Analyse

Wie die Banken die Negativzins-Belastung gen Null senken

30. April 2020

Von Christian Kirchner

In seinen letzten Interviews als BdB-Präsident holte Hans-Walter Peters noch mal die Lobbyisten-Bazooka vom Dachboden. 26,5 Mrd. Euro habe der negative EZB-Einlagenzins die europäischen bereits gekostet, klagte der Berenberg-Chef Anfang April dem „HB“; im laufenden Jahr würden weitere 4,2 Mrd. Euro hinzukommen. Und das alles im Angesicht von Corona. „Es ist dringend geboten, (…) die Minuszinsen sofort auszusetzen“, schlussfolgerte Peters – um kurz darauf in der „SZ“ sogar noch eins draufzusetzen: Die schon gezahlten 26,5 Mrd. Euro müsse die EZB „an die Banken zurückgeben“. Palim, Palim, dachte man da.

Jedenfalls – was auffällt: So sehr sich Peters bis zuletzt echauffieren konnte, so wenig ist inzwischen von anderen Bankmanagern zu dem Thema zu hören. Haben die alle resigniert? Haben die schlicht andere Sorgen? Oder – häretischer Einwand: Könnte es sein, dass Peters‘ Rechnung gar nicht mehr stimmt???

Tatsächlich mehr sich inzwischen die Zeichen, dass die Negativzins-Belastung im Laufe dieses Jahres gen null Euro sinken könnte. Sie haben richtig gelesen: gen NULL. Wer’s nicht glaubt, sollte zunächst einmal auf diesen Tweet hier schauen, ein gewisser Frederik Ducrozet, EZB-Experte bei der Schweizer Privatbank Pictet, diese Woche abgesetzt hat. Sieht alles ein wenig kompliziert aus, aber lassen Sie sich bitte nicht abschrecken. Entscheidend ist zunächst mal nur, dass die blaue Linie und die gestrichelte blaue Linie im Laufe des Jahres 2020 unter den Wert „Null“ kollabieren:

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Man sieht: Eigentlich müsste die Überschussliquidität der Banken dieses Jahr stark steigen (klar: Es ist Krise, es wird mehr gespart …) – womit die Banken dementsprechend auch mehr an die EZB abdrücken müssen. Siehe der rote Balken. Ducrozet geht davon aus, dass die Negativzins-Kosten annualisiert in Richtung 10 Mrd. Euro steigen könnten. Heiliger Peters!

Nun gibt es aber drei Dinge zu bedenken:

  • Da wäre zunächst die Tatsache, dass die EZB im Herbst einen „Freibetrag“ auf die negativen Zinsen für Banken eingeführt hat. Im Fachjargon „Staffelzins“ bzw. „Tiering“ genannt. Das Sechsfache der Mindestreserve (in Deutschland war das per Ende 2019 das Sechsfache von 38 Mrd. Euro) bleiben in diesem Regime frei von Negativzinsen. Diese Regelung sorgt für den kräftigen Rutsch der roten gepunkteten Linie. Plötzlich geht es schon auf weniger als 4 Mrd. Euro runter. Warum dieser Brocken so fett ist, hatten wir dem Grundsatz nach schon im Januar analysiert: Die Banken verschieben untereinander die Einlagen so (z.B. .auch von Deutschland nach Italien), dass die Freibeträge branchenweit betrachtet optimal ausgeschöpft werden.
  • Ab Juni greifen nun zusätzlich die Modifikationen des sogenannten TLTRO III-Programms der EZB. Diese sehet vor, dass sich Banken, sofern sie ihr Kreditvolumen nicht senken, Gelder bei der EZB zu einem Zinssatz von 0,25 Prozentpunkten unterhalb des Einlagenzinses leihen können, aktuell also zu bis zu -0,75%. Aus der Differenz (welche auch risikolose Arbitrage ermöglicht: Geld krass billig leihen und etwas weniger negativ verzinst anlegen) ergibt sich eine weitere massive Erleichterung – ganz böse Zunge sagen: eine Art „Helikoptergeld“. Das ist in der Grafik des Pictet-Manns nun die blaue durchgezogene Linie: Kosten der Negativzinsen minus Staffelzins minus TLTRO III-Effekt.
  • Als wahrscheinliche Option gilt nun drittens, dass die EZB den Freibetrag der Banken auf den Negativzins in einer der nächsten Sitzungen erhöhen wird. Nicht zuletzt, weil die Notenbanken stabile Geschäftsbanken brauchen im Kampf gegen drohende Pleiten, drohende Schwerstrezession und womöglich sinkender Preisstabilität. Denkbar ist hier (siehe der Ducrozet-Tweet) eine Erhöhung vom Sechsfachen der Mindestreserve auf das Schtfache. Dieser Effekt ist in der gestrichelten blauen Linie dargestellt. Und plötzlich wird aus der Belastung ein Netto-Geschäft in der Größenordung von bis zu 2 Mrd. Euro.

Dass die Theorie der massiven „Tierung“-Entlastung stimmen könnte, darauf deutet auch der „Bank Lending Surveys“ diese Woche hin. Darin nämlich fragte die Bundesbank die deutschen Geschäftsbanken, wie sich der Staffelzins auf die Erträge und das Zinsergebnis des eigenen Hauses auswirken würde (siehe Frage 28 hier) – wobei „1“ für einen deutlichen Rückgang, „5“ für einen deutlichen Anstieg steht. Der Mittelwert für beide Antworten – Erträge und Zinsergebnis – der 32 befragte Banken war 3,75, mithin also eine deutliche Tendenz hin zu einem Anstieg. Gerade der Einfluss auf das Zinsergebnis ist naheliegend. Denn die hiesigen Banken haben mit Verweis auf den EZB-Negativzins inzwischen im großen Stil ihrerseits negative Zinsen für Privat- und vor allem Firmenkunden eingeführt. Alleine im März stieg der Kreis der Institute, die diese „Verwahrentgelte“, um 23 an. Die ersten Banken verlangen die Minuszinsen gar schon ab dem ersten Euro (siehe hier).

Was sagen nun die verfügbaren Zahlen? Lässt sich die auf die Eurozone bezogene Pictet-Theorie auf die deutsche Wirklichkeit übertragen?

Wir haben uns die Bundesbank-Daten angeschaut und gehen davon aus, dass die deutschen Banken …

  • in 2018 rund 2,5 Mrd. Euro an Negativzinsen gezahlt haben
  • und in 2019 noch 2,4 Mrd. Euro.

Und aktuell?

Um die von Negativzinsen betroffene Überschussliquidität zu ermitteln, rechnen wir – jeweils auf volle Milliarden gerundet – Zentralbankguthaben plus Einlagefazilität minus Reservesoll.

Zentralbankguthaben? Letzter Wert: 517 Mrd. Euro (Quelle).
Einlagefazilität? Letzter Wert: 65 Mrd. Euro (Quelle).
Reservesoll? Letzter Wert: 38 Mrd. Euro (Quelle).

Macht also (517 + 65) – 38 = 544 Mrd. Euro. Woraus sich rund 2,7 Mrd. Euro Belastung im Gesamtjahr errechnen würden (wobei dem natürlich eine Reihe von Annahmen zugrunde liegen, denn es ist ja erst ein Drittel des Jahres um …)

Nun kommt indes der Staffelzins hinzu. Zur Erinnerung: das Sechsfache der Mindestreserve von 38 Mrd. Euro. Die Rechnung lautet also: (517 + 65) – (6 x 38) = 354 Mrd. Euro. Womit die Belastung aus den Negativzinsen nur noch bei 1,8 Mrd. Euro wäre.

Da die obigen Zahlen allerdings teils unterschiedliche Stichtage aufweisen, bat Finanz-Szene.de die Bundesbank um eine Auskunft, wie hoch denn aktuell die Höhe der einer negativen Einlagenverzinsung unterliegende Überschussliquidität nach Freibeträgen sei. Die Antwort der Bundesbank für die sechswöchige Mindestreserven-Periode von 29. Januar bis 17. März: 322 Mrd. Euro.

Womit die tatsächliche Belastung – alle anderen Variablen gleich bis Jahresende – also bei annualisiert nur noch 1,6 Mrd. Euro läge. Mithin sparen die Staffelzinsen deutschen Banken per Stand April nicht in in der Theorie, sondern auch in der Praxis ein Drittel der bislang fälligen Negativzinsen bei der EZB. Wobei das neue neuen TLTRO-Programm und eine mögliche Ausweitung der Freibeträge auf das Achtfache der Mindestreserve in dieser Rechnung noch gar nicht berücksichtigt sind. Geschweige denn das Geld, dass sich die Banken unter Verweis auf die EZB-Zinsen bei ihren Privat- und Firmenkunden holen.

Frage also an unsere Bankenverbände: Wie sind die Zahlen einzuordnen?

  • „Die Maßnahmen der EZB haben in der Tat zu einer Entlastung der Institute geführt, sind aber immer auf Einzelinstitutsebene zu bewerten“, heißt es beim BVR. Allerdings: „Die hohen Kundeneinlagen führen weiterhin dazu, dass die Institute der genossenschaftlichen FinanzGruppe Negativzinsen auf ihre Einlagen bei der EZB zahlen.“ Außerdem drücke das gesamte Niedrigzinsumfeld negativ auf die Banken. Genaue Zahlen liefert der BVR nicht.
  • Beim BdB geht man auf Nachfrage gleich in die Offensive. Ja, die EZB sichere zwar die Zentralbankliquidität und jene an den Anleihenmärkten. „Schwer verständlich ist hingegen, dass die EZB den Banken in Europa aktuell fast 500 Millionen Euro im Monat (Stand Mitte April 2020) über den negativen Einlagezins entzieht“ – womit dann auch mal eine Zahl im Raum steht, die sich mit den obigen Berechnungen (12x 500 Mio. = 6 Mrd. Euro) näherungsweise deckt. Aber was ist mit den neuen Effekten aus Staffelzins und TLTRO, die diese Lasten mindern? Die Rückfrage bleibt unbeantwortet. „Der Bankenverband empfiehlt eine möglichst umfassende Freistellung der Banken vom negativen Zins auf die Überschussliquidität.“
  • Beim DSGV geht die Argumentation in die ähnliche Richtung. „Was den Staffelzins angeht, so hat die EZB ihn eingeführt, um die Belastungen für Banken aus der Negativzinspoltiik abzumildern. Wenn Sie jetzt errechnen, dass die Belastungen abgemildert werden, dann bedeutet das: das Konzept funktioniert (…) Wenn bei Ihnen der Eindruck entstanden sein sollte, der negative Einlagenzinssatz bei für Einlagenfazilitäten bei der EZB sei die einzige Belastung durch die Niedrigzins-Geldpolitik der EZB, dann liegt hier sicher ein Missverständnis vor.“

Nun ist dieser Eindruck bei uns natürlich nicht entstanden. Niemand (nicht mal wir) bestreitet die unerquicklichen Gesamt-Effektes des Zins-Dramas.  Selbst bei der Deutschen Bank ging ja laut den gestern veröffentlichten Zahlen das Zinsergebnis trotz stark ausgeweitetem Kreditgeschäft zurück.

Was aber nichts daran ändert, dass sich die Dinge bei den Negativzinsen auf Einlagen gerade verblüffend gut entwickeln für unsere Banken. Wobei man „gut“ natürlich auch durch „weniger schlecht“ ersetzen kann.

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