Exklusiv: Das Erdbeben bei Kreditech – und was dahintersteckt

Von Heinz-Roger Dohms, Finanz-Szene.de, und Caspar Schlenk, Gründerszene

Als am Mittwochnachmittag durchsickerte, dass Kreditech einen neuen CEO bekommen soll – da schaltete das Unternehmen kurzerhand auf stumm. Keine Auskünfte mehr, niemand zu erreichen. Dafür ließ sich der scheidende Vorstandschef (und künftige „Deputy CEO“) Alexander Graubner-Müller gestern Vormittag dann ausführlich bei „Handelsblatt.com“ zitieren. Der Impuls zum  Chefwechsel sei von ihm selbst gekommen, sagte er. Und: „Das ist kein Abschied auf Raten. Als Vorstandsmitglied und Anteilseigner werde ich weiter eine tragende Rolle spielen und kann mich stärker auf die Strategie- und Expansionsthemen konzentrieren.“

Fragt sich nur: Wie glaubwürdig ist das? Legt jemand aus freien Stücken seinen CEO-Titel ab, um fortan den „Deputy CEO“ zu geben, also den Chef, der kein Chef mehr ist?

Zumal sich nach Recherchen von „Finanz-Szene.de“ und Gründerszene im Laufe des gestrigen Tages plötzlich noch eine weitere Frage aufdrängte: Warum eigentlich hat Kreditech in der Donnerstagfrüh versandten Pressemitteilung eine zweite Schlüssel-Personalie schlicht unerwähnt gelassen? Denn: Nicht nur Graubner-Müller ist entmachtet (bzw.: hat sich selber entmachtet). Sondern auch der Mann, der Kreditech in den vergangen, oftmals wilden Jahren zusammengehalten hat, ist nach „Finanz-Szene.de“-Informationen nicht mehr da: Oliver Prill, der „Chief Operating Officer“. Stattdessen wurde Prill – so erzählen es Insider – bereits beim Berliner Factoring-Fintech Finiata gesichtet, also ausgerechnet bei der neuen Firma von Sebastian Diemer, dem schillernden Gründer von Kreditech, der dort Ende 2015 geräuschvoll ausgeschieden war.

Hä, was ist da los?

Der Reihe nach: Festzuhalten ist erstens, dass Kreditech binnen weniger Wochen de facto seine dreiköpfige Spitze ausgewechselt hat. Denn neben dem nicht mehr anwesenden Prill und dem degradierten Graubner-Müller ist ja auch Finanzchef René Griemens  weg, der stattdessen inzwischen beim Heli-Startup Volocopter angeheuert hat.

Damit lässt sich, zweitens, festhalten, dass die Charakterisierung Kreditechs als „deutsches“ Unternehmen mal abgesehen davon, dass Kreditech halt zufällig noch in Hamburg sitzt, seine Berechtigung endgültig verloren hat. Denn: Geschäft hat das Fintech hierzulande ohnehin nie betrieben (außer ganz am Anfang ein bisschen). Die Belegschaft war immer schon international (und zwar mehr noch als bei den meisten anderen „deutschen“ Fintechs). Und auf der Investorenseite hatten die Ausländer im Zuge diverser Funding-Runden ohnehin schon die Mehrheit übernommen.

Blieb noch das C-Level. Doch da sitzen anstelle des Dreigestirns Graubner-Müller/Griemens/Prill künftig als CEO der Anglo-Amerikaner David Chan, also CFO der Pole Mariusz Dabrowski und als CPTO (das „P“ steht für „Produkte“) der Amerikaner Todd Simmerman. Und neuer „Chairman of the Board“ ist übrigens der Brite Giles Andrews. Ob die Position Prills neu besetzt wird, scheint unklar. Denn: Prills  Expertise lag nicht zuletzt im Geschäft mit Konsumentenkrediten. Damit allerdings dürfte sich auch Chan ganz gut auskennen. Und wenn man Graubner-Müller dann doch noch dem C-Level zuschlagen will, dann ist für ein weiteres „C“ ja kaum noch Platz.

Bleibt die Frage, was das alles für die Zukunft von Kreditech bedeutet. Vieles spricht dafür, dass sich der Fokus von Europa zunehmend auf Indien verlagern wird, wo der Großaktionär PayU (hinter dem wiederum der südafrikanische Konzern Naspers steht) einen beträchtlichen Teil seines Geschäfts macht. Unbestätigten Angaben zufolge soll es bereits im vergangenen Sommer einen Deal zwischen wichtigen Großaktionären und dem damaligen Management gegeben haben. Das Arrangement soll so ausgesehen haben, dass Prill noch wie geplant das Indien-Geschäft aufbaut, dann aber gehen darf. Eine Bestätigung hierfür gibt es nicht, Prill war gestern nicht zu erreichen. (glaubt man Unternehmenskennern und indischen Medien, dann war der Start in Indien aber offenbar erfolgreich).

Die Frage ist nun, ob die (freiwillige) Zurücksetzung Graubner-Müllers genauso von langer Hand geplant war wie der Abschied Prills? Als „Finanz-Szene.de“ den Gründer gestern Nachmittag erreichte, stellte er die Dinge noch einmal genau so dar. Man solle das Thema nicht so stark an Titeln aufhängen, meinte  er. Und: Auch wenn er selber jetzt als Vize-CEO amtiere, so bilde er mit Chan trotzdem „eine Doppelspitze“. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass Graubner-Müller seinen Posten aus freien Stücken geräumt hat. Doch selbst wenn dem so war – ungelegen kam den großen Investoren dieser Schritt ganz sicher nicht.