Exklusiv

Commerzbank-Pionierin soll Bankhaus von der Heydt fitmachen

Wie nah Übermut und Untergang bisweilen beieinander liegen in der deutschen Bankenbranche – das zeigt folgende kleine Anekdote: Noch im Frühjahr, so berichten es mehrere glaubwürdige Quellen, soll die Berliner Challenger-Bank Nuri erwogen haben, das Münchner Bankhaus von der Heydt zu übernehmen. Sogar zu einer konkreten Kontaktanbahnung sei es damals gekommen, heißt es in Finanzkreisen. Wie man mittlerweile weiß, haben sich die Dinge dann doch ein bisschen anders entwickelt: Nuri hat vergangene Woche einen Insolvenzantrag gestellt – während das Bankhaus von der Heydt immer noch auf eigenen Beinen steht.

Letzteres freilich muss nicht so bleiben. Denn: Laut Recherchen von Finanz-Szene und Finance Forward ist es bei dem Münchner Geldinstitut jüngst zu einem einschneidenden Revirement gekommen. Raus sind die langjährigen Geschäftsleiter Philipp Doppelhammer und Thomas Damschen. Stattdessen? Geben bei von der Heydt nun ein weit gereister deutscher Banken-CEO sowie eine einstige Commerzbank-Pionierin den Ton an.

Doch der Reihe nach.

Bankhaus von der Heydt inszenierte sich als Krypto-Frontrunner

Durch einen gewissen Übermut zeichnete sich in den vergangenen Jahren auch das Bankhaus von der Heydt aus. Dieses war in seiner heutigen Struktur im Jahr 2005 entstanden, gehört dem Münchner Anwalt und einstigen KanAm-Gründungsgesellschafter Dietrich von Boetticher – und erlitt zuletzt Jahr für Jahr deutliche operative Verluste. 2020 beispielsweise (aktuellere Zahlen gibt es noch keine) lag das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit bei minus 3,4 Mio. Euro gemessen an Erträgen von gerade einmal 12,2 Mio. Euro (mehr zu den Zahlen siehe hier).

Die dürftige Performance hielt das Bankhaus von der Heydt gleichwohl nicht davon ab, seit einigen Jahren mit dem dann doch gewagten Slogan “Fintech since 1754” für sich zu werben – 1754 ist das Gründungsjahr eines Vorläuferinstituts. Darüber hinaus inszenierten sich die Münchner ausdauernd als Krypto-Frontrunner unter Deutschlands Privatbanken: Ende 2020 beispielsweise gab von der Heydt seinen ersten sogenannten “Stablecoin” heraus; darüber hinaus unterstützte man die Hamburger Privatbank M.M. Warburg bei der Verwahrung digitaler Assets; und auch als Bankpartner diverser Fintechs trat von der Heydt immer wieder in Erscheinung.

Was bei diesen Initiativen ertragsmäßig rauskam, ist unklar. Was man hingegen weiß: Im vergangenen Herbst – als der Bitcoin-Boom seinen Höhepunkt erreichte – sah es vorübergehend so aus, als würde die Positionierung als Krypto-Spezialist dem Bankhaus von der Heydt und ihrem Eigentümer zumindest einen veritablen Exit bescheren. Da nämlich wurde die geplante Übernahme durch die namhafte internationale Krypto-Börse Bitmex verkündet. Der Deal klang zum damaligen Zeitpunkt durchaus sinnhaft. Von der Heydt hätte plötzlich einen finanzkräftigen Partner an der Seite gehabt. Und Bitmex über eine deutsche Banklizenz verfügt.

Gemeinsam verkündete man die Entstehung eines „neuen Powerhouse für Kryptoprodukte im Herzen Europas“. Doch dann, zu Beginn dieses Jahres, wurde die verabredete Akquisition unvermittelt gecancelt. Warum, blieb offen. Angesichts der Tatsache, dass US-Staatsanwälte dem Gründerteam von Bitmex im Jahr 2020 unter anderem Versäumnisse im Kampf gegen Geldwäsche* und die Missachtung von Bankgesetzen vorgeworfen hatten, spricht allerdings einiges für die Annahme, die Bafin könnte interveniert und die Übernahme de facto verhindert haben. Ein Sprecher von Bitmex stellt hierzu fest: “Die Entscheidung, die Übernahme abzusagen, wurden von den Managements beider Unternehmen einvernehmlich getroffen. Es gab keine Einflussnahme der Bafin auf diese Entscheidung.”

Wofür Corinna Linner und Frank Schlaberg stehen dürften

So oder so stellt sich seither die Frage, was aus von der Heydt werden soll – einer Bank, die kein Geld verdient und deren Krypto-Strategie angesichts des jüngsten Krypto-Crashs ins Leere zu laufen droht.

Die Umbesetzung der Geschäftsleitung könnte darauf hindeuten, dass sich genau diese Frage auch der Eigentümer von Boetticher stellt. Die beiden neuen Namen an der Spitze stehen jedenfalls eher nicht für weitere Produktinnovationen – sondern eher dafür, dass es in München erst einmal darum gehen soll, die Bank zu stabilisieren und gegebenenfalls einen neuen Käufer zu finden.

Der eine neue Name ist Frank Schlaberg, ein früherer HVB-Manager, der von 2013 bis 2019 dem Bremer Bankhaus Neelmeyer vorstand (das er schließlich in die heutige Oldenburgische Landesbank einbrachte) – und der sich zuletzt als Co-Chef um die Restrukturierung der in München beheimateten und auf Startup-Finanzierungen spezialisierten Deutschen Handelsbank bemühte. Dort ist Schlaberg nach unseren Informationen per Ende Juli ausgeschieden.

Und der andere Name? Ist Corinna Linner, eine Wirtschaftsprüferin, die in den frühen Nullerjahren eine gewisse Bekanntheit erlangte, weil sie als damals erste Frau überhaupt in die Führungsebene der Commerzbank berufen wurde. Linner übernahm seinerzeit die Leitung des Rechnungswesens und hatte diese Position rund vier Jahre inne, bevor sie 2008 als Vorständin zum Wirtschaftsprüfer Rölfs Partner weiterzog. Auch in dieser Rolle blieb Linner eng mit der Branche verquickt. So untersuchte die Bilanzexpertin im Zuge der Finanzkrise als Sonderprüferin das Milliardendebakel bei der BayernLB. Ihr Auftraggeber: der damalige bayerische Finanzminister und spätere DSGV-Präsident Georg Fahrenschon.

Weder die Bank noch die handelnden Personen äußerten sich gestern. So muss einstweilen offen bleiben, wie genau es bei von der Heydt weitergeht. Ein möglicher Verkauf dürfte aber immer noch auf der Agenda stehen. So heißt es in Finanzkreisen, nach der abgesagten Übernahme durch Bitmex hätten in München auch solche Kaufinteressenten vorgefühlt, denen man – anders als Nuri – den Erwerb durchaus zutrauen könnte. Bei einem dieser Kandidaten soll es sich dem Vernehmen nach um die Schweizer SIX Group handeln, die unter anderem die SIX Swiss Exchange betreibt. Die erste Kontaktaufnahme soll schon ein paar Wochen zurückliegen. Ob das Interesse der Eidgenossen noch aktuell ist, muss offen bleiben – auch SIX wollte sich gestern nicht äußern.

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*In der Ursprungsfassung hatten wir fälschlicherweise geschrieben, die Staatsanwaltschaft hätte dem Gründerteam “Geldwäsche” vorgeworfen (statt “Versäumnisse im Kampf gegen Geldwäsche”). Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. Die Stellungnahme von Bitmex haben wir ebenfalls nachträglich ergänzt. 

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