Negativzinsen sind bei Firmenkunden jetzt „übliche Praxis“

18. November 2019

Von Christian Kirchner

Deutschlands Banken erheben in weit größerem Umfang negative Zinsen auf Kundeneinlagen als bislang bekannt. Das geht aus einer im aktuellen Bundesbank-Monatsbericht veröffentlichten Befragung von 220 hiesigen Kreditinstituten hervor. Demnach erheben bereits 58% der von der Bundesbank befragten Banken und Sparkassen einen negativen volumengewichteten Durchschnittszinssatz auf Sichteinlagen von Unternehmen. Diese 58% der Banken verwalten wiederum 79 % des gesamten Sichteinlagenvolumens von Unternehmen in Deutschland. „Die Berechnung negativer Zinsen gegenüber Unternehmen scheint dabei eine über fast alle Bankengruppen hinweg übliche Praxis zu sein“, konstatiert dazu die Bundesbank.

Bei den Einlagen privater Haushalte lag der Anteil der deutschen Institute, die einen negativen volumengewichteten Durchschnittszinssatz meldeten, bei 23 %. Die Summe der Einlagen dieser Institute wiederum entspricht 25% am Gesamtvolumen der Sichteinlagen privater Haushalte bei deutschen Banken.

Der „volumengewichtete Durchschnittszinssatz“ ist ein – zugegeben – reichlich sperriger Begriff. Doch tatsächlich berücksichtigt er – besser als etwa die simple Zählung, wie viele Banken überhaupt Negativzinsen erheben und wie wie viele Kunden betroffen sind – auch die Volumina. Damit ist diese Kennziffer auch die für die GuV der Banken spannendere Angabe.

Vereinfacht gesprochen müssen Banken für die Befragung ermitteln, ob sie auf die bei ihnen angelegten Sichteinlagen (also etwa Giro-und Tagesgeldkonten) im Schnitt Negativzinsen durchsetzen können. In diese Durchschnittsberechnung gehen dann alle Kundeneinlagen proportional zu ihrem Volumen ein, also ein Girokonto mit einer Million Euro Guthaben genauso wie 1.000 Girokonten mit je 1.000 Euro Guthaben. Die Höhe der Negativzinsen spielt dabei keine Rolle.

Dass 58% der Banken angeben, dass sie Negativzinsen bei Firmenkunden durchsetzen können (und sie für 79% der Volumens stehen), bedeutet zwar nicht direkt, dass auch 79% des gesamten Firmen-Einlagenvolumens mit Negativzinsen belegt sind. Denn schließlich gibt es bei den Banken mit im Schnitt negativen Einlagenzinsen auch möglicherweise Konten mit positiven Zinsen (und umgekehrt bei Banken, die im Schnitt positive Zinsen zahlen, womöglich einzelne Kunden mit Negativzinsen). Die Erhebung dürfte aber eine sehr gute Näherung an die tatsächlichen Verhältnisse sein, welche Volumina schon negativ verzinst werden.

Unstrittig ist, dass sich die Quote damit drastisch erhöht hat. Zum Vergleich: Zuletzt hatte sich die Bundesbank Ende 2017 erkundigt, in welchem Umfang die deutschen Banken Negativzinsen bei Privat- und Firmenkunden verlangen. Seinerzeit hatten lediglich Banken, die 40% (Firmenkunden) bzw. 4% (Privatkunden) der Sichteinlagen verwalten, eine negative durchschnittliche Verzinsung ihres Sichteinlagenvolumens gemeldet.

Die Bundesbank weist das Gesamtvermögen von Sichteinlagen in ihrer Geldvermögensstatistik gemeinsam mit dem Bargeld aus. Insgesamt beträgt das Volumen täglich fälliger Sichteinlagen (unter diese Definition fallen Giro- und Tagesgeldkonten) bei privaten Haushalten momentan rund 1680 Mrd. Euro, bei Unternehmen sind es etwa 458 Mrd. Euro.

Diese Bundesbank-Zahlen stehen im Kontrast zu privatwirtschaftlichen Studien. So hatte eine Untersuchung des Portals biallo.de vor zwei Wochen ergeben, dass lediglich 141 von gut 1.300 untersuchten Banken und  Sparkassen Negativzinsen erhöben. Das wäre gerade einmal jedes zehnte Institut.

Die Bundesbank ist von der Validität der eigenen Erhebung überzeugt und sieht ihre Stichprobe als repräsentativ an. Aus ihr ließen sich „qualifizierte Aussagen über die relative Verbreitung negativer Zinsen auf Kundeneinlagen im deutschen Bankensektor treffen“, heißt es im heutigen Monatsbericht.

Für die im ersten Moment sehr hoch anmutenden Bundesbank-Zahlen gibt es schlüssige Erklärungen:

  • Es sind tendenziell einige wenige Konten mit sehr hohen Guthaben oberhalb der üblichen Freibeträge (meist 100.000 Euro), die das Volumen der negativen verzinsten Einlagen so hoch werden lassen. Vereinfacht gesprochen: Lässt ein Firmenkunde bei einer Bank 10 Mio. Euro auf einem Girokonto liegen und muss darauf Negativzinsen zahlen und halten 100 andere Kunden je 100.000 Euro ohne Berechnung von Negativzinsen, so werden 1% der Kunden, aber rund 50% der Volumina negativ verzinst. Diese Erklärung liefert übrigens auch die Bundesbank: „Laut Aussagen der meldepflichtigen Institute führen vor allem großvolumige Einlagen zu den negativen volumengewichteten Durchschnittswerten auf Institutsebene.“
  • Banken berechnen Negativzinsen häufig auf Basis „individueller Vereinbarungen“. Das führt dazu, dass faktisch erhobene Negativzinsen nicht in öffentlich einsehbaren Preis-und Leistungsverzeichnissen abrufbar sind. Ein prominentes Beispiel für diese Vorgehen ist seit neuestem die Commerzbank, die nach eigenen Angaben damit begonnen hat, Privatkunden mit besonders hohen Einlagen individuell „anzusprechen“.

(Anmerkung: in einer früheren Version des Artikels hieß es, dass 79 bzw. 25% des Volumens an Sichteinlagen negativ verzinst werde. Das ist – siehe oben – nicht das direkte Ergebnis der Bundesbank-Daten) 

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