Kurz gebloggt

Beginnt jetzt das Zittern um Deutsche Bank und Commerzbank?

3. März 2020

Von Christian Kirchner

Gelegentlich hilft ja mal der Blick in den Rückspiegel. Wissen Sie noch, wann die US-Notenbank zum (bis gestern) letzten Mal in einer außerordentlichen (Not-)Sitzung den Leitzins gesenkt hat? Das war im Herbst 2008, als die Finanzkrise gerade eskalierte.

Nun möchte man die damalige Lage nicht gegen die heutige tauschen; kurz zuvor war Lehman pleite gegangen, die Finanzwelt schaute in den Abgrund. Andererseits: In die damalige Krise waren die deutschen Banken immerhin mordsprofitabel hineingerutscht. Postbank? Knapp 1 Mrd. Euro Gewinn in 2007. Commerzbank? Knapp 2 Mrd. Euro. Deutsche Bank: 6,5 Mrd. Euro. Jeweils netto.

Und heute? Haben Commerzbank und Deutsche Bank zusammen 2019 gut 5 Mrd. Euro Nettoverlust erlitten und stecken zudem inmitten einer Restrukturierung. Klar: Vom Eigenkapital her schaut’s weit besser aus als damals. Dafür aber ertrinken die Institute in Liquidität. Was soll eine Aktion wie gestern (eigentlich brauchen die Banken ja höhere Zinsen, nicht noch niedrigere …) also bringen?

Oder anders gefragt: Kann es sein, dass Deutsche Bank und Commerzbank für die drohende Corona-Krise ähnlich schlecht gewappnet sind wie 2008 (damals trotz Rekordgewinnen) für die Subprime-Krise?

Die gestrige US-Leitzinssenkung um 0,5 Punkte auf 1% bis 1,25% ist jedenfalls nicht bei den deutschen Bankenwerten, sondern am gesamten Kapitalmarkt verpufft (Dow Jones: minus 2,9 Prozent), weil immer deutlicher wird, dass

  • die Geldpolitik nicht wirklich etwas gegen tun kann gegen durchbrochene Lieferketten, psychologische Angst-Effekte und einen etwaigen angebotsseitigen Einbruch der globalen Konjunktur
  • die Geldpolitik auf beiden Seiten des Atlantiks schon maximal expansiv war, ehe die Corona-Sorgen überhaupt aufkamen
  • Not-Zinsschritte die Sorgen nicht eindämmen, sondern vielmehr verstärken.

Nun hatte sich die US-Börse am Montagabend ja zwischenzeitlich ein wenig erholt, genauso wie in der Folge gestern Vormittag auch der Dax. Nicht einmal davon konnten die Deutsche Bank noch Commerzbank allerdings profitieren. Coba-Aktien fielen gestern den fünften Tag in Folge, und zwar um 1,8 Prozent auf 4,90 Euro. Damit haben die Aktien annähernd ihr Rekordtief von 4,73 Euro aus dem August 2019 erreicht. Die Deutsche Bank ist unterdessen von ihrem Tiefstand noch ein Stückchen entfernt – doch auch sie gab an elf der letzten zwölf Handelstage nach und verlor gestern 5,5 Prozent auf 7,28 Euro.

Warum die Situation für die Banken (und nicht nur für die börsennotierten) so dramatisch ist, hatten wir am Freitag ja schon mal grundlegend analysiert. Hier nochmal, ergänzten und aktualisiert, die wichtigsten Punkte:

  • Kreditausfälle aufgrund von Firmenpleiten dürften infolge der grassierenden Corona-Sorgen steigen – und das über die ohnehin fällige Normalisierung hinaus. Nun mögen profitable Banken dies verschmerzen; aufs Ganze hat Europas (börsennotierte) Kreditwirtschaft im vergangenen Jahr nach UBS-Schätzungen 85 Mrd. Euro verdient und eine Eigenkapitalrendite von 7,5% erwirtschaftet. Davon indes kann bei Deutscher Bank und Commerzbank keine Rede sein. Sie haben gerade erst mit der Restrukturierung begonnen und sind hochdefizitär (die Deutsche Bank hatte fünf Verlustjahren in Folge) oder ertragsschwach (die Commerzbank erwirtschaftet keine 4% Eigenkapitalrendite mehr). Und das alles wohlgemerkt vor dem Hintergrund rekordniedriger Kreditausfälle. 2019 summierten sich die faulen Kredite bei den beiden Instituten auf lediglich 0,2% aller Darlehen.
  • Aktuell kommt besonders für deutsche und europäische Banken noch ein weiteres Phänomen hinzu. Anders als in bisherigen globalen Krisen wertet der Euro aktuell deutlich gegenüber dem US-Dollar auf und nicht ab. Das was sonst anders, da der US-Dollar als in vergangenen Krisen stets als Fluchtwährung galt. Nun aber schwindet der Zinsvorsprung des US-Dollar-Raums gegenüber dem Euro rasant, was den Dollar unattraktiver macht. Ein steigender Euro ist aber in einer wirtschaftlich ohnehin angespannten Lage das letzte, was die Eurozone und damit auch ihre Banken gebrauchen können. Sie wissen schon, die Sache mit den Exporten …
  • Die sinkenden Kurse lassen die Asset-Basis abschmelzen und dürften der Laune der Kunden nicht zuträglich sein, neue Kredite aufzunehmen oder netto Wertpapiere zu kaufen
  • Siehe oben: Anders als noch in der 2008er-Krise wären Liquiditäts-Spritzen und Zinssenkungen der Notenbanken keine willkommenen Hilfen. Zudem kollabieren momentan die Inflationserwartungen (siehe auch unsere Analyse Punkt 1 hier).
  • Der einzige große Wurf, der den beiden deutschen Großbanken strategisch noch bliebe, wäre eine Fusion. Doch genau diese Option wurde im April 2019 mit so viel Krawumm in die Tonne geworfen, dass man die Option aus der Tonne nicht mehr rauskriegen wird. Dabei hätte der Zusammenschluss, wenn auch sonst vielleicht nicht viel, so doch wenigstens Kostensynergien versprochen. Und grenzüberschreitende M&A-Konstellation? Brächten nicht mal bei den Kosten besonders viel und dürften kaum vermittelbar sein bei Investoren des Käufers. Heißt: Anders als 2007-2009 sind auch Fusionen kein Weg aus der Krise mehr. Es sei denn, sie sind von Staats wegen verordnet.

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