Exklusiv: „Ernste finanzielle Situation“ bei Kreditech – Altgesellschafter brutal verwässert

Von Caspar Schlenk, Gründerszene, und Heinz-Roger Dohms, Finanz-Szene.de

Es schien, als sei bei Kreditech endlich Ruhe eingekehrt. Im Frühjahr übernahm ein neues, erfahrenes Management das Steuer, in Indien wurde eine verheißungsvolle Kooperation mit dem Payment-Dienst PayU angestoßen, und die „Financial Times“ kürte das Hamburger Fintech zu einem von Europas „100 Digital Champions“.

Das alles war offenbar aber nur der äußere Anschein. Denn wie Recherchen von „Gründerszene“ und „Finanz-Szene.de“ zeigen, steckt Kreditech in der womöglich schwersten Krise seiner Unternehmensgeschichte. Laut Eintragungen im Handelsregister hat das einst größte deutsche Fintech die Anteile diverser Altinvestoren stark verwässert. Im Zuge einer Anfang November durchgeführten Kapitalerhöhung explodierte die Zahl der Anteile von gut 200.000 auf rund 14,5 Millionen. Die Folge: Diverse einst einflussreiche Gesellschafter halten jetzt weniger als 0,1 Prozent an dem einstigen Vorzeige-Startup.

Das angebliche Dementi des Kreditech-Gründers Alexander Graubner-Müller

Gleich drei von „Gründerszene“ und „Finanz-Szene.de“ befragte Bewertungsexperten beurteilten die Sachlage von außen so, dass der Firmenwert quasi gen Null gesetzt worden sei. Als habe man auf den Reset-Knopf gedrückt. „Beim Blick in die Unterlagen sieht es so aus, als habe hier faktisch eine Enteignung stattgefunden“, sagt einer der befragten Fachleute.“ Anders gewendet: Post-Money dürfte das Unternehmen nach der Kapitalerhöhung praktisch nur noch mit jenen gut 14 Mio. Euro bewertet sein, die frisch ins Unternehmen flossen.

Kreditech wollte sich gegenüber „Gründeszene“ und „Finanz-Szene.de“ zu Bewertungsfragen nicht äußern. Allerdings bestätigte die Hamburger Firma, dass 14 Mio. Euro Kapital ins Unternehmen injiziert worden seien. Mit dem Geld werde das Geschäft unterstützt, bevor für nächstes Jahr dann eine richtig Kapitalerhöhung geplant sei.

Schon Mitte September zeichneten sich den Recherchen zufolge die Schwierigkeiten ab: Laut internen Unterlagen lud der neue Geschäftsführer David Chan zu einer offiziellen Versammlung nach Hamburg ein. In der entsprechenden Nachricht hieß es: „Auf Grund der ernsten finanziellen Situation der Gesellschaft ist die Durchführung dieser Gesellschafterversammlung dringend und zeitnah erforderlich.“

Wenige Tage später trafen sich die Investoren in der Kreditech-Zentrale, um über eine neue Finanzierung des Unternehmens zu beraten. Erst im vergangenen Jahr hatte der südafrikanische Medienkonzern Naspers mit seinem Payment-Unternehmen PayU 110 Millionen Euro in Kreditech gesteckt. Damals wurde im Umfeld des Hamburger Unternehmens verbreitet, die Bewertung betrage rund 300 Mio. Euro. Tatsächlich lag der Unternehmenswert des Kredit-Startups im Sommer 2017 wohl eher bei umgerechnet rund 230 Mio. Euro. Zu dieser Bewertung ist Naspers jedenfalls nach Berechnungen von „Gründerszene“ eingestiegen, wie sich aus Unterlagen des Medienkonzerns ergibt.

Exklusiv: Das Erdbeben bei Kreditech – und was dahintersteckt

Der Zustand des Unternehmens muss sich seitdem grundlegend verändert haben. So ist in den Protokollen der Gesellschafterversammlung im September zu lesen, dass Geschäftsführer Chan erst mit einem Investment von 40 Millionen Euro kalkuliert habe. Letztendlich verhandelten die Geldgeber aber nur über eine Kapitalerhöhung von 25 Millionen. Eine Begründung hielten sie in dem Protokoll nicht fest. Die Dokumente sind im Handelsregister veröffentlicht. Zu Details will sich das Unternehmen auch hier nicht äußern.

Nach der Gesellschafterversammlung bekamen die Geldgeber zwei Wochen Zeit zu entscheiden, ob sie investieren wollen. Statt der 25 Millionen Euro wurde im Handelsregister bislang allerdings lediglich besagte Kapitalerhöhung in Höhe von 14 Millionen Euro veröffentlicht. Eine solch massive Verwässerung in dieser Situation, wie sie offenbar stattgefunden hat, wird von Investoren „Pay to play“ genannt. Nur wer investiert, spielt noch eine Rolle.

Dem Investor Blumberg Capital zum Beispiel gehörten nach der letzten großen Finanzierungsrunde 2017 noch rund acht Prozent von Kreditech; gemessen an der Bewertung, zu der Naspers investiert hat, wäre dieser Anteil damals etwa 18 Millionen Euro wert gewesen. Da der US-Investor dem Handelsregister zufolge nicht an der neuen Finanzierungsrunde beteiligt ist, besitzt er nach der neuerlichen Kapitalerhöhung nur noch einen Anteil von 0,1 Prozent. Andere wichtige Alt-Investoren haben sich hingegen erneut beteiligt. Größter Anteilseigner bleibt PayU. Das Payment-Unternehmen hält weiterhin knapp 35 Prozent am Unternehmen, zwei Prozentpunkte weniger als bislang.

Die Ursache der Probleme? Von außen ist das schwer einzuschätzen. CEO Chan schweigt dazu. Grundsätzlich sieht das Geschäftsmodell wie folgt aus: Kreditech will mit seinem Scoring-Mechanismus Kreditkunden bedienen, die von Banken abgelehnt werden. Kernmärkte des Unternehmens waren jahrelang Polen und Spanien. Seit ein paar Monaten indes galt der indische Markt als neue Hoffnung.

Dort ist auch der strategische Investor PayU stark vertreten: Viele E-Commerce-Händler nutzen den Payment-Dienst. Zusammen mit Kreditech sollte eine Art Kreditplattform entstehen. Das klang nach einer exklusiven Zusammenarbeit. Doch dieser Plan wurde den Recherchen von „Gründerszene“ und „Finanz-Szene.de“ zufolge offenbar revidiert: PayU habe sich entschieden, mehrere Kreditgeber auf der Plattform einzubinden, schreibt Chan auf Anfrage. Kreditech sei einer von ihnen. Umgekehrt betrachte allerdings auch Kreditech den neuen Produktbereich nicht mehr als Priorität.

Im kommenden Jahr will sich Kreditech bei der Kreditvergabe auf Kunden mit einer etwas besseren Bonität (Near-Prime-Segment) fokussieren. Dieser Markt sei größer und besser zu skalieren als die Subprime-Kunden, sagt Chan. Die Suprime-Zielgruppe besitzt noch eine niedrigere Bonität.

Kreditech verliert binnen 24 Monaten fast 115 Millionen Euro

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