Alles, was Sie zur neuen Strategie der Commerzbank wissen müssen

28. Januar 2021

Von Christian Kirchner

Die Commerzbank hat am gestrigen Donnerstag die wesentlichen Eckpunkte ihrer neuen Strategie für die kommenden vier Jahre vorgestellt. Zwar sollen die endgültigen Beschlüsse erst am 11. Februar vorgestellt werden. Die Zustimmungen von Aufsichtsrat und Vorstand gelten allerdings als Formsache – zumal sich die Pläne nur in Nuancen von dem Paket unterscheiden, das der alte Vorstandschef Martin Zielke dem Aufsichtsrat bereits im vergangenen Juni vorgelegt hatte.

Damit wird auch deutlich, dass es nicht die Strategie selbst war, die im vergangenen Sommer bei Investoren und Aufsichtsrat durchfiel – sondern das Personal. Namentlich: Besagter Martin Zielke, (Ex-)Privatkundenchef Michael Mandel und  (Ex)-Firmenkundenchef Roland Boekhout. Aber sei’s drum.

Hier jedenfalls FAQ:

Was genau hat die Commerzbank verkündet?

Bis 2024 will die Commerzbank unter ihrem neuen Vorstandschef Manfred Knof…

  • … die Zahl der Filialen von zuletzt noch 790 auf 450 senken
  •  … jede vierte Stelle abbauen, das sind insgesamt 10.000 Jobs
  • … die Kosten um ein Fünftel beziehungsweise 1,4 Mrd. Euro senken
  • … die Erträge trotzdem halten
  • … somit eine Eigenkapitalrendite von 6,5% bis 7% erwirtschaften
  • … für das ganze Manöver 1,8 Mrd. Euro an Restrukturierungskosten aus eigenen Mitteln aufwenden, von denen die Hälfte (0,9 Mrd. Euro) bereits verbucht wurden 2019 und 2020. Daher sei auch keine Kapitalmaßnahme nötig

Was ist jetzt neu an den Vorschlägen?

Offiziell natürlich alles. Inoffiziell aber so gut wie nichts gemessen an den Plänen, die die alte Commerzbank-Führung im Juni ausgearbeitet hatte – bevor Martin Zielke am 2. Juli aufgrund mangelnder Rückendeckung von Investoren und Aufsichtsrat seinen Rücktritt verkündete.

Auch der Zielke-Plan sah den Abbau von 10.000 Stellen vor und peilte eine Eigenkapitalrendite von 7% bis 2023 an. Bei den Kosten wollte man seinerzeit bis 2023 um 1,3 Mrd. Euro versus 2019 herunter, als nur eine minimale Abweichung zu den neuen Zielvorgaben. Der einzige wesentliche Unterschied zwischen Zielke-Plan und Knof-Plan. Letzten Juni wurde noch ein Ertragsplus von 900 Mio. Euro bis 2023 angepeilt. Dieser Ehrgeiz ist nun (siehe oben) einer eher pragmatischen Zielsetzung gewichen.

Gab es Alternativen?

Allerdings. Spätestens im Frühsommer (also mit Corona) zeichnete sich ab, dass die bereits im September 2019 vorgestellten ursprünglichen Ziele (Abbau von 4.300 Stellen, Senkung der Kosten um nur 0,4 Mrd. Euro, 4% Eigenkapitalrendite bis 2023) um nicht ausreichen, die Bank zu stabilisieren. Wohlwollend gerechnet hat die Commerzbank also mitten in der Krise mindestens ein halbes Jahr verschenkt.

Laut Finanz-Szene.de vorliegenden Dokumenten arbeiteten ab Juni diverse Parteien an Plänen einer nachgeschärften, künftigen Commerzbank-Strategie. Das waren unter anderem …

  • … der Plan des Finanzinvestors und Großaktionärs Cerberus, der sich mit der Commerzbank ein öffentliches Scharmützel leistete
  • … die Ziele der Unternehmensberatung Bain (die „Top Down Targets“ ausgab)
  • … gleich zwei Pläne von der Unternehmensberatung BCG („Radical Cost Reduction“ und „Digital private bank with Mittelstandsbank“)
  • … und der eigentliche Zielke-Plan.

Am radikalsten waren dabei zeitweise die Pläne der BCG, von denen einer den Abbau von bis zu 17.000 Stellen vorsah.

Letztlich landete der Commerzbank-Vorstand dann jedoch bei den Zielen, die sehr nahe an jenen der Unternehmensberatung Bain waren (1,2 Mrd. bis 1,5 Mrd. Euro Kostensenkung; 8.000 bis 11.000 Stellen weg; 7% Eigenkapitalrendite).

Was ist das größte Problem der neuen Strategie?

Der Faktor Zeit. Denn zu den mindestens sechs Monaten, die bereits verloren sind, dürften noch weitere hinzukommen, wenn dann im Februar/März die Verhandlungen mit dem Betriebsrat beginnen. Wobei: Im Grunde genommen hat die Commerzbank ja sogar noch deutlich mehr Zeit eingebüßt. Denn im Grunde genommen hätte man all das, was jetzt kommen soll, auch im April 2019 (als die Fusionspläne mit der Deutschen Bank scheiterten) angehen können, wenn nicht sogar müssen.

Was sagt der gestrige Tag über CEO Knof?

Die „neue“ Strategie und deren Umstände sind ein weiteres, sehr gewichtiges Indiz für die These, dass der eigentliche starke Mann AR-Chef Hansjörg Vetter ist – während CEO Knof die Rolle des Umsetzers zugedacht ist. Die mögliche Chance, eigene strategische Akzente zu setzen, hat der langjährige Allianz-Manager und zwischenzeitliche Deutsche-Bank-Privatkundenchef Knof jedenfalls mit dem gestrigen Tag vertan.

Was ist bei der neuen Strategie jenseits der quantitativen Zielvorgaben zu beachte? 

In der gestern von der Commerzbank versandten Mitteilung zur neuen Strategie steht: „Die Bank stellt künftig konsequent Profitabilität vor Wachstum (Fettdruck im Original!!!, d. Red.), zum Beispiel wenn es um den effizienten Einsatz von Eigenkapital oder die leistungsadäquate Bepreisung von Produkten und Dienstleistungen geht.“

Dieser Satz bedeutet eine markante Abkehr von früheren Prämissen. Denn: In ihren Kerngeschäftsfeldern – dem Privatkundengeschäft und dem Firmenkundengeschäft – legte die Commerzbank in den vergangenen Jahren immer sehr viel Wert auf Wachstum. Mit Neukunden wie Geschäft: 2018 und 2019 sind die risikogewichteten Aktiva um zusammen rund 20 Mrd. Euro auf 188 Mrd. Euro gestiegen, seit 2015 ist das Volumen privater Immobilienkredite von 63 Mrd. Euro auf 87 Mrd. Euro angewachsen, und alleine 2019 und somit am Vorabend der Corona-Krise weitete die Commerzbank das Kreditvolumen bei Firmenkunden um 7% aus.

Die Folgen dieser Wachstumsstrategie könnten die Bank jetzt hart treffen. Denn: Im Firmenkundengeschäft hat die Coba offenbar ein Problem mit der Risikovorsorge, dürfte daher 2020 der Sparte 160 Mio. Euro verloren haben und auch 2021 nur im besten Fall schwarze Zahlen schreiben.

Wie reagierte die Börse? 

Positiv. Die Commerzbank-Aktie verteuerte sich gestern um 6% auf 5,74 Euro. Das ist nur sehr knapp unter dem Post-Corona-Hoch von 5,84 Euro, aufgestellt Mitte Januar.

Wie ist der weitere Fahrplan?

Am 3. Februar soll der Aufsichtsrat über die Strategie formal entscheiden, anschließend der Vorstand. Details soll es am 11. Februar, also am Tag der Bilanz-PK geben. Am selben Tag findet auch der Kapitalmarkttag für Investoren statt.

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