Gästeblog: Die Bank als Plattform? Diese Idee zeugt von Naivität und Unkenntnis

Von Prof. Dr. Andreas Buschmeier*

Als ich vor einigen Tagen die Ergebnisse einer Bankenstudie las, war mein Kopfschütteln heftiger als das der Heavy-Metal-Fans in Wacken. Laut dieser Untersuchung haben 93 Prozent der befragten Bankmanager behauptet, ihre Bank habe eine Strategie zu Plattformen. Willkommen zur Plattform-Party.

Der Wunsch aller Bankmanager, „auch mal was mit Plattformen zu machen“, erscheint mir eher von Aktionismus als von Kenntnis der Plattform-Ökonomie gekennzeichnet. Wer auch immer da draußen erzählt, Plattformen seien das nächste große Ding: Vor zehn Jahren wäre diese Erkenntnis richtig gewesen – heute kommt sie viel zu spät. Wenn jetzt alle Banken ihre eigene Plattform betreiben wollen, zeugt das von völligem Unverständnis des Geschäftsmodells.

Ganz allgemein kann man eine Plattform als Ort verstehen, auf dem Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. Ökonomen nennen so etwas Markt und das ist keine neue Erfindung. Die Digitalisierung hat jedoch ermöglicht, dass die geografischen Grenzen der Marktplätze aufgehoben wurden und eine fast unbegrenzte Anzahl von Anbietern und Nachfragern auf einer digitalen Plattform zusammenkommen können. Damit entspricht der Ansatz schon nahezu der Traumvorstellung aller Ökonomen, nämlich der vollkommenen Konkurrenz. Und genau das macht dieses Geschäftsmodell so erfolgreich: alle Anbieter und alle Nachfrager bestimmter Güter oder Dienstleistungen finden sich auf einer Plattform.

Die bekannten digitalen Marktplätze heißen z.B. Uber und AirBnB. Uber bietet Fahrdienstleistungen an, deutsche Bankmanager kennen das vielleicht unter dem Begriff „Taxi“, wenn der persönliche Fahrer aus Kostengründen abgeschafft wurde. Allerdings muss man nicht erst aus den verschiedenen Taxizentralen der jeweiligen Stadt eine auswählen und dann hoffen, dass eines ihrer Taxis gerade in der Nähe ist. Auf Uber treffen – im Optimalfall – alle Anbieter und alle Nachfrager dieser Dienstleistung aufeinander. Hier kommt zum Tragen, was als „Netzwerkeffekt“ bekannt geworden ist. Je mehr Anbieter sich auf der Plattform finden, desto größer ist der Anreiz für Nachfrager, ebenfalls diese Plattform zu nutzen. Und je mehr Nachfrager auf der Plattform, desto lukrativer wird es für die Anbieter. Beide Seiten ersparen sich enormen Such- und Zeitaufwand, die Transaktionskosten werden verringert.

Gleiches gilt für AirBnB, das eine weltweite Plattform für die Vermittlung von Ferienimmobilien bietet. Je mehr Ferienwohnungen dort angeboten werden, desto mehr Interessenten besuchen die Seite bzw. nutzen die App. Je mehr Nachfrager bei AirBnB zu finden sind, desto mehr Vermieter stellen dort ihre Immobilien ein.

Um auf die Aussage der Banken, jeweils eigene Plattformen gründen zu wollen, zurückzukommen: Das wäre vergleichbar mit der Aussage jedes Taxifahrers und jedes Immobilienbesitzers, jetzt auch eine Plattform zu gründen. Übrigens könnten wir als Nachfrager auch unsere eigene Plattform gründen. Das soll ja sehr lukrativ sein. Effizient und erfolgreich wird diese Idee aber nur, wenn sich das gesamte Angebot und die gesamte Nachfrage auf einer Plattform treffen. Und damit wird klar, warum der Versuch jeder einzelnen Bank, eine eigene Plattform zu gründen, zum Scheitern verurteilt ist. Jede einzelne Bank ist bereits eine kleine Banking-Plattform, neuerdings sogar als App. Als Kunde suche ich jedoch ein Angebot, das mir den Blick auch in Nachbars Garten ermöglicht. Ich will (welt-, oder zumindest bundesweit) alle Kontenmodelle mit den jeweiligen Gebühren, alle Kredit- oder Festgeldangebote mit jeweiligen Zinssätzen, alle Depot- und Transaktionskosten sehen, nicht nur die von meiner jeweiligen Bank oder Sparkasse.

Sollten tatsächlich alle Banken und Sparkassen in Deutschland gemeinsam eine solche einzige Plattform aufbauen, könnte das vielleicht – geografisch auf Deutschland begrenzt – Erfolg haben. In Teilbereichen wurden die Kreditinstitute jedoch bereits abgehängt, z.B. beim Payment. Eine schlechte Kopie von PayPal führt eben nicht zum Erfolg, dazu müssten deutsche Banken tatsächlich innovativ werden.

Dieses Modell einer deutschen Finanz-Plattform müsste dann aber auch ganzheitlich alle Finanzdienstleistungen aller Anbieter beinhalten und vom Kundennutzen her gedacht werden.Diese Idee werde ich aus offensichtlichen Gründen jetzt nicht weiter vertiefen und alle, die sich in der deutschen Finanzwirtschaft auskennen, hören bitte wieder auf zu lachen. (übrigens: neben allen grundsätzlichen Bedenken gibt es auch Hinweise, dass – deutsche? – Banken generell nicht zur Plattform taugen, da es ihnen an der nötigen Hardware, Software, Organisation und Kultur fehle …)

Darüber hinaus dürfen die möglichen Nachteile der Plattform-Ökonomie  nicht vergessen werden. Sie führt zwangsläufig zu (natürlichen) Monopolen mit Winner-takes-all Märkten und die Plattform-Betreiber besitzen eine enorme Machtposition. Über den Lock-In Effekt wird es Nutzern fast unmöglich, den Betreiber zu wechseln. Alle negativen Punkte ausführlich zu beleuchten würde an dieser Stelle jedoch zu weit führen.

Ich mache mir, gerade aufgrund meiner Sympathie für die deutsche Kreditwirtschaft, seit längerer Zeit Sorgen um die Zukunft der Banken. Wenn ich die Anstrengungen und Versuche der letzten Jahre betrachte, werden die Sorgen momentan eher größer statt kleiner.

*Prof. Dr. Andreas Buschmeier ist Volkswirt und Professor an der Berufsakademie Fulda. Daneben berät er mittelständische Unternehmen in ihrer Kommunikation mit Kapitalgebern. Banken unterstützt er in Fragen zu Geschäftsmodellen und Digitalisierung.