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100.000 weniger: Sparda-Banken laufen die Mitglieder davon

und Arne Storn

Es ist eine dramatisch anmutende Zahl: Die Sparda-Bank Nürnberg hat im abgelaufenen Geschäft fast 7% ihrer Mitglieder verloren. Konkret ist die Zahl von rund 219.000 auf rund 203.000 zurückgegangen, wie aus einer Mitteilung des Instituts hervorgeht. Fast noch bedenklicher: Laut Recherchen von Finanz-Szene.de handelt es sich innerhalb des Sparda-Sektors mitnichten um einen Einzelfall. Zwar haben die übrigen Institute der Gruppe noch keine Zahlen für 2021 veröffentlicht. Eine Auswertung der 2020er-Geschäftsberichte ergibt jedoch, dass die Mitgliederzahl gruppenweit auch schon im ersten Corona-Jahr um 95.604 gesunken war auf nur mehr 3.465.257. Dies bedeutete ein Minus von 2,7%, verglichen mit dem Stand von Ende 2019. Ein weiteres Indiz, dass sich die Sparda-Banken in einer strukturellen Krise befinden (siehe auch hier, hier oder hier).

Nun mag ein Rückgang von 2,7% das mag auf den ersten Blick noch gar nicht so viel sein. Allerdings konnten die Sparda-Banken noch zwischen 2010 und 2015 ein kräftiges Mitgliederwachstum vermelden. Damals stieg die Zahl binnen fünf Jahren um mehr als 10%, von rund 3,2 Mio. auf rund 3,6 Mio. Kunden. Seither pendelte die Zahl um diese Marke herum, erst leicht darüber, dann leicht darunter. Nun aber weist die Kurve erstmals deutlich nach unten. Das Minus fällt auch um einiges krasser aus als bei den genossenschaftlichen Primärbanken insgesamt, die 2020 einen Rückgang von -0,7% zu verzeichnen hatten (wie in unseren Geno-Snippets vor Monaten vermeldet).

Bemerkenswert: Verloren haben alle elf Sparda-Institute – ohne Ausnahme! Größter Verlierer war – prozentual betrachtet – die Sparda Augsburg mit -4,6%, dicht gefolgt von der Sparda Berlin mit -4,5% und der Sparda München mit -4,1%. Mit -0,6% meldete die Sparda Hessen noch den geringsten Rückgang, aber eben trotzdem einen Rückgang. In absoluten Zahlen gerechnet, mussten vor allem die Sparda Berlin (-21.241), die Sparda West (-20.994) und die Sparda München (-12.863) Federn lassen. Hier die Übersicht:

Bank Mitgliederzahl
Ende 2020
Mitgliederzahl
Anfang 2020
Veränderung (netto),
in Prozent
Veränderung (netto),
absolut
Sparda West 577.727 598.721 -3,5 % -20.994
Sparda Baden-Württemberg 524.738 536.872 -2,3 % -12.134
Sparda Südwest 507.778 513.203 -1,1 % -5.425
Sparda Berlin 446.578 467.819 -4,5 % -21.241
Sparda München 301.358 314.221 -4,1 % -12.863
Sparda Hessen 282.147 283.816 -0,6 % -1.669
Sparda Hamburg 221.165 225.930 -2,1 % -4.765
Sparda Nürnberg 218.317 220.114 -0,8 % -1.797
Sparda Hannover 213.804 222.723 -4,0 % -8.919
Sparda Ostbayern 112.862 115.816 -2,6 % -2.954
Sparda Augsburg 58.783 61.626 -4,6 % -2.843
Summe 3.465.257 3.560.861 -2,7 % -95.604

Quelle: Geschäftsberichte 2020

Groß thematisiert oder gar begründet wird der Mitgliederschwund nirgends. So findet sich z.B. bei der Sparda Berlin unter dem Stichwort “Kapitalplanung” nur dies: “Dabei steht die Stärkung der Kapital- und Mitgliederbasis im Fokus” – ein Satz, der sich, freundlich interpretiert, zumindest so deuten lässt, dass die Bank das Problem sieht. Über die Ursachen lässt sich somit nur spekulieren. Da wäre(n) zum Beispiel …

  • erstens die “natürliche” Fluktuation, wie das “Wegsterben” von Kunden gerne euphemistisch genannt wird. Die Spardas haben, verglichen mit der Bevölkerung, zu wenige junge Kunden und dafür anteilig deutlich mehr Kunden im Alter von 50 bis 69 Jahren (wie diese Statistik zeigt).
  • zweitens die Kontoführungsgebühren, die in den letzten 1-2 Jahren von fast allen Sparda-Banken eingeführt wurden und unter den Mitgliedern – die sich bis dato kostenloser Girokonten erfreut hatten – für Entrüstung sorgten.
  • drittens der Ärger um TEO, die neue, unter großen Probleme eingeführte App, die unter Mitgliedern und Kunden zunächst kaum Anhänger fand (siehe hierhier, hier, hier, hier…, hier …. und hier)
  • viertens die Tatsache, dass die Kundenflucht vor dem in den Vorjahren eingeführten Kontoführungsgebühren und dem TEO-Ärger oft nur mit deutlichem Verzug von bis zu einem Jahr statistisch bemerkbar machen, denn der Abgang wird meist erst nach der jährlichen Generalversammlung einer Genossenschaft wirksam

Haben wir es allein mit einem Problem der Sparda-Banken zu tun? Oder gibt es Volks- und Raiffeisenbanken, die unter ähnlichen Problemen leiden? Hierüber werden spätestens die neuen BVR-Zahlen, die im März kommen, Aufschluss geben.

Kontraintuitiv wirkt jedenfalls, dass der Mitgliederschwund teils mit einem kräftigen Plus bei der Zahl der Geschäftsanteile und damit auch bei der Haftungssumme einherging. Nach den Angaben zu schließen, haben die (wenigen) Neumitglieder, die 2020 gewonnen werden konnten, bei einigen Spardas deutlich mehr Anteile gezeichnet als die (vielen) Altmitglieder, die gingen, besaßen. Besonders stark war unterm Strich der Anstieg der Geschäftsanteile bei der Sparda Ostbayern (+57,0%) und der Sparda Baden-Württemberg (+48,9%) …

… und auch der Sparda Nürnberg gelingt es trotz Mitgliederschwund die Kapitalbasis weiterhin zu stärken. So heißt es in der dieser Tage veröffentlichten Mitteilung zum 2021er-Ergebnis, die Zahl der Geschäftsanteile sei um 21% auf insgesamt 1.597.928 Stück gestiegen (siehe hierzu übrigens auch in unserem Archiv den Artikel -> Wie sich Genobanken mit Kapital vollsaugen).

Alles halb so wild also? Die Sparda Nürnberg kommentiert den 6,8%-igen Rückgang der Mitgliederzahl 2021 jedenfalls mit folgenden Worten:

“So führte die notwendige Einführung von Giro-Entgelten zu einer Bereinigung des Kundenbestands.”

Na, wenn’s weiter nichts ist.

Wie sich Genobanken mit Kapital vollsaugen – ein Beispiel


 

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