Kurz gebloggt

China-Schock trifft „Deutsche“ und Coba am härtesten. Aber wieso?

21. September 2021

Von Christian Kirchner

Die Corona-Krise? Abgeschüttelt. Das Investmentbanking. In Topform. Die Kosten? Im Griff. Und dann kommt irgend so ein chinesischer Immobilienkonzern, wackelt ein bisschen – und die arme Deutsche Bank? Muss es wieder mal ausbaden. Die Aktie fast 8% im Minus. Der Börsenwert um fast 2 Mrd. Euro eingedampft. Ist das nicht unfair???

Denn: Bei allen Interdependenzen und aller Systemrelevanz und allem Schmetterlingsschlag – mit dem chinesischen Immobilienmarkt hat die Deutsche Bank doch eher wenig zu tun, oder?

Also, Versuch einer Einordnung: Was die nächsten Tage noch alles kommt, das weiß man vorher ja nie so genau. Was man aber jetzt schon sagen kann: Dass die Deutsche Bank gestern merklich stärker abgestraft worden ist als praktisch alle anderen europäischen Banken, dürfte mit dem Evergrande-Chaos nur indirekt zu tun haben. Plausibler ist folgende Deutung: Bei der momentanen Stärke des größten hiesigen Geldinstituts handelt es sich in gewisser Weise um eine Scheinstärke. Allerdings nicht wie beim Jim Knopf’schen Scheinriesen, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Sondern sozusagen umgekehrt: Aus deutscher Perspektive strotzt die Deutsche Bank nur so vor Kraft. Aus europäischer Perspektive allerdings – drohen ihre Muskeln im Peergroup-Vergleich bereits wieder zu erschlaffen.

Ein „Kurz gebloggt“:

1.) So fiel die Börsenreaktion genau aus

Per Xetra-Schluss verloren Deutsche Bank und Commerzbank je 7,5%. Das bedeutete für „Blau“ den niedrigsten Schlusskurs seit Juli, „Gelb“ notierte zeitweilig so tief wie seit April nicht mehr. Zum Vergleich: Der Dax verlor nur 2,6%, der Euro Stoxx Banks (also die eigentliche Benchmark) lediglich 4,5% an Wert.

Dazu muss man noch mal in Erinnerung rufen: Die Commerzbank-Aktie notiert heute tiefer als zu Jahresbeginn (und damit dem Amtsantritt Manfred Knofs), und auch die jüngsten Zuwächse der Deutsche-Bank-Aktie fallen (Stichwort „Scheinstärke“) deutlich unterproportional aus gegenüber anderen europäischen Bankaktien. Auf Sicht eines Jahres beträgt die Underperformance 24% (Deutsche Bank) bzw. 49% (Commerzbank).


2.) Wie viel "China" haben Deutsche Bank und Commerzbank im Kreditbuch?

Sehr wenig. Die Commerzbank gab für das Jahresende 2020 ein China-Exposure von nur 0,73% ihres gesamten Kredit- und Investitions-Exposure an (d.h.: 0,73% von 583 Mrd. Euro). Die Deutsche Bank beziffert ihre Risiko auf 11,8 Mrd. bzw. 1,2% von 975 Mrd. Euro.

Hintergrund: Der chinesische Bankenmarkt ist relativ abgeschottet, die typischen Immobilienkredite werden innerhalb des Landes refinanziert und selten mit Hilfe ausländischer Häuser. Auch die Schuldenlast des jetzt ins Schlingern geratenen Immobilienkonzerns Evergrande, der offenbar seine Zinszahlungen nicht mehr leisten kann, scheint mit 300 Mrd. US-Dollar eigentlich für China locker beherrschbar. Allerdings sind viele Analysten und Investoren erstaunt über die Unterreaktion der chinesischen Regierung, seit sich das Taumeln von Evergrande abzeichnet. Warum tut Peking nicht mehr???

Folglich wachsen die Sorgen, dass es zu möglichen Domino-Effekten kommen könnte, falls Evergrande umkippt. Rund 40% des Vermögens der chinesischen Haushalte stecken im heimischen Immobilienmarkt. Ein anhaltender Preisverfall hätte vermutlich schwerwiegende Folgen auch für hiesige China-Exporteure. Die französische Großbank Société Générale bezifferte gestern das Risiko einer "harten Landung" der chinesischen Wirtschaft auf nunmehr 30%.


3.) Wieso fallen die Aktien deutscher Banken stärker als andere?

Die simpelste Erklärung dafür ist: Weil hinter der Dividenden-Fähigkeit der Deutschen Bank und der Commerzbank auch bislang schon Fragezeichen standen. Eine mögliche Krise in China würde steigende Gewinne und damit Ausschüttungen noch schwieriger machen – und mögliche Zinsschritte in Europa, die der Ertragslage der Banken helfen könnten, noch unwahrscheinlicher.

Mit anderen Worten: Die Investoren fürchten, dass die speziell die Deutsche Bank, jetzt, wo sie wieder darf, möglicherweise nicht kann. Denn, nur noch mal zur Erinnerung: Ab November dürften Europas Banken ja voraussichtlich wieder ohne besondere Limits Dividenden ausschütten.

Dafür aber braucht's Rentabilität. So hat sich die Deutsche Bank eine Eigenkapitalrendite von 8% für das kommende Jahr zum Ziel gesetzt, die Commerzbank will bis 2024 wieder 6,5% bis 7% Prozent erzielen – wovon die beiden Häuser laut den jüngsten Analystenprognosen aber noch deutlich entfernt sind, siehe hier ...

2021 2022 2023
Deutsche Bank 3,4% 5,2% 5,7%
Commerzbank 0,3% 2,7% 3,8%
Banken Europa 8,7% 8,8% 8,8%

 

Entsprechend fallen auch die Schätzungen für die Dividende optisch zwar ab 2023 wieder hoch aus. Die 4,1% (Deutsche Bank) bzw. 4,6% (Commerzbank) für 2023 setzen aber nicht nur voraus, dass die Geschäfte auch in den kommenden zwei Jahren weiter deutlich anziehen und die Profitabilität wächst. Sondern: Die Schätzungen liegen auch deutlich unterhalb dessen, was mit anderen europäischen Bankaktien über Dividenden schon jetzt drin ist. Siehe der entsprechende Analysten-Konsens hier ...

2021 2022 2023
Deutsche Bank 2,20% 3,30% 4,10%
Commerzbank       - 1,20% 4,60%
Banken Europa     - 6,20% 6,40%

Beispiel: Die Dividendenrendite für die BNP Paribas schon für dieses Jahr liegt bei 6,7%, bei der Banco Santander bei 5,7%, bei der Unicredit bei 4,9% – jeweils zuzüglich noch möglicher Aktienrückkäufe. Vereinfacht: Europas Banken sind bei Rentabilität und Kapitalrückflüssen schon heute da, wo die deutschen Häuser erst noch hin wollen. Und hin wollen ist noch lange nicht hin kommen.


4.) Wie schlug sich gestern der Rest deutscher Finanzwerte an der Börse?

Achtbar. Nämlich so ...

Aareal -1,8%
Pfandbriefbank -2,3%
Creditshelf -2,4%
DWS -3,6%
Hypoport -3,9%
Flatex -4,0%

... wobei insbesondere der Abschlag bei Flatex erstaunt: Turbulenzen an den Börsen sorgen eigentlich für mehr Handelsaktivitäten, und das relativ schlechte Abschneiden vieler Broker-Aktien (Flatex-Aktie verlor seit Anfang Juli 36%) hatten viele Analysten mit dem eher trägen Spätsommerhandel erklärt.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing