Analyse

Deutsche Bank: Fünf (bittere) Erkenntnisse zur Retailsparte

1. April 2020

Von Christian Kirchner

Mit dem Privatkundengeschäft der Deutschen Bank ist es so eine Sache. Es lief, so viel steht fest, schon Prä-Corona nicht sonderlich gut: Die Erträge sollten laut der im Dezember gesenkten Prognose bis 2022 stagnieren. Und der Gewinn ging zuletzt zurück. Aber woran liegt’s? An den Kosten? Den Erlösen? Der Risikovorsorge?

Auskunft darüber gibt üblicherweise der Geschäftsbericht der DB Privat- und Firmenkunden AG, quasi das Herzstück des Privatkundengeschäfts mit den Marken Deutsche Bank und Postbank. Das Dokument ist diese Woche erschienen (hier), allerdings – anders als 2019 – ohne gesonderte Medienmitteilung.

Wühlt man sich durch die 34 Seiten, ereilt einen ein Gefühl, das man schon mal im Februar hatte, als Deutsche-Bank-CEO Christian Sewing die Jahreszahlen der Gesamtbank präsentierte – und mit einigen erstaunlichen Kennziffern wie den um Zinskosten bereinigten bereinigten Erträge um die Ecke kam …

Der Geschäftsbericht der DB Privat- und Firmenkunden AG (in der Folge „DB Privat“ genannt) lässt wie folgt zusammenfassen: Ja, der Gewinn 2019 ist gesunken. Aber so kann man es eigentlich nicht sagen, denn der Bericht relativiert viel und lässt – zumindest auf den ersten Blick – kaum Vergleiche zu. Es wimmelt nämlich von Einmaleffekten wie einer Immobilien-Transaktionen, Verkäufen von Kreditportfolien, einer Abschreibung von Software, einem Geschäft mit der Mutter und natürlich den „Integrationskosten“.

Kann man sich die Analyse also schlicht sparen? Nein! Hier die fünf wichtigsten Erkenntnisse:

1.) Das Zinsgeschäft steht dermaßen unter Druck, dass weder Kosten noch Provisionen den Rückgang ausgleichen können

Simple Frage: Wie war das Jahr der „DB Privat“ auf Konzernebene (IFRS) und wie fiel es im Vergleich zu 2018 aus?

in Mio. € 2018 2019 + / – in %
Zinsüberschuss 4.012 3.683 -329 -8
Provisionsüberschuss 1.757 1.821 64 4%
Kosten 5.057 4.990 -67 -1%
Ergebnis vor Steuern 1.006 622 -384 -38%

Quelle: GB DB PFK AG 2019, vor Risikokosten

Die Zahlen offenbaren ein zentrales Problem: Der Rückgang des Zinsüberschusses ist so massiv, dass ihn der leichte Anstieg des Provisions-Überschusses und der Rückgang der Kosten nicht ausgleichen können. Nun ist es richtig, dass hier Einmaleffekte insbesondere im Jahr 2018 das Bild verzerren und auch den Ertrags- und Gewinnrückgang zum großen Teil erklären. Aber lassen wir 2018 einfach mal beiseite und vergleichen 2019 stattdessen mit 2017:

in Mio. € 2017 2019 + / – in %
Zinsüberschuss 4.187 3.683 -504 -12%
Provisionsüberschuss 1.794 1.821 27 2%
Kosten 5.329 4.990 -339 -6%
Ergebnis vor Steuern 706 622 -84 -12%

Quelle: GB DB PFK AG 2019, vor Risikokosten

Es zeigt sich. Die Sparte hat jenseits von Einmaleffekten ein strukturelles Problem. Die Cost-Income-Ratio ist 2019 bei 84% angekommen. Der Zinsüberschuss sinkt rasant, seit 2017 ist eine halbe Milliarde Euro weggefallen. Der Provisionsüberschuss kommt nicht aus der Hufe, und das, obwohl 2019 ein sehr starkes Börsenjahr war. Und an dieser Kerndiagnose lässt auch der Geschäftsbericht keinen Zweifel. Das zeigt ein Abgleich mit den Prognosen —

2.) Die Konzern-Prognosen wurden fast alle verfehlt

Ein schneller Blick auf das „Wording“ in der Konzern-Berichterstattung der „DB Privat“ und der darin enthaltenen Segment-Berichterstattung zu den „Marken“ Deutsche Bank und Postbank:

(2019 „ist“ vs. Prognose 2019)
Konzern Deutsche Bank Postbank
Erträge schlechter besser schlechter
Kosten schlechter gleich gleich
Risikovorsorge gleich besser gleich
Gewinn v. Steuern schlechter besser schlechter

Gleich dreimal wurde die Prognose auf Konzernebene also verfehlt. Zum Thema „Erträge“ zum Beispiel wird in diesem Zusammenhang auf „Margenkompression“, „negative Zinskurveneffekten“ und „geringere Erträge aus dem Vermittlungsgeschäft mit Wertpapieren“ verwiesen. Kurzum: Es läuft ertragsmäßig einfach überall nicht gut. Und das – man kann es nicht oft genug betonen – vor Corona.

Aber betrachten wir die obige Tabelle noch einmal genau. Denn dann fällt auch auf, wer hier nach der Definition der DB Privat- und Firmenkundenbank und ihrer Marken Deutsche Bank und Postbank „performt“ hat – nämlich die Deutsche Bank. Und wer nicht? Die Postbank.

3.) Die Marke Deutsche Bank strahlt

Die „Marke“ Deutsche Bank in der Segment-Berichterstattung:

in Mio. € 2018 2019 Veränderung
Zinsüberschuss 1.910 1.992 + 4%
Provisions-Überschuss 822 870 + 6%
Kosten insgesamt 2.371 2.218 – 7%
Ergebnis vor Steuern 386 678 + 76%

Dunnerlitt! Das sind mal imposante Zahlen. Und, nein, beim Ergebnis vor Steuern fehlt kein Komma, plus 76% bzw. plus 292 Mio. Euro. Da wird’s im Geschäftsbericht dann gleich auch schwärmerisch. „Dieser Ergebnisanstieg wurde in einem weiter herausfordernden Marktumfeld erzielt“, heißt es da. Bei den Kosten rühmt man sich eines „strikten Kostenmanagements“.

Und nun zur Postbank:

in Mio. € 2018 2019 Veränderung
Zinsüberschuss 2.270 2.273  0%
Provisions-Überschuss 870 871 0%
Kosten insgesamt 2.402 2.538 + 6%
Ergebnis vor Steuern 557 395 – 29%

Mmmhhhh.. Keine Fortschritte bei den Erträgen. Die Kosten rauf. Das Ergebnis runter. Warum? Okay, eine 138 Mio-Euro-Abschreibung auf Software ist da drin. Aber da wäre ja auch noch die „Margenkompression“, die „geringeren Erträge aus dem Wertpapiergeschäft“, wie es im Bericht heißt.

Klarer Tenor: Während die Deutsche Bank strahlt, geht bei der Postbank nichts voran. Doch ist dem wirklich so?

4.) Die „Marke“ Deutsche Bank strahlt, weil man sie strahlen lässt

Betrachtet man die obigen Zahlen im Vergleich zum Vorjahr, könnte man als Postbank-Mitarbeiter depressiv werden und neidvoll auf die „Blaubank“ blicken.

Nur ist die Entwicklung eben nicht nur der operativen Veränderung geschuldet. Auf Seite 21 im Geschäftsbericht findet sich auch der Hinweis, man habe 2019 „die Zuordnung der Ergebnisbeiträge angepasst, um die Management-Verantwortung sachgerechter abzubilden“.

Eine harmlose Formulierung für einen weitreichenden Eingriff. Damit man dann 2019 doch noch mit dem Vorjahr vergleichen kann, wurde der gute Ordnung halber auch 2018 „rückwirkend angepasst“.

Diese Maßnahme erklärt offiziell auch Teile der Prognose-Abweichungen. Denn bei der Prognose habe man ja die neuen Zuordnungen noch gar nicht gekannt. Man müsse daher die Prognose-Abweichungen „vor dem Hintergrund der Anpassung“ sehen.

Was genau ist passiert?

  • Man packte die Infrastrukturausgaben der Marke Postbank in das Segment „Übriges“, da sind auch die entsprechenden Ausgaben der Marke Deutschen Bank drin
  • Und aus dem Segment „Übriges“ wurden dann Infrastrukturkosten „verursachungsgerecht“ wieder den Marken Deutsche Bank und Postbank zugeordnet.
  • Auch das Geld- und Kapitalmarktgeschäft beider Marken wanderte in das Segment „Übriges“

Legt man nun die neuen „rückwirkend angepassten“ Zahlen der Segmente für 2018 aus dem aktuellen Geschäftsbericht 2019 neben den alten Geschäftsbericht 2018, ergeben sich folgende Veränderungen:

Veränderung der 2018er Zahlen (neu) versus 2018 (alt):

Postbank Deutsche Bank
Zinsüberschuss + 81 – 42
Provisionsüberschuss – 31 + 1
Kosten insgesamt – 165 + 153
Ergebnis vor Steuern -147 -204

Vereinfacht gesprochen vergleicht sich die Postbank also 2019 mit einem nunmehr 81 Mio. Euro höheren Zinsüberschuss im Vorjahr, die Deutsche Bank mit einem 42 Mio. Euro niedrigeren.

Einschneidend sind die Neuzuordnungen bei den Kosten. Hier standen im 2018er Abschluss bei der Postbank 2.567 Mio. Euro in der Segmentberichterstattung. Neu zugeordnet sind es 2018 nur noch 2.402 Mio. Euro gewesen. Das heißt aber auch: Die Postbank vergleicht sich bei den Kosten nunmehr mit im Vorjahr 165 Mio. Euro niedrigeren Kosten.

Bei der Marke Deutsche Bank ist es umgekehrt. Hier fallen die 2018er Kosten in der Neuzuordnung um 153 Mio. Euro höher aus, entsprechend vergleicht sich also die Deutsche Bank mit einem nunmehr viel höheren Wert 2018.

Dass die Deutsche Bank optisch bei den Kosten 2019 zum Vorjahr aber mal so richtig gut abschneidet (siehe oben, – 7% zum „neuen“ Vorjahreswert), die Postbank nicht (+6%), die Deutsche Bank bei den Erträgen brilliert, die Postbank nicht – all das muss man, wie auch die Prognoseabweichungen, tatsächlich auch in dem Kontext sehen, dass sich Bezugswert und Berechnung massiv verändert haben.

5.) Die Prognose stimmt düster

… denn sie lautet: Sinkende Gesamterträge. Höhere Risikovorsorge. Und ein insgesamt „moderat niedrigeres Ergebnis“. Ohne Berücksichtigung der Corona-Pandemie.

Und das, wo die „DB Privat“ doch das Herzstück des Privatkundengeschäfts des Gesamtkonzerns ist (hinzu kommt hier noch das Wealth Management ). Und soll dieses Privatkundengeschäft laut aktuellem Analystenkonsens nicht den Gewinn Jahr für Jahr steigern? 934 Mio. Euro vor Steuern in 2021, sogar 1,4 Mrd. Euro in 2022 …

Wie, bitteschön, soll das gehen?

Deutsche Bank feiert wundersame Auferstehung. Oder tut so.

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