Analyse

Der Zins ist tot. Es lebe: Die Zinssubvention durch die EZB

11. Dezember 2020

Von Christian Kirchner

Klar ist das alles wichtig, was wir hier tagein, tagaus besprechen. Die Sorgen und Nöte unserer Fintechs. Der Verteidigungskampf der Girocard gegen Visa und MC. Die Versuche unserer Banken, bei den Gebühren immer noch ein bisschen mehr draufzusatteln.

Indes: Ab und zu muss man sich auch mal auf das besinnen, was wirklich zählt. Sprich – aufs Zinsgeschäft, das immer noch für drei Viertel der Erträge des deutschen Bankensektors steht. Wir haben die gestrige EZB-Sitzung (hier eine nachrichtliche Zusammenfassung bei „Reuters“) also zum Anlass genommen, uns noch einmal ganz genau anzuschauen, wie’s bei unseren Banken und Sparkassen im Kredit- bzw. Zinsgeschäft denn nun aussieht.

Voilà:

1.) Irgendwann im Laufe dieses Jahres ist der Volumeneffekt brutal an seine Grenzen gestoßen

Im ersten Halbjahr sah’s, was das Zinsgeschäft angeht, ja plötzlich noch mal ganz gut aus bei den deutschen Banken. 16,5 Mrd. Euro Überschuss bei den 20 größten (von der EZB überwachten) Instituten, verglichen mit 16,0 Mrd. Euro im Vorjahreszeitraum. Stichwort: Corona-Sonderkonjunktur.

Indes: Schaut man in die Q3-Berichte, dann zeigt sich, dass das Zwischenhoch schon wieder vorbei ist.

Exemplarisch (jeweils die Veränderung des Zinsergebnisses im Q3 vergleich mit dem Vorjahresquartal):

  • Commerzbank: -3%
  • Deutsche Bank: -15% (okay, mit Schrumpf- und Umbauarbeiten)
  • Privatkundensparte der Deutschen Bank: -1%
  • ING: -4%
  • DKB: -2%
  • Unicredit: -4%

Und schon aus unserer kleinen Sparkassen-Stichprobe aus dem Sommer wissen wir, dass das – vermutlich – bei kleineren Instituten nicht anders aussieht.

Kurzum: Die in den vergangenen Jahren von vielen Banken und Sparkassen verfolgte „Volumen gleicht Marge aus“-Strategie ist in diesem Jahr an ihre Grenzen gestoßen. Das zeigt auch eine Grafik, die sich im Finanzstabilitäts-Bericht der EZB von vorvergangener Woche findet. Demnach überlagerte in ganz Europa im Q2 erstmals der Verlust an klassischer Zinsmarge den Volumeneffekt (Der blaue Punkt ist unter der Nulllinie, d.h. die Zinsüberschüsse beginnen nun zu sinken.)

2.) Woher Christian Sewing seinen Zinsoptimismus nimmt, ist eher schleierhaft

Auf dem  Deutsche-Bank-Investorentag diese Woche traf Vorstandschef Christian Sewing eine erstaunliche Aussage: Im Zinsgeschäft beginne der Gegenwind nachzulassen.

Eingeständnis: Die Deutsche Bank geht wieder mehr ins Risiko

Nun wollen wir Herrn Sewings Gefühl für Wind nicht infrage stellen. Trotzdem ist zu fragen: Worauf fußt dieser Optimismus? Denn: Von einem Inflationsdruck, der die EZB gegebenenfalls zu Zinsanhebungen nötigen könnte, ist nichts zu sehen. Bis 2023 legt sich hier die EZB selbst fest. Die Inflationsrate lag im November mit minus 0,3% den vierten Monat in Folge im negativen Bereich. Für 2021 nannte die EZB gestern eine Prognose von nur 1% (nach 0,3% in diesem Jahr). Also weit weg vom „knapp 2%“-igen Inflationsziel.

Beispielhaft: Selbst portugiesische (portugiesische!) Staatsanleihen Portugals mit zehn Jahren (zehn Jahren!) Restlaufzeit rentieren nur noch mit 0%. Würde die Deutsche Bank ihre unverzinsten (kurzfristigen!) Einlagen nach Portugal tragen, sie verdiente nichts daran. Fristentransformation? Zinskurve? War da mal was?

Zuletzt jedenfalls ist die ohnehin flache Zinskurve noch flacher geworden. Und die EZB hat gestern keinerlei Signale gegeben, dass sich daran zeitnah etwas ändern wird.

3.) Die natürlich Zinsmechanismen sind tot. Was bleibt, das ist TLTRO

Drohende Kreditausfälle (wegen Corona). Das Ende des Volumen-Spiels (ebenfalls wegen Corona). Und dann auch noch der Nullzins. Mit Verlaub: Was für ein Clusterfuck! Kein Wunder, dass die EZB „ihren“ Banken zwischen 2020 und 2022 nur noch eine durchschnittliche jährliche Eigenkapitalrendite 2020-2022 von 1,7% zutraut. Zum Vergleich: Vor Corona waren es bei den größeren Banken der Eurozone im Schnitt 7-8%.

Würde die EZB, um die Konjunktur anzukurbeln, die Zinsen einfach weiter senken, würde damit nicht nur die Restprofitabilität der Banken ausgehöhlt. Sondern: Es fragt sich, ob das konjunkturell überhaupt etwas bringen würde. Denn: Die Banken sind 1.) mit sich selbst beschäftigt und 2.) haben sie Angst vor Kreditausfällen, so dass sie 3.) auf Kreditvergabe momentan eher wenig Lust haben. So sieht das auch EZB-Ratsmitglied Isabel Schnabel, die in einer Rede Ende August dem Sinn nach erklärte: Ab einem gewissen negativen Zinssatz – sie nannte es „Reversal rate“ –  überwögen bei weiteren Senkungen die negativen die positiven Effekte.

Was bleibt da noch? TLTRO. So heißen die langfristigen Finanzierungsoperationen zwischen EZB und Großbanken, in denen diese sich Letztere bei Ersterer Geld zum Festzins teils deutlich unterhalb des Leitzinses (nämlich unter bestimmten Bedingungen zu minus 1 Prozent) leihen können. Auch gestern wurde noch einmal deutlich, dass die TLTROs, die ausgeweitet und verlängert wurden, das Standard-Instrument der EZB zu werden scheinen, zugleich etwas für die Banken zu tun und für die Unternehmen.

Schon im September errechneten Strategen, dass sich die Effekte aus den Negativzinsen auf Überschussliquidität auf der einen und die Einsparungen durch Freibeträge sowie eben jene TLTRO-Operationen im wesentlichen neutralisieren. Baut die EZB ihre TLTRO-Programme weiter aus, wird daraus womöglich eine kleine Banken-Subvention. In Zahlen: Alleine die gestrigen Maßnahmen dürften die Gewinne der Eurozonen-Banken nächstes Jahr um 3-4% anheben, schätzen Analysten.

4.) Die deutschen Banken verteidigen ihre Baufi-Margen wie ein Kartell die Löwen

Wie aber gehen die hiesigen Banken mit all dem im Alltagsgeschäft um? Die eine Seite der Zinsspanne ist flott erklärt – die Einlagenzinsen für Neugeschäft sind seit nunmehr zwei Jahren nahe bzw. auf null Prozent, die Renditen von Bundesanleihen krebsen im negativen Bereich, aktuell bringt eine zehnjährige Bundesanleihe minus 0,6% (Nicht-)Rendite ein – wie schon im Sommer 2019.

Wie schaut’s indes auf der anderen Seite aus, also bei den Zinsen, die Banken für Kredite im Schnitt beim Neugeschäft effektiv aufrufen können?

Blicken wir dazu in die Bankenstatistik der Bundesbank

Folgendes fällt auf:

  • Die hiesigen Banken setzen bei Unternehmenskrediten wieder höhere Zinsen durch, obwohl sich ihre eigenen Refi-Bedingungen zumindest nicht verschlechtert, sondern eher verbessert haben
  • Bei kurzfristigen Immobilienkrediten – hier ein kleiner Erinnerungs-Link – waren die Effektivzinsen für Schuldner mit Top-Bonität Mitte 2019 nahe Null gedrückt worden. Dann jedoch zogen Banken und Sparkassen offenbar eine Haltelinie ein (wobei wir mit dieser Formulierung selbstverständlich keinen Kartellverdacht suggerieren wollen). Und das, obwohl sich die Refikosten zuletzt sogar weiter verbilligten. Also endlich mal ein Beispiel, dass sich deutsche Geldinstitute dem Margendruck nicht unendlich aussetzen müssen. Fast tröstlich.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing