Gästeblog: Was Apple Pay jetzt macht, haben die deutschen Banken 20 Jahre lang versäumt

Von Marcus W. Mosen*

Vielen iPhone-Usern (und damit auch mir) ist gestern ein Stein vom Herzen gefallen: Gottseidank, Apple Pay kommt, jetzt, tatsächlich. Warum die allgemeine und insbesondere auch meine Freude? Nun, zum einen habe ich damit eine Wette gegen Nick Santschi (den CEO von BS Payone) gewonnen, die wir am 11. Januar beim UNITI Cards- und Automations-Forum 2018 in Hamburg cora Publikum abgeschlossen hatten. Santschi war der Überzeugung, dass Apple Pay in diesem Jahr nicht mehr nach Deutschland kommt – ich hielt dagegen! Es ging um drei (oder waren es sechs?) Flaschen guten Champagners. Und ich war schon damals davon überzeugt, dass ich gewinnen würde …

Worum es aber natürlich wirklich geht: Mit dem bevorstehenden Start von Apple Pay endet ein großes Vakuum im Kosmos des bargeldlosen Zahlungsverkehrs hierzulande. Mobile Payment existiert in Deutschland bislang nicht wirklich, auch wenn über das Thema schon seit Jahren diskutiert wird, zumindest in den einschlägigen Kreisen. So hatte sich die Deutsche Kreditwirtschaft schon lange vor Apple Pay (Einführung in USA im Oktober 2014) mit dem Thema Mobile Payment beschäftigt. Bereits im Mai 2000, also  vor über 18 Jahren, führte „Paybox“ (die Deutsche Bank AG war damals 50%-iger Gesellschafter) mit großem Marketing-Tamtam die Paymentlösung für E- und M-Commerce ein, die auch private Geldtransaktionen ermöglichte (P2P Payments). Die Deutsche Bank versuchte eine Zeitlang, andere Banken als Unterstützer zu gewinnen, jedoch ohne Erfolg. Dann wurde ein Verkauf von Paybox an First Data in Erwägung gezogen. Aber auch diese Option der strategischen Weiterentwicklung kam nicht zustande. Stattdessen überließ man Paybox seinem eigenen Schicksal – in Deutschland wurde der Dienst eingestellt, in Österreich existiert er noch heute, jedoch auf einem eher überschaubaren Niveau.

Auch die damalige GZS (Gesellschaft für Zahlungssystem mbH), ein Unternehmen, an dem alle deutschen Bankengruppen beteiligt waren, wagte Anfang 2001 den Versuch, als „Inkubator“ Mobile Payment in Deutschland über einen breiten Plattformansatz im Markt einzuführen. Dafür beteiligte sie sich an der Payitmobile AG, einem Start-Up mit Sitz in München, gegründet im Jahr 2000. In einem nächsten Schritt wurde die Bildung eines Konsortiums eingeleitet, an dem sich das Softwarehaus Materna sowie das Mobilfunkunternehmen E-Plus beteiligen wollten. Auf der Bankenseite sprach man mit dem DSGV. Die Plattform „Payitmobile“ verstand sich als neutraler Paymentprovider zwischen Banken, Kreditkarten- und Mobilfunkunternehmen sowie Händlern.

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Nachdem die GZS damals selbst in gewisse „Untiefen“ geriet, war dieses Venture jedoch schnell vom Tisch. Aber letztlich zeigte sich auch schon damals die systemimmanent hohe Hemmschwelle der deutschen Kreditwirtschaft, bei Payment-Themen an einem Strang zu ziehen und neuen Themen, die nicht unbedingt die EC-Karte (Girocard) im Produktkern haben, zu unterstützen. Man darf sich gar nicht ausmalen, wo wir heute in Deutschland und darüber hinaus im bargeldlosen Zahlungsverkehr stehen könnten, wenn dieses „Fintech-Projekt“ damals durchgezogen worden wäre.

Damals habe ich im Fazit eines Buchbeitrags geschrieben: „Mobile Payment wird den M-Commerce erst enablen. Mobile Payment als Funktion wird jedoch eher eine commodity-Leistung darstellen, als einen eigenen Mehrwert zu generieren. Die Wertschöpfungschancen bei der Vermarktung von Mobile-Transaktionen liegen daher mehr im Content des M-Commerce und weniger in der Abwicklung der Zahlung (…) Bei der Verarbeitung von Zahlungstransaktionen in der virtuellen Welt werden die gleichen Gesetze wie in der realen Welt gelten, es werden sich diejenigen Anbieter im Markt durchsetzen, die in der Lage sind, möglichst große Verarbeitungsvolumen auf ihren Verarbeitungsplattformen zu konzentrieren (…). Neben dem Faktor „Kosten“ wird auch die globale Vermarktungsmöglichkeit des Payment-Produktes eine wesentliche Rolle bei den Erfolgsaussichten für eine Lösung darstellen (…). Mobile Handybesitzer werden wenig Verständnis aufbringen, wenn sie in verschiedenen (weltweiten) Netzen mit unterschiedlichen Payment-Lösungen konfrontiert werden.“ (Den vollständigen Beitrag finden Sie im Handbuch Mobile-Commerce, Springer-Verlag, 2002). Eigentlich alles ganz einfach und plausibel, oder?

Seit „Paybox“ haben verschiedenste Akteure im deutschen Markt zig Millionen Euro in Projekte mit der Überschrift „Mobile Payment“ investiert und teilweise später auch wieder abgeschrieben. Sowohl die großen „Telkos“ mit ihren „Wallets“ als oder auch die großen Retailer, wie zuletzt die Otto-Gruppe mit dem Produkt „Yapital“, haben sich allesamt erfolglos die Zähne an diesem Thema ausgebissen. Es ist jedoch müßig, in alle Hintergründe einzutauchen und zu analysieren, warum Mobile Payment in Deutschland bisher nicht funktioniert hat oder warum einige Stakeholder es auch schlichtweg nicht gewollt oder vielleicht auch nicht verstanden haben.

Apple Pay ist das Synonym schlechthin für ein modernes, innovatives, globales Mobile Payment (m.E. in der Positionierung noch vor Google Pay). Es ist integraler Bestandteil der globalen Apple-Plattform, die – und das wird oft unterschlagen – nicht nur Hardware im modernen Design bietet, sondern auch viele andere Features in der Cloud oftmals kostenfrei offeriert. Natürlich spielen sich im digitalen Payment Google Pay und Apple Pay gegenseitig in Punkto Akzeptanz und User-Experience die Bälle zu. Beide Lösungen sind schlichtweg simpel und cool in der Anwendung – beim Konsumenten und auch im Handel!

Wenn heute noch die NFC-Funktionalität der deutschen Girocard gepriesen wird, die in langwierigen z.T. kommunal begrenzten Feldversuchen über viele Monate hinweg getestet wurde, dann wird Apple Pay dies nun funktional und auch medial in den Schatten stellen. Wenige Banken haben das in Deutschland bisher begriffen und sich zunächst auf das „kostenlose“ Google Pay via Android-Smartphones gestürzt. Und nun klagen bereits einige Stimmen im Markt, Apple möge doch bitte seine NFC-Schnittstelle freigeben. Sogar einige Politiker haben sich auf das populistische Pferd geschwungen und mimen nun von oben herab den „Digitalexperten“. Auch dieses Bild zeigt, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit nicht viel gelernt hat.

Die Bereitschaft der Apple Pay nutzenden Banken, dem US-Konzern einen Anteil  der Interchange abzugeben (vermutlich ca. ein Drittel der 0,2% bei Debitkarten bzw. der 0,3% bei Kreditkarten) zeigt, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt haben: Die Kunden lassen sich nicht mehr vorschreiben, wie digital sie im 21. Jahrhundert bezahlen wollen. Denn eines haben die Kunden verstanden: Banking ist wichtig, aber der Zugang erfolgt nicht mehr über die EC/Girocard-Leser an den Eingangstüren der Bankfilialen!

Nun sind offensichtlich doch ein paar wenige etablierte Banken über ihren Schatten gesprungen und haben sich in das Lager der kundenorientierten Banking-Dienstleister begeben. Bisher haben sich hier eher die Challenger-Banken als reine Digitalbanken positiv hervorgetan. Denn ein iPhone-User wird wegen einer fehlenden Paymentfunktion doch eher nicht zum Android-User. Und die Digitalbanken werden an Apple Pay als Feature für ihre Kunden nicht vorbeikommen. Der Trend zu mehr digital payment ist – wenn überhaupt – noch weniger aufzuhalten. Dies gilt vor allem für die jüngere Generationen, die ihr Smartphone in nahezu jeder Lebenslage bei sich führt. Mit Apple Pay schließt sich der Kreis und ab sofort können jetzt alle Mobile Payment via Smartphone. Laut Statista.com sind 20 % der verkauften Smartphones in Deutschland iPhones – Tendenz steigend. Und damit wird auch der „Cash King“ bald abdanken müssen. Willkommen Apple Pay!

*Marcus W. Mosen ist einer der profiliertesten deutschen Payment-Experten

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Ein Gedanke zu „Gästeblog: Was Apple Pay jetzt macht, haben die deutschen Banken 20 Jahre lang versäumt“

Kommentare sind geschlossen.