Exklusiv: Immer mehr deutsche Banken begraben ihre Robo-Projekte

Von Heinz-Roger Dohms

Als nächste bedeutende Retailbank nach der Commerzbank und der Hamburger Sparkasse begräbt nun auch die deutsche Santander ihr Robo-Advisor-Projekt. Eine Sprecherin bestätigte Informationen von „Finanz-Szene.de“, wonach die Santander ihr „Sina“ genanntes Angebot dichtgemacht hat – nachdem es zuletzt geheißen hatte, „Sina“ werde überarbeitet. Auch Medienberichte, wonach der Santander-Robo in neuer rechtlicher Hülle (nämlich als Finanzportfolioverwaltung) fortgeführt wird, sind demnach falsch. Stattdessen wird sich die deutsche Santander laut den Informationen von „Finanz-Szene.de“ vom Thema „Digitale Vermögensverwaltung“ komplett verabschieden.

Damit geht die in Mönchengladbach ansässige Tochter der spanischen Großbank sogar noch weiter als die Commerzbank und die Hamburger Sparkasse.  Denn die Coba hatte sich zuletzt zwar still und heimlich von ihrem Vorhaben verabschiedet, einen eigenen Robo-Advisor zu bauen. Sie leitet ihre Kunden aber immerhin zum Anlageroboter ihrer Direktbank-Tochter Cominvest weiter. Die Haspa wiederum hatte Mitte vergangenen Jahres mit großem Aplomb ein Bündnis mit dem unabhängigen Robo-Advisor Investify angekündigt – bis die Zusammenarbeit in diesem Sommer überraschend eingestellt wurde. Wie „Finanz-Szene.de“ erfuhr, gibt es in der Haspa allerdings Pläne, ein neues Robo-Angebot aufzusetzen. Als möglicher Partner hierfür gilt die digitale Vermögensverwaltung des Sparkassen-Fondsdienstleisters Deka, genannt „Bevestor“.

Für das Scheitern bzw. für das Einstellen der diversen Robo-Projekte gibt es je eigene Gründe. Die Commerzbank trug sich lange Zeit mit der Idee, einen Robo-Advisor mit ergänzender menschlicher Beratungskomponente in den Markt zu bringen. Zu 100 Prozent überzeugt war die Coba-Führung von diesem Vorhaben aber letztlich selber nicht – sodass man in die B-Variante mit der Comdirect flüchtete. Im Falle der Santander wiederum warfen Marktkenner schon zum Start von Sina die Frage auf, ob das Angebot einer digitalen Vermögensverwaltung überhaupt zur eigenen Klientel passt. Schließlich liegt die Kernkompetenz des Instituts ja eigentlich auf dem Geschäft mit Konsumentenkrediten.

Die Robo-Pläne der Haspa wiederum, so berichten Insider, scheiterten nicht zuletzt an internen Widerständen. Denn während Private-Banking-Chef Jörg Ludewig mit dem aggressiv bepreisten Angebot „auf steigende Kundenbedürfnisse reagieren“ wollte, fürchteten andere Haspa-Manager, der Vertrieb des Robo-Produkts könne zu Rückgängen beim Absatz klassischer Anlageprodukte führen. Die Folge: Das Robo-Angebot wurde allenfalls halbherzig vertrieben, sodass sich die „Assets under Management“ zum Ende der rund einjährigen Versuchsphase angeblich gerade mal auf einen einstelligen Millionenbetrag summierten. Die Haspa wollte sich hierzu auf Nachfrage nicht äußern.

Den Zielkonflikt, der sich bei der Hamburger Sparkasse zeigte, gibt es freilich bei fast allen klassischen Geldinstituten. Die Deutsche Bank zum Beispiel versuchte diesem Dilemma zu entkommen, in dem man zunächst auf einen Pseudo-Robo-Advisor namens „Anlagefinder“ gründete. Problem: Das Angebot fiel bei den Kunden glatt durch. So vollzog das größte hiesige Geldhaus zu Jahresbeginn einen Strategieschwenk und startete mit „Robin“ eine echte digitale Vermögensverwaltung, die sich bei der Preissetzung an unabhängigen Robo-Advisern wie Scalable, Vaamo oder Ginmon orientiert. Das anfangs nur online angebotene Produkt wird mittlerweile auch über die Filialen vertrieben. Damit läuft die Deutsche Bank freilich Gefahr, den Absatz klassischer Fondsprodukte zu schwächen – und das zu einer Zeit, da der hauseigene Fondsdienstleister DWS nach seinem enttäuschenden Börsengang jeden Vertriebserfolg gebrauchen kann.

Ein Ausweg für die Banken könnte es sein, für die eigenen Robo-Angebote deutlich höhere Preise aufzurufen, als dies die Fintech-Robo-Anbieter tun. Die Comdirect zum Beispiel scheint diese Strategie bei ihrem Robo „Cominvest“ mit leidlichem Erfolg umzusetzen. Indes: Die Kunden sind preissensibel, wie offenbar die niederländische Großbank ABN Amro zu spüren bekam, als sie Ende letzten Jahres in Deutschland einen hochpreisigen Edel-Robo namens Prospery an den Start brachte. Denn: Schon nach wenigen Monaten revidierte Prospery das Pricing-Modell.

So gibt es nach allem, was man weiß, nur eine größere Bank hierzulande, deren Robo-Strategie bislang aufzugehen scheint – nämlich die ING Diba, die ihre Kunden im Rahmen eines Erlös-Sharing-Modells zum größten deutschen Robo-Advisor Scalable Capital durchleitet. Der große Vorteil der Oranje-Bank: Ihre Angebotspalette umfasst bislang kaum klassische Anlageprodukte, so dass es kaum Geschäft gibt, dass mit dem Robo-Angebot kannibalisiert werden könnte. Oder anders gesagt: Wenn die ING Diba aus einem Sparer einen Robo-Anleger macht, dann steigen ihre Erträge – wenn dagegen die Deutsche Bank aus einem Fondsbesitzer einen Robo-Kunden macht, dann gehen die Erträge unter Umständen zurück.

Was noch hinzukommt: So richtig hebt das Thema „Robo Advisory“ in Deutschland bislang nicht ab. Vor einem Jahr prophezeite die Beraterfirma Bain der digitalen Vermögensverwaltung  bis 2020 einen Marktanteil von fünf Prozent. Bislang ist davon allerdings nicht viel zu sehen. So schätzt „Finanz-Szene.de“ das Marktvolumen – abhängig von der Deutschen Bank, die bislang keinerlei Zahlen zu „Robin“ veröffentlicht hat – auf aktuell gerade einmal 3 bis 4 Mrd. Euro. Gerade die letzten Monate seien eher enttäuschend gewesen, heißt es aus der Branche.

So stellt sich allmählich die Frage, wie viele der  – zählt man Fintech- und Banken-Angebote zusammen – weit mehr als 20 Robo-Advisor hierzulande überleben werden. Einige Fintech-Robos hatten gehofft, sich als Alternative zum hart umkämpften B2C-Geschäft als Kooperationspartner für Banken etablieren zu können. Bloß: Wenn immer mehr Banken ihre Robo-Projekte begraben, dann schwinden auch hier die Aussichten. Die Santander-Bank übrigens bietet ihren Kunden anstelle von „Sina“ jetzt eine beinahe klassische Vermögensberatung an – mit menschlicher Beratung via Telefon oder Video.

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Exklusiv: Commerzbank beerdigt Pläne für eigenen Robo-Advisor