Exklusiv

Auch das noch: Deutschlands Sparkassen entgleiten die Kosten

8. Juli 2020

Von Christian Kirchner

Als die Frankfurter Sparkasse Ende April als erste große Sparkasse ihren 2019er-Abschluss veröffentlichte, da waren wir dann doch – vorsichtig formuliert – erstaunt. Denn die Prognose fürs laufende Geschäftsjahr las sich erschreckend: Die operativen Erträgen? Würden „deutlich abnehmen“. Der Zinsüberschuss? Werde „deutlich abschmelzen“. Das Bewertungsergebnis? Werde sich „deutlich verschlechtern“. Und das bei einem ohnehin schon dezidiert ertragsschwachen Institut.

Die Erklärung für den düsteren Ausblick? Jedenfalls nicht Corona! Denn von der Pandemie war in dem Geschäftsbericht noch gar nicht die Rede. Hieß: Die Fraspa malte schon schwarz, als drumherum noch alles hell war (siehe unsere damalige Analyse).

Die Fraspa – der Underperformer unter Deutschlands Sparkassen?

Von wegen. Denn mittlerweile haben auch etliche weitere Kommunalinstitute ihre 2019-er Geschäftsberichte veröffentlicht. Und uns schwant: Womöglich haben wir der Fraspa Unrecht getan. Denn die Hessen scheinen kein Ausreißer zu sein. Sondern: Viele andere Sparkassen blickten und blicken offenbar ähnlich pessimistisch in die Zukunft.

Als Stichprobe haben wir jene 20 Sparkassen genommen, die ihren Abschluss innerhalb der vergangenen drei Wochen im Bundesanzeiger veröffentlicht haben. Theoretisch hätten wir noch weiter zurückblicken können; allerdings erschien uns die Auswahl einigermaßen repräsentativ. Zumal vom kleinem Lokalinstitut (Arnsberg-Sudern) bis zur großstädtischer Sparkasse (Hannover) alles dabei. Übrigens auch regional. Der tiefste Süden (Hochrhein) ist ebenso vertreten wie der tiefste Osten (Spree-Neiße) und der Norden (Stade-Altes Land).

Wie also sieht’s im Hinblick auf die wesentlichen Kennziffern (Zinsüberschuss, Provisionsüberschuss, Kosten, Betriebsergebnis) in den Ausblicken auf 2020 konkret aus? Hier die Übersicht – wobei zu beachten ist, dass 13 der 20 Prognosen explizit (noch) nicht von der Corona-Pandemie beeinflusst waren (+ = steigt/steigen, – = sinkt/sinken, = = unverändert)

Prognose lt. GB für 2020 bei …
Sparkasse Bilanz-Summe Mrd. € Provisions-Ergebnis Zins-Ergebnis Kosten Betriebs-Ergebnis
Hannover 16,5 + + =
Pforzheim/Calw 13 +
Karlsruhe 9,1 =
Celle-Gifh.-WOB 6,8 +
Offenburg-Ort. 4,7 = +
Rhein-Haardt 4,4 + +
Spree-Neiße 4
Schwäbisch-Hall 3,7 +
Göttingen 3,5 + = +
Hochrhein 3,3 + + 2) 2)
Lüneburg 2,9 + +
Mainz 2,5 + +
Miltenberg-Ob. 2,1 =
Merzig-Wadern 1,9 + +
Stade-Altes Land 1,9 + + + =
Bensheim 1,8 + 1)
Oberpfalz-Nord 1,7 + = + =
Neubrandenburg 1,4 + +
Arnsberg-Sud. 1,4 +
Arnstadt-Ilm. 1,3 + = + =

1) unklare Formulierung, keine Prognose, nur Absichtserklärung: „strebt (….) eine nachhaltige Reduzierung des ordentlichen Aufwands an“
2) unklare Formulierung, Effekte werden sich „weitgehend kompensieren“

Nun sieht das Ganze auf den ersten Blick ein wenig unübersichtlich aus, aber im wesentlichen lassen sich doch klare Linien herausarbeiten, wie sich die Lage darstellt:

  • Kein einzige Sparkasse (!) blickt optimistisch aufs Gesamtjahr – jedenfalls nicht in dem Sinne, dass man von einem steigende Betriebsergebnis bzw. von einem steigenden „Betriebsergebnis in Prozent der durchschnittlichen Bilanzsumme“ (diese Kennziffer ist ja der KPI des Sparkassensektors) ausgeht.
  • Lediglich drei Institute gehen von unter dem Strich sinkenden Verwaltungskosten (Summe aus Personal- und Sachkosten) aus. Bei zweien sind die Formulierungen eher weich gewählt, 13 Sparkassen erwarten explizit steigende Verwaltungsaufwendungen. Häufig genannt als Grund für den Anstieg: der Tarifabschluss. Der sicherte den Angestellten 2018 in drei Staffeln Gehaltserhöhungen von insgesamt 7,5% zu, von denen im März 2020 1,1% fällig waren (siehe hier). Im Spätsommer gehen neue Tarifrunden los. (In einer älteren Version dieses Beitrags waren fälschlicherweise die Zahlen des Abschlusses der Bankbranche die Rede; in den Sparkassen gilt indes der TVöD).
  • 16 der 20 Sparkassen erwarten einen sinkenden bzw. gleichbleibenden Zinsüberschuss, lediglich vier rechnen mit einem Anstieg. Das ist insofern erstaunlich, als dass alle Institute unisono von einem steigenden Geschäftsvolumen ausgehen. In den allermeisten Fällen können aber offenbar die Volumeneffekte den Druck auf die Zinsspannen nicht mehr ausgleichen.
  • Ebenfalls entlarvend ist, dass nur zwölf der 20 Sparkassen von einem steigenden Provisionsüberschuss ausgehen – aber sieben von einem Rückgang. Denn eigentlich galt ja mal als ausgemachte Sache, dass das Provisionsgeschäft in den kommenden Jahren kompensieren muss, was an Zinsgeschäft verloren geht – sei es über Kontoführungsgebühren, Wertpapier/Vorsorgegeschäft, Versicherungsprovisionen oder den Karteneinsatz. Auffällig: Bei sechs der sieben Banken, die mit einem sinkenden Provisionsüberschuss rechnen, gehen die Institute auch von einem rückläufigen Betriebsergebnis aus. Das kann als Indiz gewertet werden, wie wichtig der Schwenk hin zu mehr Provisionserträgen eigentlich wäre. Denn hier gilt auch umgekehrt: Bei vier der fünf Sparkassen, die wenigstens stabile Betriebsergebnisse erwarten oder diese implizit nahelegen, gehen diese auch von steigenden Provisionsüberschüssen aus.

Nun ist die Corona-Pandemie natürlich eine Wegscheide. Viele Kunden haben im erzwungenen „Home Office“ die Lust an Wertpapieranlagen entdeckt, digitale Kanäle gut angenommen, die Lust an Immobilienkrediten ging offenbar nicht verloren. Obendrein sorgten Corona-Kredite für Extra-Geschäft. Indes: Dass die düsteren Erwartungen wegen Corona plötzlich übertroffen werden – das wird eher nicht passieren. Eher kommt angesichts der absehbaren Kreditausfälle noch deutlich schlimmer als befürchtet. Kein schöner Ausblick.

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