Exklusiv

Der geheime Deutschland-Plan der Pariser Großbank BPCE

15. April 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Die Geschichte der französischen Banken in Deutschland ist eine ziemliche Erfolgsstory.

  • Das ist zum Beispiel die BNP Paribas, die nicht nur in der hiesigen Firmenkundengeschäft ein großes Rad dreht (siehe hier), sondern die u.a. auch hinter der Consorsbank steht und die 2018 zuletzt auf mehr als 400 Mio. Euro Vorsteuergewinn kam.
  • Dann ist da die Crédit Mutuel, der die Targobank gehört – also der hartleibige Düsseldorfer Konsumentenfinanzierer, der in manchen Jahren mehr als 40% Eigenkapitalrendite erwirtschaftet (siehe hier).
  • Dann sind da noch die Société Générale (die hierzulande u.a. als „Hanseatic Bank“ firmiert) und die Crédit Agricole (die in Deutschland als „Creditplus“ mitmischt).
  • Und dann – ach ja. Dann ist da noch die BPCE, also das mächtige Dachinstitut der französischen Sparkassen und Volksbanken.

Wobei: Auf die BPCE trifft das mit der Erfolgsgeschichte eher nicht zu. Die BPCE ist nämlich jenes Pariser Geldinstitut, das 2016 die Münchner Proto-Challengerbank Fidor übernahm. Was daraus wurde? 1.) Stand heute hat dieses Investment den Franzosen Verluste in dreistelliger Millionenhöhe beschert (siehe hier, hier und hier). 2.) Die Fidor Bank gibt heute ein heruntergewirtschaftetes Bild ab (siehe hier). Und 3.) Welche strategischen Pläne die BPCE mit Fidor verfolgt, ist unklar wie eh und je.

Wobei: Hat Fidor in Paris überhaupt noch Priorität?

Zweifel sind erlaubt. Denn allem Anschein nach verfolgt die BPCE inzwischen einen anderen Deutschland-Plan. Konkret: Nach Informationen von Finanz-Szene.de wurde der Frankfurter Headhunter Boyden beauftragt, einen“Deutschland-Chef“ für eine gewisse Oney Bank zu suchen. Dazu muss man wissen:

  1. Die in Lille beheimatete Oney Bank (gut 2500 Mitarbeiter, fast 8 Mio. Kunden, gemessen an den Erträgen ein gutes Stück größer als die Comdirect) gehört genauso wie Fidor zur BPCE-Gruppe.
  2. Zwar buhlt Oney seit einiger Zeit mithilfe des Tagesgeld-Brokers Deposit Solutions („Zinspilot“) um die Einlagen deutscher Sparer. Ansonsten aber ist das Institut hierzulande mehr oder weniger inexistent. Mit anderen Worten: Wenn die Oney Bank einen „Deutschland-Chef“ sucht, dann sucht sie jemanden, der ein echtes Deutschland-Geschäft erst einmal aufbauen muss.

Genauso liest sich dann auch die Stellenbeschreibung von Boyden: Der „CEO Germany“ sei für den Marktstart der „Oney Deutschland“ zuständig, heißt es da. Und weiter: „Fall Sie unser neuer Deutschland-Chef werden, verantworten Sie unter anderem das Recruiting, Sie verhandeln die Verträge mit den  Geschäftspartnern und Sie bauen starke Verbindungen zu wichtigen Organisationen in Deutschland auf.“

Für die Aufbauphase wird ein Zeitraum von 6-12 Monaten veranschlagt. Alles soll also relativ schnell gehen. Wobei nicht ganz klar ist, wie aktuell die uns vorliegende Jobbeschreibung ist. Vermutlich sei sie „ein paar Wochen alt“, hören wir aus dem Markt. Kann also sein, dass der Headhunter möglicherweise schon vor der Corona-Krise auf potenzielle Kandidaten zuging (und wir von Finanz-Szene.de das Ganze erst jetzt mitgekriegt haben).

Von Boyden in Frankfurt gab es gestern keine Stellungnahme, ebensowenig von der Oney Bank. Bei der BPCE in Paris hieß es: „Kein Kommentar.“ Das galt auch für unsere explizite Frage, was ein etwaiger Launch von Oney Deutschland denn für die Fidor Bank bedeuten könnte.

In der Tat lässt das Anforderungsprofil, dass Oney für seinen Deutschland-Chef aufgestellt hat, unvermeidlich auch an Fidor denken. Denn: Der passende Kandidat soll nicht nur den deutschen Markt kennen, mindestens 5 Jahre in einer Führungsposition gearbeitet haben und zumindest 8-10 Jahre Branchenerfahrung mitbringen. Sondern: „Idealerweise“ soll er darüber hinaus auch Fintech-Geruch mitbringen. Das klingt nach Anforderungen, die sich genauso in einem Fidor-Chef-Profil finden könnten. Geht es der großen Mutter BPCE also wirklich nur darum, die erst 2018/2019 erworbene Tochter Oney möglichst rasch nach Deutschland zu bringent? Oder könnte der angebahnte Schritt auch Folgen für die Fidor Bank haben?

Auf den ersten Blick weisen Fidor und Oney Überschneidungen auf. Beide haben einen Retail-Fokus. Und beide geben sich modern, digital und paymentaffin. Gleichwohl wäre es falsch, die Oney Bank in eine Reihe mit Challenger-Instituten wie Fidor oder N26 zu stellen. Das Geschäftsmodell ist anders. Und die Historie ist es auch: 100%iger Eigentümer war bis 2018 die milliardenschwere französische Warenhauskette Auchan (die auch nach dem Mehrheitsverkauf an BPCE noch rund 49% der Anteile hält).

Wenn wir es richtig verstehen, ist Oney von Haus aus also ein klassischer „Captive“, sprich: eine konzerngebundene „Mittel zum Zweck“-Bank, vergleichbar mit der einstigen Karstadt-Quelle-Bank. Schwerpunkte: Absatzfinanzierung, Konsumentenkredite und alles, was mit Kartenzahlungen zu tun hat (das Kartengeschäft dürfte auch die erstaunliche hohe Kundenzahl von knapp 8 Mio. erklären …).

Was bis heute ein großes Rätsel ist: Was hat sich die BPCE vom Kauf der Fidor-Bank Mitte 2016 eigentlich versprochen? Umgekehrt scheint der Fall klarer: Bei Fidor hoffte man, mithilfe der finanzkräftigen BPCE in den französischen und später womöglich in weitere europäische Märkte zu expandieren. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen belasteten hohe Verluste aus Kreditengagements das Verhältnis zwischen München und Paris. Bis sich die Franzosen – so stellt es sich von außen betrachtet jedenfalls dar – mit der Oney Bank ein neues Ziehkind suchten.

Bedeuten die Deutschland-Pläne von Oney also möglicherweise den endgültigen Liebesentzug für Fidor?

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