Exklusiv: Das angebliche 100-Mio.-Funding von Deposit Solutions war in Wirklichkeit viel kleiner

Von Heinz-Roger Dohms

Seit Monaten wird die deutsche Fintech-Community für ihre immer neuen Funding-Rekorde gefeiert. Nun allerdings wecken Recherchen von „Finanz-Szene.de“ erstmals Zweifel an einigen der kolportierten Zahlen. Denn: Zumindest die angebliche 100-Mio.-Dollar-Finanzierung  des Hamburger  Vorzeige-Startups Deposit Solutions war in Wirklichkeit kleiner. Ein  merklicher Teil der offiziell verkündeten Summe floss unseren Recherchen zufolge nämlich gar nicht ins Unternehmen, sondern auf die Konten von Altinvestoren, die ihre Anteile an neue Gesellschafter veräußert haben. Deposit-Solutions-Chef Tim Sievers bestätigte die Informationen gegenüber „Finanz-Szene.de“: Ja, das Investment habe „sowohl aus Primary als auch aus  Secondary“ bestanden, sagte der Fintech-Gründer.

Zugleich betonte Sievers, dass sein Unternehmen die Transaktion sauber kommuniziert habe. So hieß es in der Pressemitteilung: „Insgesamt wurden in dieser Runde 100 Mio. US-Dollar investiert.“ Die Formulierung habe also nicht gelautet, es seien 100 Mio. Dollar direkt ins Unternehmen geflossen bzw. es habe eine Kapitalerhöhung in dieser Höhe gegeben. Auch in einzelnen Gesprächen mit Journalisten sei auf das „Secondary“ hingewiesen worden, erklärte Sievers. Zudem habe einer der Deposit-Solutions-Investoren, nämlich der börsennotierte Frankfurter VC-Spezialist Finlab, per Ad-hoc bekanntgegeben, „im Rahmen einer sogenannten Secondary-Transaktion“ einen Teil seiner Anteile verkauft zu haben. In dieser Mitteilung war tatsächlich von einer „Gesamttransaktionssumme von USD 100 Mio.“ die Rede.

Die öffentliche Wahrnehmung war freilich eine andere. Als erste Medien berichteten – offenbar vom Unternehmen vorab informiert – am Abend der 15. August die „FAZ“ und „FT“ über die Finanzierungsrunde. „German Open-Banking start-up raises $100m“, lautete die Überschrift in der „Financial Times“; die Formulierung „raises“ lässt vermuten, dass die Qualitätszeitung davon ausging, es habe sich bei den 100 Mio. Dollar um eine reine Kapitalerhöhung gehandelt. Auch in dem Artikel der „Frankfurter Allgemeinen“ („Investoren geben Zinsvermittler 100 Mio. Dollar“) fand sich kein Hinweis auf ein „Secondary“. Da ein solcher zumindest explizit auch in der Pressemitteilung fehlte, ging auch „Finanz-Szene.de“ – wie offensichtlich alle Medien – zunächst davon aus, dass die Investoren die 100 Mio. Dollar komplett dem Unternehmen zur Verfügung gestellt hätten.

Eine der Fragen, die sich aus dem Fall ergibt, lautet, ob es nicht an der Zeit ist, dass sich die deutsche Startup-Szene endlich auf klare Reporting-Regeln einigt. Motto: Bei gemischten Finanzierungen wird klar gesagt, wie viel von der Summe auf Equity entfällt, wie viel auf Debt und wie viel auf Secondary. Die zweite Frage lautet: Wie halten es die anderen deutschen Fintechs? Hierzu wird „Finanz-Szene.de“ in den nächsten Tagen eine Umfrage starten. Unsere Hoffnung: Jedes größere deutsche Finanz-Startup (jedenfalls von denen, die mit ihren Fundings selber an die Öffentlichkeit gegangen sind) wird dann bekennen, ob es sich bei der kolportierten Summe wirklich um echtes Equity-Funding handelte. Mal gucken, wer mitmacht. Schön wäre, wenn zumindest alle Fintechs ab einem kommunizierten Gesamtfunding von 10 Mio. Euro teilnehmen würden. Wer möchte, kann das natürlich auch proaktiv tun. Die Mailadresse lautet „redaktion@finanz-szene.de“. Cool wären a) die Höhe des jüngsten Fundings, b) die Höhe des Gesamtfundings und dann jeweils, welcher Anteil auf Equity, Debt und Secondary  entfallen ist.

In den letzten Tagen haben wir uns auch schon mal „off the record“ in  der deutschen Fintech-Szene umgehört. Frage: Ist es statthaft, „Secondaries“ in die Finanzierung einzurechnen, ohne dies explizit zu erwähnen. Hier  reichten die Reaktionen von „Ist nicht wahr, oder?“ und „Das geht gar nicht“ über „Ich fürchte, das ist einigermaßen verbreitet“ bis hin zu „Haben wir in geringem Maße auch schon gemacht“. Bei einem sehr großen deutschen Fintech hat „Finanz-Szene.de“ auf Basis der Analyse von Handelsregister-Auszügen schon seit Längerem den Verdacht, dass die jüngsten Mega-Finanzierungen jeweils zu einem beträchtlichen Teil aus „Secondaries“ bestanden, ohne dass dies kommuniziert wurde (die Rede ist hier übrigens nicht von Kreditech – denn hier ist längst bekannt, dass die 110-Mio.-Euro-Runde im Mai 2017 keine reine Kapitalerhöhung war). Leider will das entsprechende Unternehmen unsere dementsprechende Anfrage bislang nicht beantworten. Übrigens im Gegensatz zu Deposit Solutions, die uns gegenüber sehr transparent mit dem Sachverhalt umgegangen sind.

Spannend wird auch sein, welche Auswirkungen revidierte Zahlen für die diversen Rankings und Studien zur deutschen Fintech-Szene haben. So hatte die Comdirect erst letzten Freitag eine große Untersuchung über den deutschen Markt für Finanz-Startups vorgestellt. Dort hieß es: „Mit 778 Mio.  Euro haben sie in den ersten neun Monaten des Jahres 2018 bereits mehr Venture Capital eingesammelt als im gesamten Jahr 2017, dem bisherigen Rekordjahr bei der Vergabe von Risikokapital in Höhe von 713 Mio. Euro.“ Zumindest das Secondary von Deposit Solutions müsste hier herausgerechnet werden, wobei die deutschen Fintechs dann natürlich trotzdem noch auf Rekordkurs wären. Andere gängige Statistiken – egal ob sie von Crunchbase, CB Insights, KMPG oder E&Y stammen – basieren, soweit „Finanz-Szene.de“ weiß, ebenfalls auf den offiziellen Angaben der Unternehmen. Einen wirklichen Vorwurf kann man den Ranking-Anbietern daraus freilich nicht machen. Denn wenn Unternehmen falsche oder missverständliche Angaben machen, lässt sich das auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen normalerweise nicht widerlegen.

Bei Deposit Solutions liegt der Fall ein wenig anders. Denn die Hanseaten hatten nicht nur das Funding in Höhe von 100 Mio. Dollar kommuniziert, sondern darüber hinaus auch mitgeteilt, die Bewertung liege „Post-Money“ bei 500 Mio. Dollar. Daraus ergibt sich, dass die neuen Anteile eigentlich 20% am Gesamtkapital ausmachen müssten – was man nun wiederum mit den öffentlich zugänglichen Angaben im Handelsregister abgleichen kann. Dort machen die neuen Anteile allerdings bislang nur gut 11% der gesamten Anteile aus, wobei man einschränkenderweise sagen muss: Die Secondaries sind in der aktuellen Gesellschafterliste noch gar nicht vermerkt. Darum lässt sich auch nicht sagen, ob schon alle Primaries vermerkt sind.

Wie hoch der Anteil der Secondaries letztlich ist, wollte Sievers im Gespräch mit „Finanz-Szene.de“ nicht sagen. Er unterstrich jedoch, dass die eigentliche Kapitalerhöhung „den größeren Teil der Runde“ ausgemacht habe. Um eine zu vernachlässigende Größe handelt es sich bei den „Secondaries“ allerdings nicht. Denn allein Finlab hat nach eigener Ad-hoc-Aussage Anteile im Wert von 11,5 Mio. Dollar an neue Gesellschafter veräußert.

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