine Payment-Schnittstelle zu öffnen. Die Wettbewerbsbehörde schmetterte das Anliegen ab. In der Schweiz wiederum versuchten umgekehrt die Banken, den US-Konzern zu boykottieren – und haben nun ihrerseits die Kartellwächter am Hals.

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