Exklusiv: Hypo-Vereinsbank zieht sich aus deutschen Fintechs zurück

Von Heinz-Roger Dohms (Finanz-Szene) und Caspar Schlenk (Gründerszene)

Peter Buschbeck war in seinem Element. Es gehe darum, „das Leistungsspektrum unserer Girokonten zu erweitern“, meinte der Vollblutbanker. Und darum, „den Bedarf unserer Kunden im digitalen Zeitalter auch mit Services abzudecken, die über die klassischen Bankthemen hinausgehen“. Durch die Partnerschaft mit dem Berliner Fintech MoneyMap profitierten die Kontoinhaber nun „erstmals in Deutschland von einem automatisierten Vertragshelfer für ihre Haushaltskosten“.

Rund ein Jahr ist es her, dass der heute 56-Jährige derart ins Schwärmen geriet. Buschbeck war damals noch Privatkunden-Chef der Hypo-Vereinsbank. Und MoneyMap war das neue Vorzeige-Fintech der Münchner Großbank, mit 46% hatte sich die Unicredit-Tochter an dem Finanz-Startup beteiligt. Bekannt ist, dass Buschbeck seinen Posten bei der Hypo zwischenzeitlich aufgegeben hat. Was dagegen abgesehen von ein paar Insidern niemand weiß: Nicht nur Buschbeck ist bei der HVB raus. Sondern auch die HVB bei MoneyMap – so besagen es jedenfalls verlässliche Quellen von „Finanz-Szene.de“ und „Gründerszene“. Und bestätigt wird das Ganze durch einen Blick ins Handelsregister.

Die 46% befinden sich demzufolge jetzt im Besitz von Finleap, dem Berliner Fintech-Builder, mit dem zusammen die HVB den Vertragsmanager ursprünglich aufgesetzt hatte – und dem damit nun gut 90% an dem Startup gehören. Das Pikante hierbei: MoneyMap ist nicht das einzige Finleap-Venture, aus dem sich die Hypo-Vereinsbank offenbar zurückgezogen hat. Denn wie „Finanz-Szene.de“ kürzlich schon berichtete, sollen die Münchner auch ihren 14%-Anteil an der Solarisbank verkauft haben, angeblich an deren neuen Großinvestor, die spanische Bank BBVA. Damit hat die HVB binnen kurzer Zeit ihre beiden offenbar einzigen direkten Fintech-Beteiligungen abgestoßen, nur an Finleap selber halten die Bajuwaren noch einen kleinen Stake. Dass stattdessen neue Fintechs hinzugekommen wären, ist nicht bekannt. Im Geschäftsbericht für 2017 findet sich jedenfalls kein Hinweis. Ein Sprecher der HVB schweigt zu alldem, auch bei Finleap will man sich nicht äußern.

Wie kann das sein, dass sich eine der wichtigsten deutschen Banken  aus ihren Fintech-Beteiligungen zurückzieht – während die übrige Branche, darunter inzwischen auch die Deutsche Bank, in die entgegengesetzte Richtung steuert?

Dazu muss man wissen, dass die Hypo-Vereinsbank in Sachen digitaler Transformation zwar nie besonders laut unterwegs war, wohl aber effektiv. Vergleichsweise früh und konsequent beschnitt sie ihr Filialnetz, als eine der ersten (wenn nicht sogar als erste) bedeutende deutsche Bank setzte sie ernsthaft und angeblich auch durchaus erfolgreich auf Videoberatung. Und bei Finleap – dem heute wichtigsten Player im deutschsprachigen Fintech-Universum – stiegen die Münchner zu einer Zeit ein, als man sich bei konkurrierenden Instituten fragte, ob die Business-Development-Abteilungen überhaupt schon so etwas wie eine Fintech-Strategie entworfen hatten. Das Investment bei der Solarisbank war rückblickend betrachtet sogar ein kleiner Coup. Denn mit dem Weiterverkauf des Anteils an die BBVA dürfte die HVB nach Berechnungen von „Finanz-Szene.de“ und „Gründerszene“ einen hübschen Buchgewinn in niedriger zweistelliger Millionenhöhe eingefahren haben.

Tatsächlich pflegten die Münchner eine Zeit lang sogar die Rolle des digitalen Vorreiters, so zum Beispiel im Frühjahr 2016, als stolz die Gründung eines neuen Innovationslabors verkündet wurde. Auch die ein oder andere ambitionierte Personalie fällt in diese Zeit, zum Beispiel die Verpflichtung von Stefan Lang, dem heutigen Chief Digital Officer. Allerdings: Das passierte alles noch unter der Ägide des langjährigen HVB-CEO Theodor Weimer, bei dem man manchmal dachte, er sei sein eigener Chef-Fintechisierer – und in dessen Verantwortung auch (allerdings nie öffentlich gemachte) Startup-Investments bei den Samwers oder bei Earlybird fielen, wie „Finanz-Szene.de“ im vergangenen Jahr aufdeckte.

Weimer allerdings ist inzwischen genau wie Ex-Kollege Buschbeck weg. Nachfolger wurde Anfang des Jahres der vormalige Chef des Corporate- und Investmentbankings Michael Diederich. Die alte Position Diederichs übernahm Jan Kupfer, für Buschbeck kam Emauele Butta, der inzwischen dritte italienische Name im siebenköpfigen HVB-Vorstand. Auch das ist ein Grund, warum Leute, die die Bank gut kennen, raten, bei den Stichwörtern Fintech, Solarisbank und MoneyMap nicht nach München zu schauen – sondern nach Mailand. Also dorthin, wo die Mutter Unicredit sitzt.

In Mailand hat seit Mitte 2016 der Franzose Jean Pierre Mustier das Sagen, einer der angesehensten europäischen Banker. Seit Mustier da ist, wird bei der Unicredit nicht mehr nur vom Sparen geredet, sondern auch tatsächlich gespart, heißt es. Ein Insider sagt, er führe die Bank so, wie man das von einem Fallschirmjäger – genau das war Mustier mal – erwarte. Soll wohl heißen: mit einer gewissen infanteristischen Konsequenz.

Die Zahlen geben Mustier bislang Recht. So zog der Gewinn zuletzt dank niedriger Kosten merklich an. In München soll die Zahl seiner Anhänger trotzdem begrenzt sein. Den ein oder anderen netten Posten, den es vor Mustier bei der HVB nämlich noch gab, gibt es inzwischen nicht mehr. Wer sich zum Beispiel die Frage stellt, wer denn inzwischen eigentlich die Berliner Repräsentanz der Hypo-Vereinsbank führt, dem kann man eine einfach Antwort geben: niemand mehr. Achim Oelgarth, der den imposanten Titel des “Head of Insitutional Affairs Germany” trug, hat die Bank im vergangenen Herbst verlassen. „Eine Nachfolge wird es nicht geben“, hieß es seinerzeit. Bei der HVB wird darauf hingewiesen, dass das Berliner Büro natürlich nach wie vor existiere.

Zur gesunkenen öffentlichen Präsenz  der Hypo-Vereinsbank trägt bei, dass sich die Münchner inzwischen nicht mal mehr die Mühe machen, ihre Geschäftszahlen zu verkünden. Stattdessen wird der Jahresabschluss in einem mehr oder weniger klandestinen Akt einmal jährlich auf die Homepage geladen. Allenfalls die „Börsen-Zeitung“ bekommt das dann noch mit, das „Handelsblatt“ aber schon nicht mehr, ganz zu schweigen von den „General Interest“-Medien. So verkroch sich die Erfolgsmeldung zu den 2017er Zahlen („Hypo-Vereinsbank erreicht alte Stärke“) in der Karfreitags-Ausgabe der „BÖZ“. Soll die HVB nicht glänzen, weil sonst die Mutter überstrahlt werden könnte? In München wird dies zurückgewiesen. Ursächlich seien vielmehr Unterschiede in der Rechnungslegung, die früher regelmäßig zu Verwirrung geführt hätten. Stattdessen werde den „deutschen Zahlen“ nun in den Verlautbarungen der Unicredit mehr Platz eingeräumt.

Was das mit dem Rückzug bei Moneymap zu tun hat? Mag sein, dass dieses Investment nicht gehalten hat, was sich die HVB von ihm versprochen hatte. Die entscheidende Frage scheint aber eine andere zu sein: Muss sich die deutsche Tochter einer italienischen Großbank unbedingt an hiesigen Fintechs beteiligen? Braucht sie öffentliche Vorzeigeprojekte wie ein eigenes Innovationslabor? Muss ein einfacher Länderchef bei irgendwelchen Digitalkonferenzen auftreten? Zu Weimers Zeiten dürfte die Antwort auf solche Fragen gelautet haben: Natürlich. Der Fallschirmjäger dagegen sieht dies mutmaßlich ein klein bisschen anders.

Es ist ja hinlänglich bekannt, dass Weimer bei der Hypo-Vereinsbank am Ende nur noch bedingt glücklich war, schließlich war unter Mustier seine Rückstufung vom Sonnenkönig zum Schattenbanker allzu offensichtlich. Dazu passt eine Anekdote, die unter Journalisten erzählt wird. Angeblich sollte Weimer bei der letztjährigen „Banken im Umbruch“-Tagung des „Handelsblatts“ an einer Diskussion zum digitalen Banking teilnehmen, zog dann aber seine Zusage zurück. Womöglich, weil er Mustier, der tatsächlich bei der „Banken im Umbruch“ auftrat, nicht die Schau stehlen sollte?

Bei der HVB widerspricht man nicht dem Vorgang, wohl aber der Deutung. Es handelte sich demnach um ein Missverständnis, weil Mustier und Weimer unabhängig voneinander angefragt wurden – und erst später auffiel, dass die Unicredit/HVB gleich doppelt zugesagt hatte, obwohl es eigentlich üblich sei, nur einen Topmanager auf so eine Veranstaltung zu entsenden.

Jedenfalls: Bei der Unicredit wird betont, dass an der Digitalisierung mitnichten gespart werde. Im Gegenteil: Das Investitionsvolumen des Programms „Transform 2019“ sei zuletzt sogar von um rund 100 Mio. Euro auf 1,7 Mrd. Euro aufgestockt worden. Und: Erst vergangene Woche verkündeten die Mailänder bekanntermaßen, dass die bisherige Deutschland-Chefin der Beraterfirma Oliver Wyman, Finja Carolin Kütz, von Oktober an als „Chief Transformation Officer“ zur Unicredit wechselt und dort direkt an Vorstandschef Mustier berichtet.

Vermutlich widerspricht das eine (also der Fintech-Rückzug in Deutschland) dem anderen (also den Transformationsbemühungen auf Gruppenebene) auch gar nicht. Mustier, so heißt es, sehe in der Digitalisierung in erster Linie einen Enabler fürs Hinterzimmer, keinen Pokal fürs Schaufenster. Darin dürfte er sich mit Kütz durchaus einig sein. Wobei das nicht heißt, dass die Unicedit sich nicht mehr an Finanz-Startups beteiligt. Aber im besten Fall soll dies eben auf Gruppenebene geschehen, nicht auf Länderebene. Unter dieser Prämisse könnte es durchaus auch neue Beteiligungen hierzulande geben.

Die letzte wahrnehmbare Fintech-Offensive der Italiener allerdings stammt aus dem März 2016 – drei Monate, bevor Mustier kam. Damals wurde (was dann doch sehr nach Schaufenster aussah) der Start eines 200-Mio.-Euro-Investitions-Fonds gemeinsam mit dem Risikokapitalgeber Anthemis verkündet. Das Evo genannte Vehikel gibt es immer noch. Ob die 200 Mio. Euro nach wie vor das Ziel sind, scheint allerdings unklar. Anfang letzten Jahres teilte die Unicredit mit, dass der Fonds 2016 bereits 25 Mio. Euro investiert habe. Wie viel Geld 2017 floss? Keine Angaben. Als Managing Director des Evo-Fonds übrigens firmierte zwischenzeitlich ein gewisser Marco Berini, zugleich war er Innovationschef der Unicredit. Berini allerdings hat die Bank mittlerweile verlassen. Er amtiert jetzt, was zumindest eine hübsche ironische Pointe darstellt: als Italien-Chef von Finleap.

Hinweis: In der ursprüngliche Fassung des Artikels hieß es, der HVB-Vorstand sei  „von italienischen Namen dominiert“. Das war falsch. Es sind 3 von 7 . Die „italienischen Namen“ sind also in der Minderheit (wir hatten irrigerweise in Erinnerung, es seien bereits vier, und haben diesen Fakt nicht ausreichend gecheckt).

Ein Gedanke zu „Exklusiv: Hypo-Vereinsbank zieht sich aus deutschen Fintechs zurück“

Kommentare sind geschlossen.