Exklusiv: Paydirekt treibt Nutzerzahlen hoch – aber zu welchem Preis?

Von Heinz-Roger Dohms

Helmut Wißmann ist nicht gerade das, was man einen Social-Media-Influencer nennt. Sieben Follower verirren sich auf dem Twitter-Profil des Paydirekt-Geschäftsführers, ein zweifellos ausbaufähiger Wert. Indes: Ab und zu lohnt es sich trotzdem, beim zwitschernden Wißmann vorbeizuschauen. Zum Beispiel am vorletzten Freitag, 5. April, abends um kurz nach sieben. Da nämlich twitterte der bankeneigene Payment-Manager, merklich enthusiasmiert: „Schnell mal über den mit ein Ticket bezahlt. Ruck zuck und einfach. Klasse.“

Der Tweet ist durchaus bezeichnend. Denn die noch junge Kooperation mit der Deutschen Bahn ist momentan das ganz große Hoffnungsthema bei Paydirekt, dem 2014 gestarteten, notorisch erfolglosen Paypal-Klon der deutschen Banken. Zur Erinnerung: Ende Oktober hatte „Finanz-Szene.de“ mit der Exklusiv-Meldung für Aufsehen gesorgt, dass Paydirekt gerade mal auf rund 40.000 Transaktionen pro Monat komme (diese Zahl hatte ein hochrangiger Sparkassen-Funktionär kurz zuvor bei einer Veranstaltung genannt) – ein desaströser Wert, wenn man bedenkt, dass Vorbild Paypal seine globalen Transaktionszahlen in Milliarden bemisst.

Dann aber wurde Ende November das Bündnis mit der Bahn verkündet (sprich: Paydirekt wurde als Bezahllösung in den Online-Kaufprozess des Staatskonzerns integriert). Und seitdem, das jedenfalls sagen verschiedene Quellen unisono, geht es mit den Paydirekt-Zahlen endlich, endlich mal nach oben.

Die eine große Frage freilich lautet: wie weit nach oben genau? Und die zweite: zu welchem Preis?

Zur ersten Frage: Aus Kreisen, die man floskelhaft als „gut unterrichtet“ bezeichnen würde, wurde uns dieser Tage Folgendes zugetragen

  • Über den „Payment Service Provider“ (PSP) BS Payone wurden im ersten Quartal angeblich rund 450.000 Paydirekt-Transaktionen abgewickelt
  • Etwa zwei Drittel hiervon sollen auf die Deutsche Bahn entfallen sein, also rund 100.000 Bezahlvorgänge pro Monat
  • Damit blieben rechnerisch weitere 50.000 Transaktionen monatlich für dutzende, wenn nicht hunderte weitere Händler, wobei sich auch der große Teil dieser 50.000 Transaktionen auf einige wenige Händler verteilen soll.

(bitte beachten Sie, dass diese Zahlen nicht verifiziert sind; die betroffenen Unternehmen wollten sich auf Anfrage nicht äußern.)

Hintergrund: Bei BS Payone handelt es sich um ein Joint-Venture der deutschen Sparkassen mit dem französischen Ingenico-Konzern. Seit anderthalb Jahren stellt der in Frankfurt ansässige Zahlungsdienstleister das sogenannte Payment-Gateway für die Deutsche Bahn. Heißt: Bezahlt ein Kunde sein Bahn-Ticket mit Paydirekt, wird der Kauf über BS Payone abgewickelt.

Was bedeutet das nun für die Zahlen?

  • Wir können keine seriösen Angaben darüber machen, wie sich die Transaktions-Zahlen von Paydirekt jenseits der Deutschen Bahn entwickeln. Klar ist nur: Stimmen unsere Zahlen, sind die Werte (wenn auch von einem extremst niedrigen Niveau aus) gestiegen. Denn: Allein über BS Payone wurden dann ja zuletzt rund 50.000 Transaktionen monatlich abgewickelt, während es im vergangenen Sommer insgesamt nur rund 40.000 monatlich waren.
  • Verlässlicher ist dagegen die Aussagekraft der mutmaßlich 100.000 Deutsche-Bahn-Transaktionen pro Monat.

Konkret:

  • Die Bahn hat 2018  rund 70 Mio. Tickets verkauft, also 5,8 Mio. Tickets pro Monat
  • Überträgt man diese Zahlen auf 2019 (und abstrahiert von irgendwelchen unterjährigen Zyklen), dann wäre Paydirekt in den ersten drei Monaten dieses Jahres (100.000 geteilt durch 5,8 Mio.) auf einen „Marktanteil“ (Fachjargon: „share of checkout“) von 1,7% gekommen.

Hierzu drei Gedanken:

  1. Die 1,7% wären insofern nicht soooo schlecht, als „Marktanteile“ von Paydirekt in der Vergangenheit eher in Promille als in Prozent gerechnet bzw. geschätzt wurden
  2. Die Zahl scheint insofern nicht unplausibel, als wir zuletzt aus irgendwelchen Flüsterkanälen hörten, beim Versandhändler Otto bewege sich Paydirekt bei etwa 1%
  3. Gleichwohl erstaunt, dass Paydirekt bei der Bahn nach relativ kurzer Zeit schon mehr „Marktanteil“ haben soll als bei Otto. Denn: Die Kooperation mit den Hanseaten (die angeblich darauf basiert, dass sich Paydirekt 2017 mit rund 10 Mio. Euro bei Otto „einkaufte“) läuft schon viel länger …

Und hier kommt die zweite große Frage ins Spiel: Was hat sich Paydirekt den Wachstumsschub kosten lassen? Denn: Seit Wochen wimmelt’s auf allen erdenklichen Rabatt-Webseiten von Deutsche-Bahn-Gutscheinen, geknüpft an die Bedingung, dass der Kunde sein Ticket mit Paydirekt bezahlt. Wie hoch dieser Anteil an den Gesamt-Transaktonen ist? Darüber wird in der Payment-Branche viel spekuliert – wissen tut’s (jedenfalls von unseren Quellen) niemand, Schätzungen wären nicht seriös. Das einzige, was klar ist: Paydirekt kauft sich nicht mehr nur über die Händler Geschäft – sondern nun auch in offenkundig großem Stil über den Endkunden.

Darum abschließend ein einfaches Rechenexperiment: Käme die Hälfte der Bahn-Transaktionen aus 10-Euro-Gutscheinen, dann würde dies Paydirekt (oder aus welchem Topf auch immer das Geld stammt) 500.000 Euro monatlich kosten. Das wiederum klingt nicht völlig abwegig, wenn man bedenkt, was Paydirekt einst für die Einbindung bei Otto bezahlt haben soll.

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