Analyse

Corona und die Banken: Ein Zwischenfazit in sechs Thesen

25. März 2020

Von Christian Kirchner

Wie ist in Sachen „Corona und die deutschen Banken“ jetzt eigentlich der Stand der Dinge ist? Weil,  aus der Erinnerung heraus rekapituliert: Vor drei Wochen dachte man, oh, jetzt kommt’s knüppeldick. Vor zwei Wochen dann: Bald geht die Welt unter. Und vor einer Woche: Jetzt geht die Welt unter.

Und diese Woche? Stellt man fest, dass sich zB. die Deutsche-Bank-Aktie seit letzter Woche 36% erholt hat und ihren Tiefstkurs schon vor eineinhalb Wochen gesehen hat. Ist’s am Ende so, dass zwar die Welt untergeht, die KfW-Infusions-gestählte deutsche Kreditwirtschaft indes aufblüht? Na, ganz so ist’s natürlich nicht. Aber eines zeichnet sich schon ab: Die Position der Banken ist eine völlig andere als noch in der Krise 2008. Man eilt an allen Fronten den Kunden zur Hilfe, damit die Wirtschaft nicht völlig „kippt“ – nicht den Banken. Und dabei könnten Banken in der aktuellen Krise Teil der Lösung sein – und nicht Kern des Problems wie 2008.

Daher fällt unser „Zwischenfazit ins sechs Thesen“ nicht ganz so verheerend aus, wie man vor ein paar Tagen vielleicht noch gedacht hätte:

1.) Die Banken waren vor der Krise so brav, dass sie jetzt auf die Hilfe der Regulierer zählen dürfen

Die Deutsche Bank hat zwischen Finanz- und Corona-Krise wahrlich viel falsch gemacht – eines allerdings muss man dem größten Geldinstitut des Landes lassen: Es hat seine Bilanz deutlich krisenfester gemacht. 2008 betrug das Eigenkapital 21 Mrd. Euro bei einer Bilanzsumme von 2200 Mrd. Euro. Ende letzten Jahres waren es dann 56 Mrd. Euro bei einer Bilanzsumme von nur noch 1300 Mrd. Euro.

Das gleiche gilt für Europas Banken insgesamt. Bei annähernd unveränderten risikogewichteten Aktiva hat die Branche ihre Eigenkapitalbasis im Vergleich zu 2008 um rund 800 Mrd. Euro mehr gestärkt; die Verschuldungsquoten haben sich im gleichen Zeitraum halbiert.

Auch das ist ein Grund, warum die Regulierer die Banken dieser Tage mit Ausnahmen und Erleichterungen fast überschütten: Lockern lässt sich nur, was vorher einigermaßen fest war.

2.) Too important to fail? Die deutschen Banken erleben gerade eine wundersame, womöglich aber nur kurzzeitige Renaissance

Da ist er also, der Banksturm. Aber nicht in dem Sinne, dass die Kunden die Banken stürmen, um ihre Einlagen abzuziehen. Sondern: Sie stürmen die Banken, um neue Kredite abzuschließen.

Schon klar: Es handelt sich dabei um staatlich orchestrierte KfW-Kredite. Und dass das Nothilfe-Programm nicht verhindern wird, dass es irgendwann im Verlauf dieser Krise zu massiven Kreditausfällen bei Banken und Sparkassen kommen wird, dürfte auch feststehen (vom absehbaren Einbruch im Provisionsgeschäft ganz zu schweigen).

Gleichwohl: Die deutsche Kreditwirtschaft gewinnt jetzt erst einmal erheblich an Zeit. Und sie hat die große Chance, ein Teil der Lösung zu werden, noch ehe sie ein Teil des Problems wird. Es fällt jedenfalls aus, dass man kaum etwas von Gewinnwarnungen und gekappten Prognose hört – und wenn doch, dann fallen sie in Anbetracht der Lage erstaunlich moderat aus. Selbst bei Dauer-Wackelkandidaten wie der Commerzbank (Aktie seit dem 16. März um 19% gestiegen) oder der Deutschen Bank (Aktie seit dem 16. März um 36% gestiegen).

Ja, die deutschen Banken kämpfen ums Überleben. Und doch: Kann es sein, dass sie über diesen Kampf nochmal zurück ins Spiel finden?

3.) In Anbetracht der Umstände sind die Kursverluste bei Deutscher Bank und Commerzbank fast schon moderat

Eigentlich hätte man gedacht, dass diese Krise die schwachen Banken (und damit auch die Deutsche Bank und die Commerzbank) gnadenlos aussortieren würde. Indes: Nach der Erholung der letzten Tage liegt die Deutsche Bank „nur“ noch 42% unter ihrem Februar-Hoch, bei der Commerzbank sind es 50%. Damit ist es den beiden Frankfurter Traditionshäuser im bisherigen Krisenverlauf kaum schlechter ergangen als …

  • … Europas zuletzt renditestärksten Banken, nämlich den eidgenössischen (-39%)
  • … Europas bestkapitalisierten Banken, nämlich den nordischen (-36%)
  • … Europas kostenbewusstesten Banken, nämlich u.a. den spanischen (-44%)
  • … und Europas Banken insgesamt (-38%)

Mag sein, dass die Ausdifferenzierung noch kommen wird und der Markt die Deutsche Bank und die Commerzbank dann doch noch für ihre vergleichsweise schwache Vor-Krisen-Performance bestraft. Für den Moment allerdings bleibt festzuhalten: Die Investoren haben die beiden deutschen Großbanken noch nicht völlig abgeschrieben, übrigens ebensowenig wie die italienischen Banken (-42%).

4.) Too small to survive? Warum es diesmal vor allem kleine und mittelgroße Banken treffen dürfte

Während es 2008 vor allem die Großbanken waren, die sich verzockt hatten, dürfte es in dieser Krise die kleinen und mittelgroßen Institute am härtesten treffen – ganz einfach, weil es auch ihre Kunden (nämlich die KMUs) hart trifft. Laut einer aktuellen Analyse von JP Morgan reicht der Cash-Puffer kleinere US-Unternehmen im Schnitt gerade mal 27 Tage. Bei Einzelhändlern sind es gar nur 19 Tage, bei Restaurants 16 Tage.

Auch wenn wir keine Zahlen für Deutschland vorliegen haben: Von der Tendenz her dürfte es hierzulande nicht soooo viel anders aussehen. Schließlich sind kleinere Unternehmen sehr viel direkter von ihren Banken abhängig als große Unternehmen, denen sich alternative Finanzierungsquellen wie der Anleihenmarkt oder der Schuldscheinmarkt bieten.

Nun bieten die dieser Tage verabschiedeten Hilfsprogramme (siehe oben) den Kreditbüchern der Banken einen gewissen Schutz, zumindest temporär. Trotzdem dürfte es zu massiven Kreditausfällen kommen – unklar ist nicht das „Ob“, sondern nur das „Wie“. Reden wir auf dieses Jahr bezogen von 2% des Kreditvolumens, die faul werden? Oder von 3%? Oder gar von mehr?

Bei zwei Arten von Banken dürfte es in den nächsten Wochen bzw. Monaten jedenfalls besonders spannend werden:

  • … nämlich bei denen, die in den zurückliegenden Jahren über eine massive Ausweitung des Kreditbuchs versucht haben, ihre Zinsgewinne zu verteidigen
  •  … und bei denjenigen, die zu klein bzw. zu regional waren, um bei der Kreditvergabe eine ausreichende Diversifizierung über Sektoren vorzunehmen. Einige dieser Institut könnten nochmal davonkommen, weil sie in puncto Klumpenrisiko die guten Klumpen erwischt haben. Bei vielen anderen indes dürfte das glatte Gegenteil der Fall sein (dazu gehören u.a. Banken, die Dienstleister aller Art finanziert haben).

Als etwa die Commerzbank (Kreditvolumen 2019: + 7%) im Februar ihre Bilanz für 2019 vorlegte, ging daraus hervor, dass lediglich eine Industrie eine Gewichtung von mehr als 10% am Firmenkunden-Kreditportfolio aufweist, nämlich Energie/Umwelt mit 15%. Die (möglichen) Krisenbranchen Verkehr/Tourismus und Automobile kamen zwar direkt dahinter, allerdings mit einer Gewichtung von nur 8% bzw. 7%. Also eine einigermaßen gesund anmutende Diversifizierung.

An der Schnittstelle von „Kreditgeschäft massiv ausgeweitet“ und „Drohendes Klumpenrisiko“ dürften hingegen zahlreiche Sparkassen (Kredite an Firmenkunden 2019: +6%) und Genobanken (Kredite an Firmenkunden 2019: +7%) stehen. So hieß es etwa im Bericht der Ratingagentur Fitch zur finanziellen Stärke der Sparkassen im vergangenen Sommer: „Die regionale Ausrichtung der Sparkassen könnte jedoch zu einem übermäßigen Exposure in Bezug auf regionale Schlüsselbranchen, größere Kreditnehmer oder zu große und schlecht geführte öffentliche Projekte führen.“ Nun gibt es innerhalb der Verbünde zwar gruppeninterne Syndizierungsprogramme. Aber ob die die beschriebenen Effekte entscheidend abmildern, muss bezweifelt werden.

5.) Die Zahlungsdienstleistungen werden die Banken nicht retten

Ist ja ganz nett, wie unsere Banken auf den „Digital Payments“-Zug aufspringen und gefühlt jeden Tag drei neue Pressemitteilungen (oder wenigstens drei Tweets) raushauen, in denen steht, dass der Anteil elektronischer und vor allem kontaktloser Bezahlvorgänge steil ansteigt in dieser Krise.

Was daran stimmt: Ja, klar, in Ihrer Rolle als Kartenissuer verdienen die Banken mit, wenn jetzt sogar die sonstigen Bargeld-Verfechter mit Karte oder Handy bezahlen, weil auf Münzen und Scheinen (vermeintlich …) das Virus lauert.

Ihre GuVs werden die Banken damit aber nicht retten können. Denn dafür ist ihr Anteil an der Wertschöpfung im Zahlungsverkehr inzwischen viel zu klein. Hinzu kommt: Ob der „Wir verdienen an der Interchange“-Effekt die gegenläufigen Kriseneffekte (weniger Umsätze, Chargebacks etc. pp. …) wettmacht, muss sich erst noch zeigen. Der N26-Gründer Maximilian Tayenthal jedenfalls berichtete am Montag in einem Interview mit „Bloomberg“ am Montag, die Kartenumsätze seien im März „bislang leicht rückläufig“.

6.) Wenn jetzt die letzte Zinsbastion (also Amerika) fällt – wie sollen die Zinsen dann jemals wieder zurückkommen?

Bis vor wenigen Wochen konnten Amerikas Banken vor Kraft kaum laufen. Zwar nicht nur, aber auch aufgrund der Tatsache, dass die USA eines der letzten Länder, in denen es auf kurzfristige Anlagen noch nennenswerte Zinsen gab. Auf dieser Basis konnten die Institute ein weitgehend risikoloses Mega-Geschäft auf der Zinsseite betreibt, schlicht, indem sie Einlagen in höher verzinsliche Anlagen verwandelten.

Damit ist es nun vorbei. Binnen kürzester Zeit sind in den USA – so etwas wie die letzte Bastion positiver Nominalzinsen – die Zinsen ausradiert worden. Als bombensicher geltende, hochliquide US-Staatsanleihen mit nur noch drei Monaten Restlaufzeit brachten vor einem Jahr noch 2,5% Rendite aufs Jahr. Aktuell sind es noch 0,3%.

Kurzum: Zinsbasierte Geschäftsmodelle funktionieren jetzt kaum noch irgendwo auf der Welt. Das mag den deutschen Banken auf den ersten Blick egal sein – schließlich sind die Zinsen hierzulande schon seit Jahren auf „Null“. Auf den zweiten Blick allerdings erkennt man: Wenn sich demnächst auch die US-Banken gezwungen sehen sollten, irgendwelche Formen von „Kreditersatzgeschäft“ zu betreiben, dann macht’s das für keinen Beteiligten einfacher.

Und nicht zu vergessen: Man hörte hier und da zuletzt, dass die ein oder andere hiesige (Privat-)Bank in den letzten Jahren der Versuchung erlegen sei, ein bisschen Zinsdifferenz-Geschäften mit US-Anlagen zu spielen. Das kann ja heiter werden.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing