Exklusiv

Deutsche Bank buchte 300 Mio. € Bankenabgabe in „Bad Bank“

19. Januar 2021

Von Christian Kirchner

Das zuletzt herausragende Abschneiden der Investmentbanking-Sparte der Deutschen Bank ist in Teilen einer bislang öffentlich unbekannten bilanziellen Manöver geschuldet, zeigen gemeinsame Recherchen von „Süddeutscher Zeitung“ und „Finanz-Szene.de“. Konkret verbucht das Institut rund die Hälfte der Aufwendungen für die Bankenabgabe seit Anfang 2020 nicht länger im Investmentbanking, sondern in der „Capital Release Unit“ genannten „Bad Bank“. Dabei geht es um insgesamt 300 Mio. Euro.

Mit einem bisschen analytischem Aufwand lässt sich die pikante bilanzielle Volte aus den „Earnings Reports“ für die einzelnen Sparten und indirekt auch aus den CFO-Präsentationen zu den Q-Zahlen extrahieren. Aktiv kommuniziert wurde die Maßnahme seitens der Bank nicht. Auch eine Aufschlüsselung, welcher Teil der Bankenabgabe wo verbucht wurde und wird, liefert die Bank nicht. Laut der Bank gebe es allerdings bei der Allokation der Bankenabgabe klare Bilanzregeln, denen man folge und die keine Gestaltungsmöglichkeiten ließen.

Durch den Recherchefund relativieren sich die (auch von uns hier zuletzt regelmäßig gelobten) Erfolge der Deutschen Bank im Investmentbanking zumindest ein Stück weit. Zur Einordnung: Bekanntermaßen könnte das größte hiesige Geldinstitut 2020 trotz Corona-Krise erstmals seit 2014 (der 2018er Gewinn wäre in neuer Segmentstruktur nicht angefallen) wieder einen Gewinn erwirtschaftet haben.

So gingen Analysten zuletzt von einem positiven Nachsteuerergebnis von 109 Mio. Euro aus – verglichen mit einem Verlust in Höhe von 5,7 Mrd. Euro im Jahr zuvor. Dieser Gewinn wird auch bankenweit nach allen Kosten, Steuern und auch der Bankenabgabe erwartet. Indes: Mit weitem Abstand hauptverantwortlich für den Gewinn dürfte der Bereich Investmentbanking werden. Und der glänzt intern nicht nur, weil an den Märkten gerade „viel los“ ist.

Wie die Deutsche Bank konkret an ihren Bilanzen fummelte (I)

Kommen wir nun zur eigentlichen Analyse (wofür wir, sehen Sie uns das bitte nach, ein wenig ausholen müssen):

  • Im Grunde hing das Abschneiden der Deutschen Bank zuletzt mehr oder weniger an zwei Komponenten, nämlich erstens an der inzwischen wieder hochprofitablen Investmentbank (Eigenkapital-Rendite 9M 2020: 10,6%) und zweitens an der naturgemäß hochdefizitären „Bad Bank“ (Eigenkapital-Rendite 9M 2020: minus 28,6%)
  • In der Kommunikation der Deutschen Bank allerdings geht es in der Regel um die „Kernbank“, also um die Gesamtbank ohne Bad Bank. Hieran soll Ihr uns messen, lautet stets die Botschaft an Analysten, Investoren und Öffentlichkeit
  • Auch wenn die Deutsche Bank im zurückliegenden Jahr bei den Erträgen Fortschritte gemacht hat, so rührt die Ergebnisverbesserung doch in erster Linie aus den gesunkenen Kosten – dafür gibt es auch von den Analysten viel Lob
  • Konkret: Die Kosten sind zuletzt elf Quartale in Folge gesunken. Es geht hier in der Kommunikation üblicherweise um die „um Transformationskosten und Bankenabgabe bereinigten“ Kosten
  • Wo und wie genau das Institut indes die Bankenabgabe verbucht und bereinigt, das wird – anders als etwa Kosten für Restrukturierungen, Transformation, Rechtsstreits oder Abschreibungen – nicht im umfangreichen Finanzdaten-Anhang ausgewiesen, der quartalsweise veröffentlicht wird …
  • … sondern: Einblicke in die Verbuchung der Bankenabgabe finden sich allenfalls von Zeit zu Zeit in Formulierungen im Quartalsbericht sowie in den quartalsweisen Erläuterungen des Finanzchefs James von Moltke zu den Spartenergebnissen
  • Nun muss man weiterhin wissen: Die seit 2011 jährlich von Banken und Sparkassen zu entrichtende Bankenabgabe bemisst sich an Volumen und Risiko des Geschäfts – dazu gehören beispielsweise die Einlagen oder auch der Derivatebestand, und sie werden anhand der Daten von vor zwei Jahren erhoben – also beispielsweise zahlen Institute Anfang 2020 für 2018.
  • Verbucht wird der allergrößte Teil der Bankenangaben auch bei der Deutschen Bank – wie bei anderen Instituten auch – stets im ersten Quartal

Wie die Deutsche Bank konkret an ihren Bilanzen fummelte (II)

Um zu verstehen, was die Deutsche Bank im Jahr 2020 plötzlich anders machte, muss man erst einmal in das Referenzjahr 2019 schauen …

  • 2019 stellte Deutsche Bank im Q1 insgesamt 604 Mio. Euro für die Bankenabgabe zurück
  • Weder im 31-seitigen Finanzanhang zu den Q-Zahlen (siehe hier) noch im 33-seitigen ausführlichen Quartalsbericht (siehe hier) ging das Institut damals näher auf die Bankenabgabe ein in der Frage, wo eigentlich welche Abgaben dieses „Brockens“ von 0,6 Mrd. Euro verbucht werden …
  • … dafür allerdings lieferte CFO von Moltke in seiner Präsentation zu den Q1/2019-Zahlen (auf Seite 12) ein Detail: Von den Gesamtkosten des Investmentbankings in Höhe von  3.393 Mio. Euro (bereinigt: 3.367 Mio. Euro) seien 535 Mio. Euro auf die Bankenabgabe entfallen.
  • Sprich: Das Investmentbanking musste damals 88% (also 535 Mio. Euro von 604 Mio. Euro) der Bankenabgabe der Deutschen Bank stemmen. Was (auch) dazu beitrug, dass das Investmentbanking das damalige Quartal mit einem Vorsteuerverlust von fast 90 Mio. Euro abschloss.
  • Spulen wir nun ein Jahr vor ins Q1 2020. Die Deutsche Bank befindet sich inzwischen (im Juli 2019 war bekanntlich die neue Strategie verkündet worden …) in der Transformation, hat die Zuschnitte der Sparten verändert und besagte „Bad Bank“ gegründet …
  • … und was ist mit der ein Jahr zuvor auf Quartalssicht noch defizitären Investmentbank? Die hat von Januar bis März urplötzlich 622 Mio. Euro vor Steuern verdient. Genau dieser „Turnaround“ war es, der seitdem das allgemeine Narrativ zur Deutschen Bank ganz wesentlich prägt: Klar, da draußen ist Corona – doch dank ihres Comebacks im Investmentbanking kann sich das wichtigste Geldinstitut der Republik dem Negativsog bislang auf beeindruckende Weise entziehen …
  • Vergleicht man nun die Moltke-Q1-2020-Präsentation mit der Moltke-Q1-2019-Präsentation, so gleichen die Kästen zur  Kostenentwicklung (Seite 21) weitgehend jenen des Vorjahres. Bis auf ein Detail: Der Hinweis zur Höhe der Bankenabgabe fehlt diesmal (ups!).
  • Nun muss allerdings fairerweise sagen, dass dafür nun der ausführliche Quartalsbericht mehr Informationen enthält, als das ein Jahr zuvor der Fall war: Auf 503 Mio. Euro beläuft sich nun die Bankabgabe im Q1 2020. Im Q2 übrigens werden noch 124 Mio. Euro hinzukommen, so dass es in Summe 2020 dann also 627 Mio. Euro sein werden.
  • Von den 503 Mio. Euro im ersten Quartal indes, so steht es im ausführlichen Quartalsbericht (was wir und andere Beobachter damals übersehen hatten) entfielen plötzlich nur noch 124 Mio. Euro auf die Investmentbank. Dagegen waren 247 Mio. Euro nun wo verbucht? Genau, in der Bad Bank. Im Q2 kamen dann in dieser Bad Bank noch einmal 54 Mio. Euro hinzu, womit sich dann die weiter oben genannten 300 Mio. Euro (um exakt zu sein: 301 Mio. Euro) der Bank Bank ergeben.
  • In der Investmentbanking-Sparte hingegen strampelt man seit 2020 fortan gegen 388 Mio. Euro geringere Kosten der Bankenabgabe als im Vorjahr
  • Nähere Aufschlüsselungen, wie sich die Bankenabgabe auf andere Sparten auswirkt, gibt es damals nicht.

So sieht das Ganze somit im direkten Vergleich aus:

in Mio. Euro 2019 2020 Veränderung
Bankenabgabe gesamt 604 627 + 23
davon Investmentbanking 535 147 – 388
davon „Bad Bank“ 0 301 + 301
davon nicht definiert 69 179 + 110

Stand 30.9.2020, Quelle: Quartalsberichte, Präsentationen, eig. Berechnungen

Was die Deutsche Bank selbst zu ihrem Manöver sagt

Nun ist eines wichtig: Dass Vermögenswerte und Geschäfte in interne „Bad Banks“ transferiert werden, war ein bei Banken nach der Finanzkrise übliches Verfahren, auch, dass solche Manöver dem Ziel dienen, die Vorzüge der profitablen Bereiche sichtbarer zu machen. Und: Die „Bad Bank“ der Deutschen Bank wurde annähernd ausschließlich mit Vermögenswerten und Geschäften der Investmentbank bestückt. Daher – so wird es jedenfalls im Umfeld der Deutschen Bank dargestellt – sei es logisch, auch die Bankabgabe in der „Bad Bank“ zu verbuchen. Spielräume gebe es da keine.

In einer Stellungnahme des Instituts heißt es: „Innerhalb der Deutschen Bank AG ist die Aufteilung der Bankenabgabe, wie auch die Aufteilung der anderen Ertrags- und Aufwandspositionen auf die Segmente, transparent und objektiv. Bei der Allokation der Bankenabgabe auf die Segmente bilden wir soweit möglich die Methodik des Single Resolution Board ab. Dies entspricht auch dem Rechnungslegungsstandard IFRS. Unser Ansatz zur Bewertung des Segmentergebnisses ist in unserem Jahresabschluss 2019, Seite 267 (englische Version), Anmerkung 4, detailliert dargelegt. Dieser Ansatz gilt für alle Segmente inklusive der CRU gleichermaßen.“

Ob indes die Attribute „transparent“ und „objektiv“ wirklich zutreffend sind – darüber ließe sich streiten. Schließlich sind die Konsequenzen dieses bilanziellen Manövers in den Tiefen ihrer Präsentationen verborgen. Eine Aufschlüsselung, wie sich die insgesamt mehr als 500 Mio. Euro Bankenabgabe exakt über die Sparten verteilen, liefert das Institut bis heute nicht.

Die überragende Bedeutung der „Bad Bank“ für die Deutsche Bank

Was auch immer man letztlich von dem 300-Mio.-Euro-Move halten mag: In jedem Fall unterstreicht es die überragende Bedeutung der „Bad Bank“ für die Profitabilität der Investmentbanking (und damit des Gesamtergebnisses).

Um das Ausmaß zu verstehen, muss man sich folgende Berechnungen vor Augen führen: Mit dem Umbau des Konzerns ab Juli 2019, in dessen Zuge auch die Bereiche neu zugeschnitten wurden (Gründung der „Bad Bank“, Wechsel der Transaktionsbank aus der Investmentbank in die „Corporate Bank“), hat die Deutsche Bank auch rückblickende „Pro forma“-Ergebnisse erstellt, wie denn die Konzernergebnisse in der neuen Struktur 2018 ausgefallen wären. Auf dieser Basis ergibt sich – Stand heute – folgendes Bild beim Vorsteuergewinn seit Anfang 2018 (Hervorhebung von uns):

in Mio. Euro 2018 2019 9M 2020 Summe
Gesamtbank 1.330 -2.643 846 -467
Corporate Bank 1.254 92 399 1.745
Private Bank 616 -279 -133 204
Investment Bank 958 502 2.575 4.035
Asset Management 368 468 387 1.223
Corporate & Other -461 -247 -597 -1.305
Kernbank 2.735 536 2.630 5.901
Bad Bank (CRU) -1.404 -3.170 -1.784 -6.358

Quelle: Deutsche Bank

…  woraus folgt: Die Investmentbank hat in den ersten neun Monaten des letzten Jahre 98% des Vorsteuergewinn der „Kernbank“ erwirtschaftet – aber auch um den Preis, dass sich in der „Bad Bank“ (inklusive Bankenabgabe!!!) seit Anfang 2018 und September 2020 rund 6,4 Mrd. Euro Verluste vor Steuern aufgetürmt haben und laut Analystenschätzungen 2021 und 2022 weitere Verluste hinzukommen.

Kein Wunder, dass die Deutsche Bank daher auf dem Weg zum Langfristziel von 8% Eigenkapitalrendite (fairerweise angemerkt: inklusive „Bad Bank“) lieber über die herausgeputzten Sparten spricht. Die „Capital Release Unit“ hingegen? Ist das Schmuddelkind, das kaum noch öffentlich gezeigt wird.

Vergleicht man das Transkript des Investorentags im Dezember 2019 mit dem aus dem Dezember 2020, so stieg die Zahl der Nennungen von Investmentbanking, Private Bank und Asset Managements signifikant an. Dagegen kam das Wort „Capital Release Unit“ statt 42-mal im Jahr 2019 nur noch 9-mal vor; eine eigene Präsentation zu der Sparte (in der weiterhin 36% der operativen risikogewichteten Aktiva) fehlte – anders als 2019 – sogar ganz.

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