Analyse

15 Erkenntnisse zum Zustand der deutschen Bankenbranche

22. September 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Was für Kinder der heilige Abend, das ist für uns hier jedes Jahr der Tag, an dem die Bundesbank ihre „Ertragslage-Statistik“ zum deutschen Bankenmarkt veröffentlicht. Endlich hat das Warten ein Ende. Vorsichtig öffnen wir die Datei. Zaghaft lugen wir hinein. Und dann: Folgt halt manchmal die große Enttäuschung: Waaas, der aggregierte Vorsteuergewinn der hiesigen Kreditwirtschaft ist 2019 um mehr als 2/3 auf nur noch 5,7 Mrd. Euro implodiert und nach Steuern stand sogar ein satter Verlust? Das ist ja der Super-GAU! Wie kann das sein???

Eine kleine Recherche später hatten wir die spektakuläre Erklärung für den (scheinbaren) GAU – doch dazu weiter unten. Hier nun erst einmal die um den GAU bereinigten Zahlen. Auch die sind nämlich nicht unspektakulär. Allerdings im positiven Sinne! Denn: War Ihnen bewusst, dass unsere Banken und Sparkassen, jedenfalls gemessen an der gefühlten Lage, 2019 gar nicht sooo schlecht gewirtschaftet haben? Voilà – die 15 ultimativen (und teils unerwarteten) Erkenntnisse zur Lage der hiesigen Kreditwirtschaft am Vorabend der Corona-Pandemie:

1.) Die tatsächlichen Zahlen sind besser als die „gefühlten“

Nochmal: Auf den ersten Blick lesen sich die aggregierten Buba-Zahlen (hier die Quelle aller Zahlen) wie eine völlige Katastrophe. Vorsteuerergebnis eingekracht von 18,9 Mrd. Euro auf 5,7 Mrd. Euro; nach Steuern sogar ein Minus von 2,1 Mrd. Euro (nach plus 12,2 Mrd. Euro im Jahr zuvor).

Allerdings: Bereinigt um die Deutsche Bank liest sich das alles gleich viel freundlicher und vor allem besser als zumindest wir gefühlt gedacht hätten. O-Ton Buba: Bis auf die Großbanken …

„… konnten alle anderen Bankengruppen (also: Regional- und sonstige Kreditbanken, Zweigstellen ausländischer Banken, Landesbanken, Sparkassen, Kreditgenossenschaften, Realkreditinstitute, Bausparkassen sowie Banken mit Sonder-, Förder- und sonstigen zentralen Unterstützungsaufgaben) ihre Jahresergebnisse gegenüber dem Vorjahr steigern.“

2.) Das ganz große Problem sind die Erträge! Äh, wirklich?

Wer den (scheinbar) ultimativen Beleg für die fundamentale Krise des deutschen Bankensektors sucht, wird fündig auf Seite 98 des Buba-Berichts, Spalte ganz rechts. Noch 2012 erwirtschaftete die hiesigen Geldhäuser 131,8 Mrd. Euro operative Erträge (definiert als Zinsüberschuss + Provisionsüberschuss + Handelsergebnis + Sonstiges betriebliches Ergebnis), im vergangenen Jahr waren es nur noch 118,6 Mrd. Euro, ein Rückgang von 10%.

Nun wird niemand bestreiten, dass die Ertragslage unserer lieben Kreditwirtschaft erheblich zu wünschen übrig lässt. Allerdings: In Relation zur Bilanzsumme waren die operativen Erträge letztes Jahr mit 1,39% auf einem ähnlichen Niveau wie 2012 (1,38%) – auch wenn’s zwischendurch mal mehr war (1,53% in 2016).

3.) Der Zinsüberschuss (i.e.S.) war 2019 bemerkenswert stabil …

Bleiben wir auf Seite 98, wandern aber mit dem Zeigefinger acht Spalten nach links: Zinsüberschuss? 82,5 Mrd. Euro. Ein Minus von 14% verglichen mit 2012, ein Minus von gut 5% vergleichen mit dem Vorjahr. Nicht schön! (Findet auch unser Freund Peter Barkow).

Allerdings: Schaut man nur auf den „Zinsüberschuss im engeren Sinne“ (also ohne die laufenden Erträge aus Aktien, Beteiligungen, Unternehmensanteilen etc. pp), dann lag der 2019er-Zinsergebnis mit 71,9 Mrd. Euro sogar minimal über dem des Vorjahres (71,8 Mrd. Euro), siehe auch im letzten Dezember unsere Analyse zum Jahresrückblick, zweiter Punkt.

4.) … auch wenn er mit krassen Volumen-Steigerungen erkauft wurde

Lassen wir hierzu einfach den Buba-Bericht sprechen:

  • „Die Buchkreditvergabe an inländische private Nichtbanken stieg im Berichtsjahr mit einer Jahreswachstumsrate von 4,8% zum sechsten Mal in Folge stärker an als im Vorjahr. Eine höhere Kreditwachstumsrate war zuletzt im Jahr 2000 verzeichnet worden.“
  • „Absolut erhöhten sich die Buchkredite an den Privatsektor über alle Bankengruppen hinweg
    laut monatlicher Bilanzstatistik per saldo um 137,5 Mrd  Euro …
  • … wovon etwa die Hälfte auf Kredite für den Wohnungsbau entfiel.“
  • „Ein Großteil dieser Kredite wurde von den besonders vom Einlagen- und Kreditgeschäft abhängigen Sparkassen und Kreditgenossenschaften vergeben (rd. 29 % bzw. 25%).“

Gemessen daran ist die Zinsmarge über aller Bankengruppen hinweg immer noch erstaunlich stabil …

… worauf übrigens auch Peter Bofinger abhebt (finden Sie eigentlich auch, dass Bofingers Frisur der Hammer ist?) …

Twitter

Mit dem Laden des Tweets akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Twitter.
Mehr erfahren

Inhalt laden

… wiewohl bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken der Margenverfall immens ist:

5.) It’s the Konditionenmarge, stupid!

Gut, liebe Buba-Statistiker, dass wir uns den Ball immer so schön zuspielen. Denn u.a. unter Verweise auf Bundesbank-Zahlen hatten wir vergangenes Jahr ja immer wieder betont (siehe hier,  hier und hier), dass die Banken versuchen, an der Zinsmarge rumzupressen – vermeintlich hoher Wettbewerbsdruck hin oder her. Für das, was wir „Rumpressen“ nennen, benutzen die feinen Damen und Herren von der Buba indes den Begriff „Konditionenmarge“, und so heißt es im Ertragslage-Bericht:

„Die Aufspaltung in Konditions- und Strukturmarge verdeutlicht, dass hauptsächlich letztere für den Rückgang der Zinsmarge verantwortlich war. Während sich die Konditionsmargen 2019 eher erhöht haben, belief sich die Zinsdifferenz zwischen kurz- und langfristigen risikolosen Anlagen im Niedrigzinsumfeld Ende 2019 lediglich auf 0,5 Prozentpunkte (Ende 2018: 0,95 Prozentpunkte).

Das bedeutet freilich nicht, dass unsere werten Banken und Sparkassen, auch wenn’s im Jahresverlauf immer schwerer wurde, nicht trotzdem versucht hätten, auch aus der Fristentransformation herauszuquetschen, was sich eben noch herausquetschen ließ:

  • „Die Institute (betrieben) auch im Berichtsjahr in großem Umfang Fristentransformation“
  • „(Ende 2019 waren) 81,6 % von deutschen Instituten an inländische Kunden vergebenen Buchkredite langfristiger Natur. Relativ zur jahresdurchschnittlichen Bilanzsumme blieb der Anteil langfristiger Kredite 2019 im Vergleich zum Vorjahr unverändert bei rund 30%.“

6.) Die deutschen Banken können kein Provisionsgeschäft! Äh, wirklich nicht?

  • „Der von deutschen Kreditinstituten im Jahr 2019 erwirtschaftete Provisionsüberschuss erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahr um 1,7 Mrd Euro (5,8%) auf 31,2 Mrd €.“
  • „Gemessen an den operativen Erträgen hatte der Provisionsüberschuss als zweitwichtigste Ertragsquelle einen Anteil von 26,3% und hat gegenüber dem Vorjahr deutlich an Bedeutung gewonnen.“
  • „Ein höheres Niveau gab es seit 1999 nur im Jahr 2008.“
  • „Der Provisionsüberschuss wirkte damit ertragsstabilisierend im Niedrigzinsumfeld des Jahres 2019.“

7.) … und es waren nicht nur die Kontogebühren!

Scheinbar klare Sache: Wenn unsere Banken und Sparkassen das Provisionsgeschäft ankurbeln, dann nur, weil sie (stupide wie sie sind) die Kontoführungs-Gebühren erhöht haben …

… die Buba-Leute indes haben einen etwas anderen Blick auf die Dinge, auch wenn ihre quantitative Untermauerung eine eher indirekte ist. Sie schreiben:

„Insbesondere die Sparkassen und Kreditgenossenschaften steigerten ihre Provisionsüberschüsse um 0,5 Mrd. Euro (6,2%) beziehungsweise um 0,3 Mrd. Euro (5,7%). Als Grund für diese Entwicklung deuten die in beiden Bankengruppen eher konstanten Provisionsmargen (Sparkassen: 0,64 %; Kreditgenossenschaften: 0,57 %) auf einen erhöhten Kundenstamm und nicht auf Gebührensteigerungen hin, da die Ausweitung des Kredit- und Einlagengeschäfts gleichzeitig zu einem Anstieg der Bilanzsumme führte.“

Offenbar ist es so, dass vom Vertriebsfeuerwerk des Duos Genobanken/Union Investment oder Sparkasse/Deka dann doch was hängen bleibt bei den Banken, siehe die neusten entsprechenden Zahlen hier oder auch dieses Stück hier:

Union Investment: 0% Frauen, 2% Gebühren, 100% Vertrieb

8.) Unsere Banken haben (bzw.: sie hatten 2019) dann doch eher ein Kosten- als ein Ertragsproblem

Bei Frankfurter Empfängen kommt man sich ja irgendwie uncool vor, wenn man sagt, das Problem seien die Kosten. Darum haben auch wir uns angewöhnt, bei solchen Gelegenheiten im Zweifel eher zu raunen: „Das Problem sind die Erträge.“

Was sagen die Buba-Zahlen?

  • „Die Verwaltungsaufwendungen umfassen Personal- und andere Verwaltungsaufwendungen. Sie erhöhten sich im Berichtsjahr um 2,3 % auf insgesamt 90,2 Mrd Euro und lagen damit weiterhin deutlich oberhalb des langfristigen Mittels von 83,5 Mrd Euro.“
  • „Die Aufwand- Ertrags-Relation [stieg] gegenüber dem Vorjahr um 2,9 Prozentpunkte auf 76,0%.“

9.) Warum moppern wir hier eigentlich immer gegen Sparkassen und Volksbanken?

Auch 2019 haben die Primärinstitute gemessen an den äußeren Umständen wieder einigermaßen gut Geld verdient, nämlich 8,2 Mrd. Euro die Sparkassen und 7,5 Mrd. Euro die die Genossenschaftsbanken. Beides natürlich vor Steuern und vor den Zuführungen in den „Fonds für allgemeine Bankrisiken“.

Entsprechend sind Sparkassen und Genobanken den übrigen Bankengruppen auch in Sachen Eigenkapital-Rentabilität weiterhin klar voraus:

Und noch eine Zahl: Addiert kamen Rot und Blau im vergangenen Jahr auf operative Erträge in Höhe von 51,8 Mrd. Euro. Auch hier der Vergleich zu 2012: Damals waren es 50,6 Mrd. Euro.

10.) Die Genos performen dabei noch ein Stück eindrucksvoller als die Sparkassen

  • Dass die Eigenkapital-Rentabilität der Genobanken höher ist als die der Sparkassen, hatten wir Ihnen gerade ja schon gezeigt …
  • Das Gleiche gilt, wenn Sie das Betriebsergebnis in Relation zur Bilanzsumme setzen: 0,81% bei den Blauen, 0,62% bei den Roten

11.) Bei Sparkassen und Volksbanken scheint ergebnismäßig sogar noch Puffer zu sein

Auch wenn’s für die betroffenen Mitarbeiter natürlich bitter ist. Aber: Während man sich bei manchen Banken fragen mag, wo die denn überhaupt noch sparen sollen, liegt’s bei Sparkassen und Genoinstituten auf der Hand: Während die Personalaufwendungen branchenweite 49,3 % der Verwaltungsaufwendungen ausmachen, ist der Anteil bei Sparkassen (61,7%) und Kreditgenossenschaften (57,3%) deutlich höher.

12.) Die Landesbanken wollen’s wieder (oder nochmal) wissen

Die aggregierte Bilanzsumme der deutschen Landesbanken, zuletzt Jahr für Jahr immer weiter gesunken, stieg um 7% auf 862 Mrd. Euro.

Nun haben wir auf die Schnelle nicht mehr recherchiert gekriegt, was davon auf die hiesige Dexia (übernommen von der Helaba) entfiel – allein das dürfte den Auftrieb allerdings nicht erklären. Der Zinserträge (nicht: der Überschuss) stiegen sogar um 12% auf 27,8 Mrd. Euro, die Provisionserträge um 9% auf 2,6 Mrd. Euro. Unterm Strich verkehrte sich im LB-Sektor ein Jahresfehlbetrag von 1,6 Mrd. Euro in 2018 in einen Überschuss von 0,6 Mrd. Euro 2019 (was freilich in erster Linie daran lag, dass die NordLB die Gesamtzahlen nicht erneut komplett verhagelt hat).

Falls nun jemand einwerfen sollte, dass es vielleicht keine so gute Idee war, ausgerechnet im Vor-Corona-Jahr das Geschäft wieder anzuschmeißen … Wir behaupten nichts Gegenteiliges!

13.) Negativzinsen sind in der realen Welt kein Privatkunden-Phänomen

… was wir Ihnen freilich letzte Jahr schon erzählt hatten, liebe Leserinnen und Leser, siehe hier. Hier noch mal die Bestätigung aus dem gestern vorgelegten Buba-Report:

  • „Ein Großteil der Institute berechnete 2019 negative Zinsen für Sichteinlagen gegenüber nichtfinanziellen Unternehmen. Für Privatkundeneinlagen stellten negative Zinsen hingegen weiterhin die Ausnahme dar.“
  • „Der aggregierte Zinssatz für täglich fällige Einlagen von nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften [lag] im Dezember 2019 bei – 0,05%. Im Januar des Berichtsjahres lag dieser Wert noch bei – 0,03%.“
  • „Die Institute [gewährten] im Dezember 2019 für neue, täglich fällige Einlagen von Privatkunden im Mittel einen Zinssatz von lediglich 0,008%. Im Januar 2019 waren es noch 0,02 %.“

14.) Wir penetrieren auch heute wieder unsere Lieblingsthese!!!

… wonach die Langfrist-Finanzierungsgeschäfte TLTRO und der Staffelzins (siehe hier und hier) die Effekte des negativen EZB-Einlagenzinses mehr und mehr kompensiert. Die Bundesbank schreibt hierzu (ehrlich, wie sie ist) Folgendes:

  • „Darüber hinaus dämpfte auch im vorliegenden Berichtsjahr der negative Zinssatz der Einlagefazilität das Zinsergebnis […] Das im vierten Quartal 2019 neu eingeführte zweistufige System der Verzinsung der Überschussliquidität dürfte sich hingegen positiv ausgewirkt haben.“

15.) Die Buba sagt ausblicksmäßig wenig – das, was sie sagt, klingt immerhin nicht so wahnsinnig alarmistisch

„Zwar lieferten die Konjunkturindikatoren im zweiten Quartal 2020 noch kein einheitliches Bild. Es verdichten sich jedoch die Anzeichen, dass die Industrieproduktion die Talsohle bereits durchschritten hat und sich die wirtschaftliche Erholung im zweiten Halbjahr 2020 weiter fortsetzt. Dies dürfte sich positiv auf die Entwicklung der Kreditrisiken für die deutschen Banken auswirken und den gegenüber 2019 zu erwartenden krisenbedingten Anstieg von Kreditausfällen begrenzen.“

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing