Exklusiv: Kommt bald das erste Fintech in den Dax?

Von Heinz-Roger Dohms

… nein, diese Überschrift ist kein Gag, um auf billige Art und Weise Ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Vielmehr geht es um ein konkretes, zunehmend realistisches Szenario. Der bayerische Payment-Dienstleister Wirecard (den man ja durchaus zur Kategorie der Ur-Fintechs zählen darf) ist nicht mehr weit vom Dax-30 weg. Wie weit genau, das haben wir mit Unterstützung von Uwe Streich, Kapitalmarktexperte bei der LBBW, analysiert.

1.) Was sind die Voraussetzungen, um in den Dax zu kommen?

Für den regulären Aufstieg (es gibt auch eine Schnell-Variante, die aber so unwahrscheinlich ist, dass wir sie ausklammern) muss ein Aspirant bei Marktkapitalisierung (es zählt nur der Streubesitz) und Handelsumsatz zu den 35 größten Unternehmen gehören. Zudem braucht es einen Dax-Absteiger, der in mindestens einer der beiden Kategorien aus den Top-40 herausfällt. Streich: „Der Aufsteiger muss den Absteiger also nicht nur überholen, sondern deutlich besser sein. Dadurch will die Deutsche Börse verhindern, dass sich die Zusammensetzung des Index zu oft ändert.“

2.)  Erfüllt Wirecard die Kriterien?

Fast. Nach der fulminanten Kurs-Rallye der vergangenen Monate ist der Payment-Spezialist, was die Market-Cap anbetrifft, schon auf Platz 33 vorgeprescht. In Sachen Umsatz steht Wirecard immerhin schon auf Platz 36.  Gerade letzteres ist fast sensationell. Denn beim Handelsumsatz hinken TecDax-Mitglieder normalerweise nicht nur hinter Dax-Konzernen, sondern auch hinter MDax-Unternehmen deutlich hinterher (das hat damit zu tun, das der TecDax für die meisten institutionellen Investoren weniger interessant ist; entsprechend werden auch weniger Stücke umgeschlagen). Offenbar sind es insbesondere die Privatanleger, die Wirecard zum Dax-Kandidaten machen.

3.) Gibt es einen potenziellen Absteiger?

Ja, ProSiebenSat 1. Die Aktien des Medienkonzerns sind in den vergangenen Monaten eklatant gefallen. Dadurch steht das Unternehmen in Sachen Market Cap nur noch auf Platz 34 (also hinter Wirecard). Aber wie gesagt: ProSiebenSat 1 müsste aus den Top-40 herausfallen. Ein bisschen Puffer ist noch.

4.) Hat Wirecard Konkurrenz im Aufstiegsrennen?

Ja. Die Deutsche Wohnen liegt momentan voraus. Bei der Marktkapitalisierung liegt der MDax-Konzern momentan auf Platz 26, beim Umsatz auf Platz 33. Stiege ProSieben ab, wäre nach jetzigem Stand also erstmal die Deutsche Wohnen dran. Ein weiterer potenzieller Kandidat ist Streich zufolge Bayer-Abspaltung Covestro. Deren Problem war im August-Ranking noch der relativ geringe Streubesitz von 55 Prozent. Doch vergangene Woche hat sich Bayer nochmals von fast zehn Prozent der Aktien getrennt. Für Streich heißt das: „Falls Bayer nochmals einen Stake im zweistelligen Prozentbereich platziert, würde Covestro auf Sicht zu einem Dax-Kandidaten werden.“

5.) Gibt es weitere potenzielle Absteiger?

Ja, zumindest einen: Wenn die Linde-Aktien im Zuge des Zusammenschlusses mit dem US-Unternehmen Praxair vorwiegend in den USA gehandelt werden, droht dem Gase-Hersteller auf mittlere Sicht der Abstieg aus dem Dax.

6.) Ist der Dax-Aufstieg von Wirecard also wahrscheinlich?

Wenn sich der Kurs der Ur-Fintechs weiterhin so entwickelt, wie er das in den vergangenen Jahren getan hat, dann dürfte der Sprung in den Dax nur eine Frage der Zeit sein. Dass der Aufstieg allerdings schon zum nächsten regulären Index-Entscheid im August 2018 gelingt, ist allerdings wenig
wahrscheinlich. LBBW-Experte Streich. „Nach jetzigem Stand würde ich diesem Szenario fünf Prozent geben.“

7.) Hätte Wirecard den Aufstieg verdient?

Das ist schwer zu beurteilen. Aus Sicht von Finanz-Szene.de wirft die Bilanz von Wirecard weiterhin sehr viele Fragen auf. Siehe hierzu unsere Analyse bei „Manager-Magazin.de“ aus diesem Frühjahr.