Kurz gebloggt

Alles, was Sie zum neuen „Lehman-Moment“ wissen müssen

13. März 2020

Von Christian Kirchner

Die Kapitalmärkte und allen voran auch die Bankwerte stecken in einer Krise vom Ausmaß der Lehman-Pleite und der Finanzkrise 2007 bis 2009 – an dieser Deutung kann es spätestens seit dem gestrigen Handelstag kaum noch einen Zweifel geben. Folgen die Abläufe dabei vergangenen Mustern, dürften die entsprechenden realwirtschaftlichen Daten innerhalb der kommenden Monate nachgeliefert werden. Einbrechende Kurse, mangelnde Liquidität insbesondere im Anleihenmarkt und „Notverkäufe“ quasi aller handelbaren Vermögenswerten prägen das Bild. Mittendrin: Die Deutsche Bank, die Commerzbank und Wirecard, deren Aktien gestern je ein Fünftel (!) an Wert verloren haben.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages in der Übersicht:

1.) Die EZB-Panne

Auch der Europäischen Zentralbank (EZB) ist es mit ihren geldpolitischen Beschlüssen nicht gelungen, die grassierende Panik zu stoppen. Stattdessen hat eine Bemerkung von EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz im Anschluss an die EZB-Ratssitzung die Turbulenzen sogar noch verstärkt. „Wir sind nicht dafür da, Spreads [Anm.: die Renditedifferenzen zwischen Staatsanleihen untereinander] zu schließen, es gibt andere Mittel und andere Akteure, mit diesen Themen umzugehen“, sagte Lagarde (Link zur Stelle hier).

In Zusammenhang mit diesem Satz kursierten zwei Deutungen. Die eine: Der Satz sei die ultimative Aufforderung an die Politik, mit fiskalischen Maßnahmen gegen die Corona-Krise vorzugehen – und er sei zugleich die Abkehr von der jahrelang geltenden „Whatever it takes“-Prämisse. Die andere: Lagarde sei eine schwere kommunikative Panne unterlaufen – die sie dann anschließend in einem TV-Interview mit dem Sender CNBC auch wieder relativiert habe (Clip siehe hier).

Wie auch immer. Die Reaktion fiel jedenfalls unzweideutig aus: Nach der Pressekonferenz der EZB brachen die Kurse vor allem italienischer Staatsanleihen, aber auch anderer Peripherie-Anlagen ein – und beschleunigte sich der Abwärtstrend auch bei Bankaktien.

2.) Die EZB-Beschlüsse

Viele EZB-Beobachter zeigten sich erstaunt von der harschen Reaktion der Märkte auf die geldpolitischen Beschlüsse. Denn die EZB hat eigentlich ein Bündel an Maßnahmen verkündet, welches Banken im Prinzip massive Unterstützung zusichert und der Profitabilität helfen sollte. Im Einzelnen:

  • Die Leitzinsen bleiben überraschend unverändert, was auch für den für die Banken wichtigen Einlagenzins von weiterhin -0,5% gilt. Ganz offenbar ist sich die EZB der Tatsache bewusst, dass noch niedrigere Einlagenzinsen kaum noch Effekte hätten, aber umgekehrt für Banken einen Anreiz darstellen könnten, noch weniger Liquidität zu halten.
  • Für das Anleihenaufkauf-Programm stellt die EZB zusätzliche 120 Mrd. Euro  zur Verfügung
  • Die EZB legt eine weitere Runde von Finanzierungs-Geschäften (TLTRO) auf, in deren Rahmen sich Banken zum Festzins Mittel bei der Notenbank leihen könnten. Die Besonderheit: Dieser Zins liegt unterhalb der Leitzinsen und sogar 0,25% unterhalb des Einlagenzinses von -0,5%, sofern die Banken ihr Kreditvolumen nicht reduzieren. Damit macht es die EZB für die Banken einerseits attraktiv, jetzt nicht aus Risikogründen das Kreditvolumen massiv zu senken. Andererseits schafft die Notenbank Anreize, sich mit billigem Geld vollzusaugen – Geld, das theoretisch sogar dafür genutzt werden kann, in einem Arbitragegeschäft Staatsanleihen zu dann höheren Zinsen zu kaufen. Nach ersten Hochrechnungen könnte dieses TLTRO-Programm ein maximales Volumen von rund 2300 Mrd. Euro haben, davon alleine 700 Mrd. Euro in Deutschland (Link zum Tweet). Effektiv gibt es künftig damit zwei Zinsen: Die offiziellen Leit- und Einlagenzinsen – und die TLTRO-Zinssätze.
  • Die EZB nutzt ihre Aufseherrolle und lockert temporär die Liquiditäts- und Eigenkapitalvorschriften für Banken, ferner wird der neuerliche Stresstest auf 2021 verschoben

3.) Die Finanzmärkte

Die Commerzbank büßte 21% auf 3,12 Euro ein, die Deutsche Bank 18% auf 4,87 Euro. Nicht minder dramatisch fielen auch die Aareal (-16%), PBB (-14%) und Wirecard (-18%). Die Aktie von Wirecard hatte sich zuletzt vergleichsweise gut gehalten, ist nun aber ebenfalls im Abwärtsstrudel und kostet nur noch 87,50 Euro – der tiefste Stand seit Ende 2017. Auch europaweit brachen Bankaktien in der gleichen Größenordnung ein (Euro Stoxx Banks: -17%).

Nicht minder dramatisch ist die Entwicklung an den Anleihemärkten: Hier sanken die Renditen von Bundesanleihen (10-jährige Bunds: Rendite -0,75%) und US-Staatsanleihen (10-jährige: nunmehr 0,68%) weiter. Allerdings schießen infolge von Kursverlusten die Renditen von als nicht sicher wahrgenommenen Anleihen (etwa Schwellenländer-, Hochzins- und Ramschanleihen) drastisch nach oben. Die Renditen zehnjähriger italienischer Staatsanleihen stieg um 0,6 Prozentpunkte, die von Brasilien und Mexiko um 0,8 Prozentpunkte und die von so genannten „Ramschanleihen“ um mehr als einen Prozentpunkt. Derlei Verluste sind für Banken ein Problem, da viele Banken insbesondere Staatsanleihen im Bestand halten, deren Wert nun schmilzt und deren Tilgung in Gefahr geraten ist.

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