So sieht die GuV des deutschen Rekord-Fintechs aus

Von Heinz-Roger Dohms

Das Hamburger Startup Finanzcheck hat dieser Tage  im Bundesanzeiger seinen 2016er-Abschluss veröffentlicht – was uns insofern berichtenswert erscheint, als ebendieses Startup jüngst für ziemlich erstaunliche 285 (!) Mio. Euro an Scout24 verkauft wurde, der bislang teuerste Fintech-Exit hierzulande.

Wie also sieht die Gewinn- und Verlustrechnung eines solchen 285-Mio-Euro-Finanz-Startups eigentlich aus? Voilà:

2016 2015
1. Rohergebnis 24.358.408,38 17.561.558,94
2. Personalaufwand
a) Löhne und Gehälter -7.067.611,89 -4.462.354,17
b) Sozialabgaben -1.594.210,21 -939.692,29
3. Abschreibungen -341.075,88 -146.675,51
4. Sonstige betr. Aufwendungen -25.246.790,75 -19.126.995,38
5. Sonstige Zinsen und ähnliche Erträge 378,21 44,88
6. Zinsen und ähnliche Aufwendungen -51.025,21 -68.058,78
7. Steuern von Ertrag und Einkommen -1,3 -0,52
8. Ergebnis nach Steuern -9.941.928,65 -7.182.172,83
9. Sonstige Steuern -880 -1.097,53
10. Jahresfehlbetrag -9.942.808,65 -7.183.270,36

Ohne nun den Fintech-Miesmacher geben zu wollen, sei die Feststellung erlaubt, dass die GuV nicht sofort darauf schließen lässt, dass wir es hier mit einem Rekord-Fintech zu tun haben. Denn:

  • Das Rohergebnis (sprich: der Umsatz) entspricht gerade mal einem Zwölftel des Kaufpreises.
  • Das Umsatzwachstum (bzw.: Der Zuwachs beim Rohergebnis) ist zwar kräftig, aber auch nicht über alle Maßen spektakulär.
  • Und die Verluste sind beachtlich.

Nun sollte betont werden: Wir haben es hier mit dem 2016er-Abschluss zu tun, nicht mit dem 2017er-Abschluss (2017 lag der Umsatz übrigens bei rund 35 Mio. Euro, wie man aus einer Analysten-Präsentation weiß …). Und doch: Auch die 2016er-Zahlen sollten eigentlich schon ein ganz gutes Bild von Finanzcheck zeichnen. Lässt sich der Kaufpreis von 285 Mio. Euro also doch aus dem Abschluss herleiten?

Zumindest zwei Dinge fallen positiv auf:

  • Finanzcheck wurde 2010 gegründet. Dass ein so junges Fintech überhaupt schon nennenswerte Umsätze generiert, ist nichts selbstverständlich.
  • Der Umsatz in Höhe von 24 Mio. Umsatz wurde mit einem Personalaufwand von nicht mal 9 Mio. Euro erwirtschaftet. Das deutet auf gewisse Hebel hin – zumal wenn man in Rechnung stellt, dass die Werbespendings (die sich hinter den „sonstigen betrieblichen Aufwendungen“ verbergen dürften) mit der Zeit relativ sinken sollten.

Und dennoch: Wirklich erklären lassen sich die 285 Mio. Euro nur, wenn man drei Faktoren berücksichtigt, die sich aus der Gewinn- und Verlustrechnung allein eben nicht ergeben: 1.) Finanzcheck agiert als Vermittler von Ratenkrediten in einem Markt, der wahnsinnig viel Potenzial verspricht (siehe unsere Analyse vom 20. Juli). 2.) Scout24 erhofft sich Synergien durch die Verknüpfung von Finanzcheck mit Autoscout24. Und 3.) Natürlich ist der Kauf eines Startups fast immer eine Wette auf die Zukunft. In diesem Fall dürfte das ganz besonders gelten.

Wie Banken jetzt die passenden Uses Cases für Instant Payments schaffen

Von Ole Barkmann*

Seit dem 10. Juli geht es für viele Sparkassen-Kunden (theoretisch) ganz schnell. Die Sparkassen-Finanzgruppe ist die erste deutsche Institutsgruppe, die Instant Payments ermöglicht. Sie folgt damit der Hypo-Vereinsbank, die diesen Service bereits seit November 2017 bereitstellt. Bis Ende des Jahres wollen auch die Volks- und Raiffeisenbanken die technischen Voraussetzungen schaffen und ihren Kunden ab 2019 nach und nach Echtzeitüberweisungen zur Verfügung stellen.

Wie nutzen wir heutzutage Bargeld, Karten oder Online- und Mobile-Zahlverfahren? Laut Zahlen der Bundesbank werden in Deutschland täglich ca. 85 Millionen Zahlungen elektronisch verarbeitet. Dieser Trend, am Point-of-Sale (POS) nicht mit Bargeld zu bezahlen, wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen, nicht zuletzt, weil der eigentliche Zahlungsprozess durch den Einsatz neuer Technologien beim Kauf in den Hintergrund treten wird. So prognostiziert die EZB optimistisch, dass im Jahr 2023 knapp ein Viertel aller elektronischen Zahlungen im Euroraum „instant“ durchgeführt werden.

Dank der Digitalisierung ist es möglich, online bestellte physische Produkte noch am selben Tag ausgeliefert zu bekommen. Bei rein digitalen „Produkten“ wie einer Zahlung war das – zumindest für Privatpersonen – bisher nicht zu erschwinglichen Konditionen oder außerhalb von geschlossenen Systemen wie z.B. PayPal möglich. Mit Instant Payments kommt die Echtzeitökonomie jetzt auch im Zahlungsverkehr an. Und wie bei der Digitalisierung geht es nicht nur darum, bestehende Prozesse weiter zu automatisieren, nein, es geht vielmehr darum, komplett neue Geschäftsprozesse zu etablieren.

Ein Einsatzgebiet für Instant Payments sind sicher Pay-as-you-use-Modelle. Warum? Zum einen handelt es sich bei Instant Payments vom Ansatz her um ein kostengünstiges Zahlverfahren und zum anderen basiert es auf der SEPA-Überweisung (SCT). Das bedeutet, anders als bei SEPA-Lastschriften (SDD), kann die Zahlung nach der Ausführung nicht mehr widerrufen werden. Somit fallen die Kosten für die Absicherung des Ausfallrisikos weg und der Händler kann sofort nach der Transaktion über den eingenommenen Betrag verfügen. So sollen zum Beispiel Versicherer über Kfz-Versicherungen nachdenken, die nicht pauschal bezahlt werden, sondern für die nur dann Kosten entstehen, wenn das Auto tatsächlich genutzt wird – sprich eine kilometergenaue Abrechnung.

Auch im Handel stoßen Instant Payments auf großes Interesse, sieht man hier doch drei potenzielle Vorteile des Verfahrens:

  1. Die finale Gutschrift einer Zahlung erfolgt innerhalb von Sekunden, d.h. das Geld ist sofort verfügbar.
  2. Zwischengeschaltete Zahlungsdienstleister können ausgeschaltet werden.
  3. Sinkende Kosten für den Zahlungsverkehr aufgrund zunehmenden Wettbewerbs.

Darüber hinaus muss man sicherlich kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass die Zahlung per Nachnahme im Versandhandel durch einen Instant-Payment-gestützten Prozess abgelöst werden wird.

Zuletzt kann ich mir vorstellen, dass die Kopplung von Initiativen zur elektronischen Rechnungsstellung (E-Invoicing/ZUGFeRD) mit Instant Payments neue Prozesse hervorbringen werden: Wozu benötigt ein Unternehmen noch das Zero Balancing durch seine Hausbank, wenn es dies mittels Instant Payments auch selbst automatisiert durchführen kann?

Damit das Zahlen per Instant Payments auch tatsächlich in der breiten Bevölkerung ankommt, und die normale Überweisung sowie Bargeld als das bevorzugte Zahlungsmittel am POS ablöst, sind allerdings erst folgende Herausforderungen zu meistern:

  • Flächendeckende Akzeptanz
    Instant Payments funktionieren nur, wenn beide Banken – also die des Zahlers und Empfängers – den neuen Standard nutzen. Bisher gehören dem System erst 22 europäische Banken an. Banken müssen die Vorteile für sich erkennen und mit der Einführung von Sofortüberweisungen mehr verbinden als hohe IT-Investitionen.
  • Attraktive Kostenstruktur
    Viele Banken sehen Instant Payments aktuell als eine Mehrwertdienstleitung, die der Kunden zu bezahlen hat – das zeigt ein Blick auf die Kostenstruktur der Sparkassen: Während manche Sparkassen keine Extra-Gebühr verlangen (z.B. Frankfurter Sparkasse und Nassauische Sparkasse), liegen bei anderen die Kosten zwischen 50 Cent und fünf Euro pro Überweisung.
  • Technische Infrastruktur
    Händler müssen ihre Kassensysteme und Kartenterminals an das neue Verfahren anpassen. Darüber hinaus muss die Netzabdeckung in der Fläche sowie am POS deutlich verbessert werden, denn ohne Zugang zum Internet/Mobilfunknetz wird es nicht funktionieren.
  • Erhöhung des Zahlkomforts und Kooperationen
    Etablierung bequemer Bezahl-Apps, welche die Zahlung per Smartphone attraktiv machen. Um Instant Payments und Mobile-Payment-Zahlungen durchzuführen, möchte jedoch niemand mehr als eine oder vielleicht zwei Apps nutzen. Das heißt, (zumindest) die deutschen Banken müssten sich endlich dazu durchringen, eine gemeinsame App zu entwickeln. Das Alternativszenario wird sein, dass keine der deutschen Initiativen das Zeug haben wird, den internationalen Gorillas Paroli zu bieten – und wenn man im Bild bleibt – über das Schimpansen-Dasein hinauszukommen.
  • Schaffen von Use Cases
    Aktuell liegen die Vorteile von Instant Payments weniger auf der Kundenseite, sondern vor allem auf Unternehmensseite (Stichwort: Liquiditätsplanung) – hier gilt es, entsprechende Use Cases mit Kundenmehrwert zu schaffen. Wobei sich die Banken selbst noch schwer damit tun, neue Instant-Payment-Produkte zu lancieren.

Nur wenn es gelingt, die oben genannten Punkte zu realisieren, haben Instant Payments die Chance, ein Game Changer im Zahlungsverkehr zu werden und das Bargeld in Deutschland sowie weiten Teilen Europas nachhaltig zurückzudrängen.

*Ole Barkmann ist Head of Business Development Financial Solutions bei Pass Consulting