Reportage: Wie zwei US-Investoren einen neuen deutschen Payment-Champion formen

Von Heinz-Roger Dohms

Die spannendsten Firmen sind manchmal die, die man nicht sieht. Eine solche Firma ist die Eagle Eschborn GmbH.

Gegründet wurde sie Ende 2016, der offizielle Gegenstand des Gesellschaft lautete:  Der „Erwerb, das Halten, die Verwaltung und/oder der Verkauf von Beteiligungen an Unternehmen im In- und Ausland auf eigene Rechnung.“ Gut zwölf Monate schlummerte das Unternehmen im Handelsregister scheinbar tatenlos vor sich hin. Doch dann geschah Anfang Januar etwas Bemerkenswertes: Als Geschäftsführer trat laut Registerauszug ein gewisser Marcus Mosen in die Eagle Eschborn GmbH ein. Mosen ist der Chef von Concardis (zu Concardis gleich mehr) und damit einer der wichtigsten deutschen Payment-Manager. Was hatte das zu bedeuten: Hat Mosen einen neuen Job?

Die Antwort auf diese Frage, so zeigen Recherchen von „Finanz-Szene.de“, lautet: Ja und Nein. Doch die Recherchen zeigen noch mehr: Nämlich, dass sich unter dem Mantel der Eagle Eschborn GmbH nicht nur ein ganzes Bündel spannender deutscher Payment-Firmen angesiedelt hat, sondern inzwischen auch eine erste ausländische Tochter. Und: Zu diesen Unternehmen könnte sich bald noch ein weiteres gesellen könnte, nämlich ein milliardenschwerer Player aus der Schweiz. Zudem ergeben die Recherchen noch etwas anderes, und zwar, dass die Eagle Eschborn GmbH in Kürze einen weiteren Geschäftsführer bekommen dürfte – einen der renommiertesten Internet-Manager hierzulande.

Doch der Reihe nach. Beginnen wir mit Marcus Mosen. Beziehungsweise mit dem Unternehmen, dem Mosen eigentlich vorsteht. Beginnen wir mit Concardis.

Bei Concardis, angesiedelt in besagtem Eschborn bei Frankfurt, handelt es sich von Haus aus um einen Acquirer, also um eine jener Firmen, die bei Kreditkarten-Transaktionen zwischen Visa und Mastercard auf der einen und dem Händler auf der anderen Seite stehen (und die dafür sorgen, dass der Händler von der Kreditkartenfirma und die Kreditkartenfirma  vom Endkunden auch tatsächlich ihr Geld erhalten).

Bis vor einem Jahr gehörte Concardis – das Unternehmen hieß ursprünglich übrigens mal „Gesellschaft für Zahlungsverkehr“ – den deutschen Banken und Sparkassen. So richtig wussten die Kreditinstitute allerdings nicht, was sie mit Concardis anfangen sollten. Denn: Der Zahlungsverkehr gehörte zwar traditionell zum Kerngeschäft der Banken. Aber das heißt nicht, dass er auch zu ihren Stärken gehörte. Mit dem Zahlungsverkehr war es eher so, dass er halt immer irgendwie dazugehörte. Ein Geschäft, dass im Hintergrund mitlief. Langweilig und unsexy.

Dann aber kam vor zehn Jahren Paypal. Und plötzlich hieß Zahlungsverkehr nicht mehr Zahlungsverkehr, sondern „Payment“. Und plötzlich war Zahlungsverkehr auch nicht mehr unsexy, sondern ganz heißer Scheiß. Irgendwann merkten das auch die deutschen Banken. Darum gründeten sie 2014 ihr eigenes Paypal, genannt „Paydirekt“, ein Klon-Unternehmen, das seitdem mehr oder weniger erfolglos vor sich hin hinwerkelt.  Doch was passierte derweil mit Concardis?

Während die deutschen Banken unbedingt ihr eigenes Paypal haben wollten, hatten sie für jenen Anbieter, der ihnen seit Jahrzehnten gehört, sprich: für Concardis, plötzlich keine Verwendung mehr. Das lag – etwas provokativ ausgedrückt – zum einen daran, dass sich Concardis für manche Entscheidungsträger in der deutschen Kreditwirtachft eher nach „Zahlungsverkehr“ als nach „Payment“ anhörte. Es lag zum anderen aber auch am üblichen Interessen-Gewirr im deutschen Finanzsektor. Die Sparkassen haben nämlich mit der BS Payone (ehemals: B+S Card) einen eigenen Acquirer, weshalb sie nie so genau wussten, was sie eigentlich mit ihrer Beteiligung an Concardis anfangen sollten. Dasselbe gilt so ähnlich auch für die Genobanken (deren Acquirer auf den Namen Card Process hört).

Zwar gab es 2016 aufseiten der Banken angeblich kurzzeitig die Idee, Concardis doch zu behalten, und zwar unter dem Dach der DZ Bank und der Helaba. Dieser Plan allerdings wurde wieder verworfen. Wohl auch, weil Ende 2016 zwei US-Finanzinvestoren aufkreuzten,  Bain und Advent, die bereit waren, einen scheinbar viel zu hohen Preis für Concardis zu zahlen. Satte 700 Millionen Euro.

Ob sich dieser Kaufpreis irgendwann wird rechtfertigen lassen? Für dieses Urteil ist es noch zu früh. Was sich aber, rund ein Jahr nach dem Kauf, bereits sagen lässt: Anders als die deutschen Banken haben die beiden amerikanischen Private-Equity-Gesellschaften einen Plan für Concardis, vielleicht sogar eine Vision. Der Plan sieht so aus, dass sich Concardis vom Dienstleister im Hintergrund zu einem Unternehmen wandeln soll, dass dorthin geht, wo im Zahlungsverkehr der Paypal-Ära das große Geld zu verdienen ist – nämlich am Point of Sale, im Internet, in der Cloud. Und die Vision? Dürfte sein, aus Concardis einen neuen deutschen und vielleicht ja sogar europäischen Payment-Champion zu formen.

Dabei leitete CEO Mosen die Neuausrichtung von Concardis vom Acquirer zum Rundumanbieter schon vor der Übernahme durch Bain und Advent ein. So stiegen die Eschborner 2014 als Hauptinvestor bei Orderbird ein, einem Fintech, das ein Kassensystem entwickelt hatte, mit denen kleine Händler über ihr iPad abrechnen können; speziell in der Gastronomie ist Orderbird schon relativ weit verbreitet. Ebenfalls zum Angebot gehört ein ähnliches Kassensystem für das Smartphone, es heißt Optipay (nicht zu verwechseln mit dem Fintech Optiopay). Gleichwohl: Für größere Projekte als es Orderbird oder Optipay waren, fehlte vor dem Einstieg der beiden Finanzinvestoren das Geld. Die Banken sahen wenig Sinn darin, Concardis mit Kapital für den Einstieg in neue Geschäftsfelder auszustatten. Im Gegenteil: Die Frage war vielmehr, wie viel Geld der Acquirer an seine Eigner ausschütten sollte.

Unter der Ägide von Bain und Advent änderte sich das. Mit der Übernahme des Berliner Fintechs Ratepay für einen mutmaßlich höheren zweistelligen Millionenbetrag schlug Concardis 2017 erstmals richtig zu – wobei: in Wirklichkeit tätigte eben nicht Concardis die Übernahme, sondern die von Bain und Advent aufgesetzte Eagle Eschborn GmbH, die sich de facto allerdings offenbar als „Concardis Holding“ beschreiben lässt. Ratepay (die Firma ermöglicht Onlinehändlern, ihren Kunden das Zahlen auf Rechnung oder per Lastschrift anzubieten) war allerdings nur der Anfang. Denn Ende vergangenen Jahres stemmte Concardis gleich noch zwei Akquisitionen, nämlich die der PCS PayCard Service aus Mannheim und die der Simplepay GmbH.

Doch während diese beiden Transaktionen stolz verkündet wurden, blieb ein vermutlich deutlich größerer Deal unveröffentlicht. Nach Informationen von „Finanz-Szene.de“ gehört inzwischen nämlich auch einer der größten südosteuopäischen Payment-Dienstleister, nämlich die Mercury Processing, zur Eagles Eschborn GmbH und damit also zum Reich von Concardis (ein Hinweis hierauf findet sich auf einer Mercury-Homepage). Dies deutet darauf hin, dass die Ambitionen des neuen Konglomerats über Deutschland bereits hinausreichen, wobei der Fokus zunächst auf der DACH-Region liegen dürfte. In diesem Zusammenhang spannend: Bain und Advent gehören auch zu den Interessenten für die milliardenschwere Payment-Sparte des Schweizer Finanztechnologie-Konzerns SIX. Kommen die beiden US-Investoren zum Zuge, dann ist laut Branchenkennern davon auszugehen, dass auch sie unter das Dach der Eagle Eschborn kommen könnte. Spätestens in diesem Augenblick wäre die scheinbar altbackene Concardis plötzlich ein Player von internationalem Format.

Am Ehrgeiz mangelt es jedenfalls nicht. Darauf deutet eine spektakuläre Personalie hin:  Nach Informationen von „Finanz-Szene.de“ wird der frühere CEO von 1&1 Internet, Robert Hoffmann, neuer Chef der Eagle Eschborn GmbH, in der Concardis-Chef Mosen bereits sitzt. Nach Ansicht von Szene-Kennern macht das Sinn: Mosen ist ein langjähriger Payment-Manager mit starker Fintech-Affinität; Hoffmann kennt sich im Internet-Vertrieb aus und gilt zudem als Cloud-Experte (was insofern vorteilhaft ist, als moderne Payment-Lösungen wie Orderbird längst aus der Cloud kommen). Die Kombination könnte Sinn machen.

Wird der Adler also tatsächlich fließen? Das ist nicht gesagt. Denn die Payment-Branche ist seit einigen Jahren wahnwitzig schnellebig, die ganz großen US-Techkonzerne (Apple, Google, Amazon) tummeln sich hier ebenso wie smarte europäische Herausforder (Klarna, Adyen). Und doch: Nicht auszuschließen, dass die deutschen Banken in ein paar Jahren auf Concardis blicken und sich fragen: Und dieses Unternehmen hat mal uns gehört?